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Leichtathletik
Auf Händen über die Ziellinie

Leichtathletik: Auf Händen über die Ziellinie
Monika Rausch in Uniform als Leutnant zur See mit Kolleginnen.
Erkelenz. Die Erkelenzerin Monika Rausch startete bei der 6. Militär-Weltmeisterschaft in Mungyeong. Und begeistert das dortige Publikum. Von Hans Groob

Bei hochrangigen Militärs aus mehreren Nationen wechselten die eigentlich staatstragenden Mienen in begeistertes Lächeln, während ringsherum die Zuschauer ihren klatschenden Beifall noch zu steigern wussten. Solch einen Zieleinlauf hatten sie noch nie erlebt: Beim Marathonlauf, der letzten Disziplin der 6. Militär-Weltmeisterschaft in der koreanischen Stadt Mungyeong, lief Monika Rausch, das "Erkelenzer Mädchen" im Rang eines Leutnants zur See, nach 42,195 Kilometern nicht wie üblich auf Sportschuhen, sondern per Handstand über die Ziellinie: "Diese Idee ist mir unterwegs gekommen. Da hat man ja genügend Zeit, über viele Dinge nachzudenken. Auch darüber, wieso ich jetzt hier sein kann. Angefangen hat nämlich alles in der Turngruppe beim TV 1860 Erkelenz mit Trainerin Birgit Jessat. Ihr und meiner Heimatstadt Erkelenz habe ich diesen besonderen Moment auf Händen gewidmet", sagt die 25 Jahre alte Sportwissenschaftlerin, die gerade noch mit dem Jetlag nach dem Heimflug aus Korea zu kämpfen hat.

Vom 30. September bis 11. Oktober hatten sich sportliche Soldaten aus 105 Nationen in Südkorea in der Region Mungyeong zu den 6. Militär-Weltmeisterschaften getroffen. Dieser globale Wettbewerb wird im olympischen Vier-Jahres-Rhythmus ausgetragen und fand zuvor 1995 in Rom, 1999 in Zagreb, 2003 in Catania, 2007 in Hyderabad (Indien) und 2001 in Rio de Janeiro statt. In 24 Sportarten gingen diesmal 4276 Aktive auf Medaillenjagd, Brasilien stellte mit 281 die meisten, die Gastgeber 266 und Deutschland 184. Im Medaillenspiegel lag Russland mit 135 Edelmetallplaketten (davon 59 in Gold) vorne, von 33 Medaillen für Deutschland glänzten acht in Gold. Neben zehn Silber- und 15 Bronzemedaillen galt es aber auch, zahlreiche persönliche Bestmarken oder eben "nur" WM-Buchwerte zu notieren.

Auge in Auge mit dem Drachen: Monika Rausch haucht dem Maskottchen der Militär-Weltmeisterschaft in Korea ein Luftküsschen zu.

Ein solcher waren die 3:08,47 Stunden von Monika Rausch im Marathon, den sie nach eigenem Bekunden ganz entspannt angegangen ist, "denn im Vorfeld hatte ich keine Zeit mehr zu einem langen Test". Doch plötzlich war sie Vorletzte im 42er-Feld, das einen profilierten Kurs vor sich hatte: "Weil alle ganz schön losgeknallt sind."

Die ersten zehn Kilometer führten über eine gesperrte Autobahn, "da war ich noch mit einer Niederländerin unterwegs, danach aber alleine, was sehr hart war". In schöner Landschaft - mal einsam auf dem Land, mal in der Stadt - fiel Monika Rausch die Freundlichkeit der Einheimischen auf, "die allen Startern immer wieder zuwinkten, anlachten oder auch in Koreanisch anfeuerten". Das beflügelte auch die Deutsche, die selbst nicht aus dem strahlenden Lächeln herauskam und sich peu à peu auf Rang 24 vorarbeitete. Ganz wichtig war für die junge Soldatin, gesund durchzukommen und die Mauer des Quälens bei 30 Kilometer zu überwinden. Das ist gelungen: "Selbst bei 37 konnte ich noch mit unserem Teamkoordinator quatschen und wie ein Uhrwerk meinen 4:30er-Schnitt runterlaufen". Die mal ins Auge gefasste Zeitverbesserung um 2:50 Stunden hat sie schnell fallenlassen: "Das spürt man ganz schnell."

