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Serie Pape läuft (Folge 21)
Alles Leben ist Bewegung - Bewegung ist Aua

Serie Pape läuft (Folge 21): Alles Leben ist Bewegung - Bewegung ist Aua
In Anlehnung an Leonardo da Vincis vitruvianischen Menschen: Christian Pape wurde von Kopf bis Fuß vermessen. FOTO: Dirk Jansen/manus sinister
Beeck. Mit gemischten Gefühlen geht Christian Pape am Sonntag (2. Oktober, 10 Uhr) beim Köln-Marathon an den Start. Er verspürt Angst, aber auch wohlige Vorfreude.

Schon länger habe ich mich an dieser Stelle nicht mehr zu Wort gemeldet. Ich könnte diverse Ausreden anführen, wie Bühnenauftritte oder die Vorbereitungen für "Pape grillt". Doch der Grund ist ein anderer. Zwei endlose Monate laufe ich nun schon nicht mehr nach Plan. Meine Trainingsvorgaben habe ich längst vermurkst. Die Trainingspläne schwimmen einsam in den Tiefen der Wegberger Kanalisation.

Mein ehrgeiziges sportliches Vorhaben scheint in unerreichbare Ferne gerückt. Der Frust und die Verzweiflung sitzen tief. Ich war beseelt vom Irrglauben, ich laufe unaufhaltsam der ewigen Jugend entgegen. Inzwischen quält mich die Frage, ob ich nicht doch nur ein altes, trampeliges Rhinozeros bin, gefangen im Körper eines voreilig angemeldeten Marathonläufers. Morgens schleiche in Zeitlupe ins Bad und stammele vor mich hin: "He han ich Ping. Do han ich Ping. Üverall Ping, Ping, Ping." Ein Nicht-Rheinländer würde denken, ich hätte mir gerade ein komplettes Menü beim Chinesen bestellt.

Mein Physiotherapeut Frank Hanswillemenke ist im Laufe der Zeit zu einem guten Freund der Familie geworden. Kein Wunder, wir sehen uns ja täglich. Wenn ich noch ein bisschen mehr Zeit mit ihm verbringe, müsste ich wohl einen neuen Wohnsitz anmelden. Sogar der sonntägliche Familienausflug mit Silvia und Amelie führt uns nicht mehr zum Minigolfspielen nach Tüschenbroich oder zum Bötchenfahren auf den Hariksee. Nein, wir fahren zum Kaffeetrinken zu den Hanswillemenkes. Während sich alle am frisch gebackenen Prummetaat mit doppelt Sahne erfreuen, gebe ich mich hoffnungsvoll dem Franzbranntwein hin. "Wenn du bei der Physiotherapie angefasst wirst, glänzen deine Augen viel mehr, als wenn ich dich berühre", doziert Silvia mit einem leichten Anflug von Eifersucht. Ich verschweige ihr, dass meine Augen vor Schmerzen tränen.

Es ist nur ein schwacher Trost, dass sich fast alle Langstreckenläufer schon mal mit einer hartnäckigen Achillessehnenentzündung rumschlagen mussten. Das Heimtückische an dieser Verletzung ist, dass die Ursache für den Schmerz nicht beim letzten Training gesetzt wurde, sondern beim Training von vor-vor-vorgestern. In der Zwischenzeit nimmt der Körper unbemerkt eine Schonhaltung ein. Leidtragende sind Leisten und Adduktoren. Deshalb mein Rat an alle Laufanfänger: Dieses jubilierende Gefühl, immer ausdauernder und schneller zu werden, berauscht die Sinne und öffnet so Übertraining und Verletzungen Tür und Tor. Es ist viel gesünder, den Ehrgeiz zu drosseln! Wenn der Trainingsplan 24 Kilometer vorsieht, nicht einfach 34 Kilometer laufen, nur weil man sich gut fühlt. Ich habe das "nähmlich" so gemacht. Und wer nämlich mit "h" schreibt, ist dämlich.

Jetzt starre ich im Ambulanten Centrum Erkelenz unruhig auf den Frottee-Spannbezug der Behandlungsliege, während Dr. Herzog Spritzen aufzieht, die in die Ummantelung meiner Achillessehne und in die schmerzenden Muskelgruppen gesetzt werden sollen. Ich kann Spritzen nicht so gut sehen. Schon gar keine, die in mich rein sollen. Und dann ist es so weit. Der stechende Schmerz schießt durch meinen Körper. Ich verkrampfe, und Dr. Herzog beruhigt mich: "Locker bleiben, Christian. Ich habe dir nur das Desinfektionsmittel aufgesprüht. Die Spritze liegt noch auf der Verpackung."

