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Lokalsport
Beckenrand statt Rentner-Couch

Lokalsport: Beckenrand statt  Rentner-Couch
FOTO: Laaser, Jürgen (jl)
Erkelenzer Land. Siegfried Siemoneit kann sich ein Leben ohne Wasser gar nicht vorstellen. In den vergangenen vier Jahrzehn-ten hat er Tausenden Kindern das Schwimmen beigebracht. Von Hendrike Gierth

Für Siegfried Siemoneit ist heute ein außergewöhnlicher Tag: Der 78-Jährige fiebert nicht dem Christkind entgegen oder freut sich auf einen Weihnachts-Klassiker im Fernsehen, für ihn ist der 24. Dezember deshalb ein besonderer Tag, weil er heute mal keinen Fuß ins Schwimmbad setzt. "Ich werde heute höchstens duschen", sagt der Arsbecker mit einem Schmunzeln. Ansonsten sieht der volle Terminkalender des Rentners an sechs Tagen in der Woche den Besuch des Gerderather Schwimmbades vor. "Nur der Montag fehlt noch, aber da arbeite ich dran", erklärt Siegfried Siemoneit.

Schon als kleiner Junge entdeckte er seine Leidenschaft fürs Wasser, "damals haben wir die Schwaam gestaut und uns autodidaktisch das Schwimmen beigebracht", erinnert sich der 78-Jährige, "später sind wir dann im Dauerlauf von Waldniel zum Hariksee oder zum Schwimmbad nach Dülken gelaufen." Dort entdeckte er dann auch seine zweite große Leidenschaft: die DLRG, der er die vergangenen 65 Jahre seines Lebens gewidmet hat. Erst trat er als Jugendlicher 1950 der Ortsgruppe Waldniel bei, dann gründete er nach der Hochzeit mit seiner Frau Klara und dem Umzug nach Arsbeck 1968 die DLRG-Ortsgruppe in Gerderath.

In den vergangenen Jahrzehnten wurde Siemoneit mit Auszeichnungen überhäuft: Im März 2010 erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande, zudem ist er Träger der goldenen DLRG-Verdienstnadel mit Brillanten. "Die Auszeichnungen bedeuten mir allerdings nicht viel", gesteht der 78-Jährige, "jedes Seepferdchen, jedes Rettungsabzeichen, das ich einem Kind überreiche, macht mich tausendmal stolzer. Die leuchtenden Augen der Kinder, die gehen mir zu Herzen."

Und da sind in den vergangenen Jahrzehnten so einige zusammen gekommen. Seit 1969 ist der Arsbecker Inhaber des Lehrscheins, hat Jahr für Jahr Hunderten von Kindern das Schwimmen beigebracht. "Die Arbeit mit den Kindern hält mich fit und ist das Hauptanliegen unseres Tuns bei der DLRG", sagt Siegfried Siemoneit. Und so ist der 78-Jährige immer zur Stelle: Ob beim Anfängerschwimmen mit den Kleinsten, bei den Gruppen, die ihre ersten Jugendschwimmabzeichen machen, oder bei den Jugendlichen, die ihre Rettungsschwimmausbildung absolvieren - Siegfried Siemoneit steht immer am Beckenrand. Hinzu kommen zweimal in der Woche Kurse für Wassergymnastik und die Betreuungen von OGS-Kindern. "Das Wasser ist mein Element", sagt Siemoneit, woher diese Affinität kommt, weiß er nicht, "ich weiß nur, dass ein Fisch das Wasser zum Leben braucht."

Deshalb brauchte er auch nicht lange zu überlegen, als die Stadt Erkelenz mit einem eher ungewöhnlichen Wunsch an die DLRG-Ortsgruppe Gerderath herantrat: Seit dem 4. Oktober diesen Jahres hat Siemoneit mit seinem Team das Gerderather Bad in Eigenregie übernommen, öffnet das Bad nun jeden Sonntag für die Öffentlichkeit. Ab 7 Uhr ist das Hallenbad für Frühschwimmer zugänglich, ab 9.30 Uhr folgt die Wassergymnastik und von 10.30 bis 12 Uhr ist das Bad für Familien mit Kindern reserviert - zudem sorgt die DLRG-Ortsgruppe dafür, dass auch in allen Ferien ausgiebig geschwommen und geplanscht werden kann. "Montags bis freitags von 14 bis 20 Uhr ist in den Ferien offen - natürlich auch in den Weihnachtsferien", erläutert Siegfried Siemoneit, "schließlich ist es heutzutage ein Muss, dass Kinder schwimmen können." Auch deshalb kämpfe er mit vollen Einsatz darum, dass das Gerderather Schwimmbad erhalten bleibt. "Wenn im Sommer in den Nachrichten davon die Rede ist, dass wieder ein Kind ertrunken ist, ist das Geschrei groß, wenn aber mal wieder irgendwo ein Schwimmbad geschlossen wird, regt sich kaum Widerstand", sagt Siegfried Siemoneit besorgt, "wir werden trotzdem alles daran setzen, dass das Bad erhalten bleibt."

Natürlich auch zum Wohle der DLRG- Gerderath: Etwa 750 Mitglieder hat die Ortsgruppe der Deutschen-Lebensrettungs-Gesellschaft im Erkelenzer Vorort - 400 Kinder kommen mehr oder weniger regelmäßig zu den Schwimmstunden und den vielen Aktivitäten die Siegfried Siemoneit und sein Team während des gesamten Jahres anbieten. Ob Oster- und Nikolausschwimmen, Paddel-Touren oder Besuche des Maislabyrinths - alle Events werden gut angenommen und erfreuen sich großer Beliebtheit. Highlight im Terminkalender der DLRG ist allerdings das 24-Stunden-Schwimmen, bei dem immer Geld für einen karitativen Zweck gesammelt wird, und auch da liegen dem 78-Jährigen besonders die Kinder am Herzen. Bei den bisherigen fünf Auflagen sind bereits 30.000 Euro für die Kinderkrebshilfe und den Kinderhospizdienst zusammengekommen. "Diese ehrenamtliche Arbeit hilft mir, fit zu bleiben - und ich hoffe, dass ich sie noch viele Jahre weitermachen kann", versichert Siemoneit. Besonders auf die Arbeit mit den Kleinsten in der Schwimmausbildung freut sich der rüstige Rentner Woche für Woche am meisten. "Wir versuchen, auf jedes Kind ganz individuell einzugehen, den besten Weg zu finden", sagt Siemoneit. Deshalb arbeiten er und sein Team bei der Wassergewöhnung auch mit Poolnudeln, Schwimmgürteln, -brettern und Schwimmflügeln, "jedes Kind bekommt das Hilfsmittel, mit dem es sich am sichersten fühlt", versichert der 78-Jährige, der das einzige noch lebenden Gründungsmitglied der DLRG-Ortsgruppe Gerderath ist und immer noch dessen Vorsitzender und Ausbildungsleiter. Und ein Ende ist für Siemoneit nicht in Sicht: "Als ich mit 60 Jahren in Rente gegangen bin, da habe ich bei der DLRG erst so richtig losgelegt. Die Arbeit hält mich jung, alt wird man doch von allein."

Quelle: RP
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