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Analyse
Borussias-wechsel-dich-Saison

Freiburg. In Freiburg unterliegt Gladbach als Favorit, nach Manchester reisen die Borussen als Außenseiter. Ein Rollenwechsel, wie er die Saison prägen dürfte. Von Karsten Kellermann

Borussia hat sich verändert. Sie ist im Sauseschritt vom Fast-Absteiger (2011) zum zweimaligen Champions-League-Teilnehmer geworden. Sie hat in der Bundesliga angedockt bei denen "da oben", an die, die mehr (finanzielles) Potenzial haben und früher Lichtjahre entfernt schienen. Sie gehört zu den Teams, die dominant spielen, die viel Qualität in der Breite haben. Sie gehört zu den Top-Teams im Lande des Weltmeisters.

Das bedeutet aber auch: Die Wahrnehmung Borussias hat sich verändert. Früher, als sie selbst oft froh war, bestenfalls frühzeitig nichts mehr mit dem Abstieg zu tun zu haben, da verbreitete der Name Borussia Mönchengladbach zwar verstaubten Glanz, jedoch keine Furcht. Inzwischen sprechen die Gegner bis hin zu ehrfürchtig von dem, was am Niederrhein los ist. Borussia ist wieder wer. Was es mindestens zwei Drittel der Gegner in der Liga leicht macht: Sie kuscheln sich in der Rolle des Außenseiters ein und geben den Druck zu 100 Prozent weiter an die Borussen, die sich mit der Favoritenrolle herumschlagen können. Damit ständig umzugehen muss man lernen. Wie nun in Freiburg: Aufsteiger fordert Champions-League-Teilnehmer. Größer kann die Distanz in der Liga kaum sein. Entsprechend ist die Herangehensweise der Kontrahenten: "Wir treffen auf Gegner, die kratzen, beißen und alles in die Waagschale werfen gegen uns", sagte Sportdirektor Max Eberl nach dem 1:3. Der Manager fügte hinzu: "So, wie wir es jahrelang gemacht haben."

Das ist ein Satz aus der Schublade "Wir wissen, wo wir herkommen": Vor fünf Jahren gehörte Borussia selbst noch zu den Teams, die meistens Außenseiter waren, was für das eigene Rollenverständnis bedeutet: nicht das Spiel machen zu müssen, nicht den ewigen Druck des Siegen-Müssens zu haben, auch mit einem Punkt zufrieden sein zu dürfen, einfach eine Nummer kleiner denken zu dürfen. Gegen die Young Boys Bern in den Champions-League-Play-offs und in Drochtersen im Pokal haben die Gladbacher die Favoritenrolle gut gespielt, in Freiburg nun nicht.

Doch in einer Saison mit Spielen in der Champions League, gibt es auch eine andere Borussia - die, die wie der SC Freiburg ist: bekannt zwar von früher, aber doch neu und klein und in zwei Dritteln der Spiele Außenseiter. Borussia spielt eine Doppelrolle - und muss sich binnen vier Tagen von der einen Rolle in die andere mit einem ganz anderen Drehbuch hineindenken: Am Dienstag bei Manchester City ist Gladbach trotz der guten Bilanz gegen Pep Guardiola in dessen Bayern-Episode eindeutiger Underdog, wie sie auf der Insel sagen. Also alles anders rum als Samstag: "City" ist in der Pflicht, die Gladbacher können nur gewinnen. Dass sie wissen, wie es gehen kann gegen die Blauen, haben die Borussen in der vergangenen Saison gezeigt.

Den Großen ärgern, den Großen ins Wanken bringen, nicht nachlassen, nicht aufgeben, Rückschläge wegstecken, mutig sein und kess - all das hat Freiburg den Borussen nun auch noch mal vorgelebt. Der Außenseiter zwängte den Favoriten in die Nebenrolle, weil er ihn an die Wand spielte. Neues Spiel, neue Rolle - es wird nicht nur personell rotiert: Die große Borussia aus Freiburg fährt als kleine Borussia nach Manchester und ist dann daheim gegen Bremen wieder die große Borussia. In der Borussia-wechsel-dich-Saison ist es die Kunst, von Spiel zu Spiel und egal wie groß die Bühne ist (von Drochtersens Mini-Stadion bis "Barcas" Nou Camp), die jeweilige Rolle richtig anzunehmen. Was das angeht, kann es in Manchester fast nur besser laufen als in Freiburg.

Quelle: RP
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