Im Anschluss geht es direkt weiter nach Köln zur Firma "Kom-Sport". Hier werden Leistungsdiagnosen und Bewegungsanalysen für Profisportler durchgeführt. Und heute mal für mich. Barfuß muss ich mich auf einen Scanner stellen und heraus kommt ein Foto, das aussieht, als wäre ich beim Anstreichen tollpatschig in verschiedene Farbtöpfe

getrampelt. Das Farbenspiel dient als Vorlage, um mir unterschiedlich große Keile unter meine geschundenen Pütterkes zu schieben. "Wofür die Keile?", frage ich naiv und erhalte eine Antwort, die ich so ganz sicher nicht hören wollte: "Dein linkes Becken hängt einen Zentimeter zu tief." "Wie bitte?" "Ja", sagt der Sportwissenschaftler. "Aber dafür steht dein rechtes Becken einen Zentimeter zu weit nach vorne." Sehr beruhigend! So krumm wie ich bin, grenzt es eigentlich an ein Wunder, dass ich noch nicht auf die schiefe Bahn gekommen bin. "Keine Sorge, dein Körper ist ganz normal schief. Fast jeder hat ein kürzeres Bein." Hm. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich als Kind mal barfuß über Schmirgelpapier gelaufen bin.

"Individuelle Laufschuheinlagen und neue Schuhe mit seitlichem Halt geben dir mehr Balance. Aber erst einmal Ruhe und Physiotherapie. Irgendwann wachst du morgens auf, und die Schmerzen sind weg. Die verlorene Zeit holst du eh nicht mehr auf", rät mir der Sportwissenschaftler. Vier Monate lang habe ich mein Leben auf ein Ziel ausgerichtet. Dann die Verletzung. Leere. Jetzt soll ich die Teilnahme am Marathon absagen? Meinen Startplatz womöglich bei eBay versteigern? Die Sonne scheint. Der Himmel ist wolkenlos. Kurzentschlossen schnappe ich mir meine neuen Laufschuhe und trabe los. Festen Willens, meine Schmerzen in den Staub zu treten. Endlich wieder Bewegung. Doch die Freude ist nur von kurzer Dauer. Ich spüre die besorgten Blicke der Spaziergänger. Trotz des sehr moderaten Tempos hat mein Kopf die Farbe einer Tomate. Einer verdammt reifen Tomate. Meine Beine laufen einfach nicht mehr leicht und präzise. Es wirkt, als hätte mich ein Jäger mit Rotwild verwechselt und abgedrückt. Hey, ich bin einst nach 34 Kilometern aufrecht nach Hause gewankt. Jetzt schlägt meine Pulsuhr nach nur 10 Kilometern Alarm. Auf dem Display leuchtet höhnisch: "Regenerationszeit: 4 Tage". Vier Tage Erholung für zehn Kilometer? Pah, der Sensor muss kaputt sein.

Ich kann nicht mehr. Stacheldraht um den Knöchel. Scherben im Oberschenkel. Vor unserem Haus steht Amelie: "Schnell, Amelie. Hol mir bitte die Kühlakkus aus dem Gefrierfach. Ich torkele ungebremst durch unseren Hausflur und falle der Länge nach auf die Couch. Ah, tut das gut. Bloßes Eis auf nackter Haut. Während ich mich noch frage, ob das Kühlakku nicht in ein Abtrockenhandtuch gewickelt werden muss, fallen mir vor Erschöpfung die Augen zu. Nach einer Dreiviertelstunde springe ich schreiend vom Sofa auf. Mein Knöchel ist dunkel gefärbt. Ich habe Gefrierbrand! Ich, der früher immer bei der Fernsehwerbung mitgesungen hat: "Außen Toppits - innen Geschmack."

Der Marathon rückt immer näher. Nach vier Monaten Training hätte ich die 42,195 Kilometer ambitioniert angehen können. Ich war topfit. Und jetzt? Beine aus Blei. Ich starte einen Feldversuch: Kann Glaube wirklich Berge versetzen? Ich könnte die Kampfrichter in Köln bitten, die Zeitabnahme erst am nächsten Tag abzubauen und die Jungs auf dem Besenwagen überreden, einen großzügigen Umweg zu fahren. Einfach nur so lange wie möglich durchhalten, das ist jetzt mein bescheidener Plan. Ich verspüre Angst, Unsicherheit, aber auch wohlige Vorfreude auf das kollektive Lauferlebnis. Ich starte am Sonntag um 10 Uhr. Und auf meinem Laufshirt steht dann geschrieben: "Der Dom ist das Ziel!" Irgendwann werde ich wahrscheinlich noch mal einen Marathon angehen, bei dem dann eine gute Zeit im Vordergrund steht. Und danach darf die Pulsuhr gerne anzeigen: "Regenerationszeit: 1 Jahr".

UNSER AUTOR CHRISTIAN PAPE (43) IST HUMORIST UND HOBBYLÄUFER. AM SONNTAG, 2. OKTOBER 2016, GEHT ER MIT RP-REDAKTEUR MICHAEL HECKERS (42) BEIM KÖLN-MARATHON AN DEN START.

Quelle: RP
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