Die Chance, überhaupt zum deutschen Team für die Militär-Weltmeisterschaft zu gehören, hat sie selbst ergriffen, als ihr in einer dienstlichen Wartezeit in einer Fachzeitung ein Suchaufruf der Bundeswehr für die Crosslaufmannschaft auffiel. Das Motto: Völkerverständigung, sprich "Freundschaft durch Sport", sich länderübergreifend auszutauschen und bei fairen Wettkämpfen zu messen. Da war von der WM noch nicht die Rede, war diese doch eigentlich nur Angehörigen der Sportfördergruppen vorbehalten. Da Monika Rausch aber im Frühjahr in Hamburg einen ordentlichen Marathon in 2:51:48 Stunden gefinisht hatte und in der Vorbereitung darauf sogar Bayerische Meisterin über 10.000 Meter in 36:24 Minuten geworden war, bekam sie die Nominierung für Südkorea.

Sportlich war Moni, wie sie von Freunden gerufen wird, schon als "Mini" in der Turnhalle beim TV 1860 Erkelenz, hat an Vereins- und Stadtmeisterschaften teilgenommen. Aber auch im Gladbacher Turngau und im Rheinischen Turnerbund war sie ausgezeichnet unterwegs. Und schließlich brachte die Zusammenarbeit zwischen Verein (ETV) und Schule (Cusanus-Gymnasium Erkelenz) eine unvergessliche, weil erfolgreiche Zeit: 2003 und 2004, da war Moni 13 und 14, wurden fünf Cusanerinnen (Ruth Reiners, Linnea Schöpfs, Anna Savvaidis, Cynthia Gaidzik und Monika Rausch) nicht nur NRW-Landesmeisterinnen beim attraktiven Schulsportwettbewerb "Jugend trainiert für Olympia", sondern starten folglich auch beim Bundesfinale in Berlin. Mit Rang vier unter 16 Landessiegern wurde der Sprung aufs Treppchen nur knapp verpasst, 2003 um die Winzigkeit von 0,05 Punkten. Das trainingsintensive Kapitel Turnen lief für die Gruppe mit zunehmendem Alter und damit verbundenen höheren schulischen Anforderungen, Studium oder Arbeit langsam aus. "Ich bin schon in der Oberstufe ab und an zum Leichtathletiktraining beim ETV gegangen, habe mit 17 den ersten Zehn-Kilometer-Lauf mitgemacht und war richtig stolz, dass ich unter 44 Minuten blieb", erinnert sich Monika Rausch deshalb genau, "weil mich ab da die Langstrecke gefangen hatte". Kurz vor dem Eintritt in die Bundeswehr 2011 lief sie beim Erkelenzer Citylauf erstmals unter die ersten 40.

In der Grundausbildung und beim Offizierslehrgang an der Marineschule in Flensburg-Mürwik war das Laufen Mittel zum Zweck - "zum Abschalten allgemein und um mal für mich alleine zu sein".

Richtungweisend war dann eine Zufallsbegegnung: Monika Rausch lernte Sonja von Opel, die Ehefrau des Chefredakteurs der "Runners World" kennen, als sie zeitgleich in den selben Verein eintraten: "Nun begann meine richtige Laufkarriere, trainierte geplant unter Anleitung und eignete mir hohes theoretisches Wissen an." Sie war in den vier Jahren München sogar soweit, Personaltrainings, Laufseminare und Laufreisen zu gestalten und zu betreuen.

Aktuell steht Monika Rausch an einem Scheideweg, weil sie nach Beendigung des Studiums in München an das Zentrum für operative Kommunikation der Bundeswehr nach Mayen versetzt wurde, wo noch in dieser Woche Dienstantritt ist. Doch obwohl sie nun in der Vulkaneifel lebt, trägt sie weiter das Trikot der LG Teils Finanz Regensburg, wo sie zu Cheftrainer Kurt Ring ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hat. In Absprache haben beide festgelegt, dass es keinen Herbstmarathon mehr geben wird "und ich gleich in die Wintervorbereitung gehe". Dazu gehört ab Januar auch wieder "Hallo Flecktarn, Wald und Feld" im Rahmen des Offizierslehrgangs 3. Insgesamt ist Monika Rausch optimistisch und zielstrebig, "ich habe läuferisch noch viel vor". Sicher ist, dass sie die neue Heimatnähe (von Mayen aus 120 Kilometer) dazu nutzen wird, an dem ein oder anderen Wettkampf im Leichtathletikkreis Heinsberg teilzunehmen. Unbedingtes Muss wird der Start beim Citylauf in Erkelenz am 12. Juni 2016 im Schatten von St. Lambertus sein: Da ist sie Titelverteidigerin im Zehner.

Quelle: RP
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