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Leichtathletik
Den Finaleinzug als Geburtstagsgeschenk

Leichtathletik: Den Finaleinzug als Geburtstagsgeschenk
Hammerwerferin Michelle Döpke in Aktion. FOTO: WBI
Erkelenz. Die Gerderatherin Michelle Döpke hat sich für die U 20-Weltmeisterschaft qualifiziert. Im polnischen Bydgoszcz geht die 18-Jährige im Hammerwurf für Deutschland an den Start. Von Hendrike Gierth

Die Koffer mit dem Bundesadler und der Deutschlandflagge sind längst gepackt, der Pass liegt bereit - schließlich geht es morgen los. "Noch hält sich die Nervosität aber in Grenzen", sagt Michelle Döpke. Eigentlich verwunderlich, denn die 18 Jahre alte Gerderatherin steht vor ihrer bisher größten sportlichen Herausforderung: Gemeinsam mit 64 anderen deutschen Athleten fliegt sie morgen ab Frankfurt nach Polen, um dort vom 19. bis 24. Juli für Deutschland an den Leichtathletik-Weltmeisterschaften der U 20 in der 350.000-Einwohner-Stadt Bydgoszcz teilzunehmen. Zum zweiten Mal nach 2008 finden in Polens "Leichtathletik-Hauptstadt" die U 20-Weltmeisterschaften satt. Damals gewannen unter anderem die späteren Weltmeister David Storl (Kugelstoßen) und Stabhochspringer Raphael Holzdeppe den Titel.

Für die junge Hammerwerferin ist es der erste Auftritt auf der ganz großen internationalen Bühne, bisher scheiterte sie immer an der Qualiweite. "Für die U 18-Weltmeisterschaft fehlten mir am Ende 18 Zentimeter", erinnert sich Döpke, "für die Olympischen Jugend-Spiele hatte ich die erforderliche Weite, ehe sie kurzfristig noch geändert wurde."

Und somit konnte die junge Gerderatherin bisher nur einmal internationale Luft schnuppern - beim Winterwurf-Länderkampf, der im Februar im italienischen Padua stattfand und bei dem sich der deutsche Nachwuchs mit den Athleten aus Frankreich und Italien messen konnte. Auf exakt 59,74 Meter flog damals der vier Kilogramm schwere Hammer der jungen Deutschen, die damit vor ihrer Teamkollegin Sophie Gimmler (59,22) und vor der Französin Camille Sainte Luce (59,00) gewann.

Damit durfte sich Michelle Döpke schon mal berechtigte Hoffnungen machen, dieses Mal bei der Weltmeisterschaft dabei zu sein, denn mit ihrer Weite übertraf sie die Norm, die der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) für die U 23-WM aufgestellt hatte, um 24 Zentimeter. Danach folgten weitere gute Auftritte bei den drei offiziellen Qualifikationswettkämpfen beim Hammerwurf-Meeting in Fränkisch- Crumbach (58,12), beim Hammerwurf-Jugendmeeting in Braunschweig (59,55) und bei der Junioren-Gala in Mannheim (57,71). Das Ticket endgültig in der Tasche hatte Döpke allerdings erst am 30. Juni, als der DLV im Anschluss an die Junioren-Gala in Mannheim sein offizielles Aufgebot verkündete. Als einzige Hammerwerferin schaffte sie den Sprung ins deutsche Team, das aus 35 Athletinnen und 30 Athleten besteht - und damit acht mehr als 2014 im amerikanischen Eugene, wo der Holzweiler Jonas Hanßen über 400 Meter Hürden Vierter wurde.

Was am Ende für die Hammwerferin aus Gerderath - die für den Leichlinger TV startet - herausspringt, das hängt "wohl ganz stark von der Tagesform ab", sagt Döpke. Denn die internationale Spitze im Hammerwurf der U 20 liegt relativ dicht beieinander. Mit ihrer Bestweite von 60,22 Metern, die sie dieses Jahr am 28. Mai in Leverkusen aufgestellt hat, lag die 18-Jährige vor der WM auf Rang 15 der europäischen Bestenliste, die aber nur einen groben Anhaltspunkt über das tatsächliche Leistungsvermögen der Konkurrenz darstellt. "Manchmal stimmen die Weiten nicht, wurden mit einem leichteren Hammer oder bei einem inoffiziellen Wettkampf erzielt", erklärt Döpke. Auch deshalb will sich die 18-Jährige beim Vorkampf, der am 21. Juli ausgetragen wird, ganz und gar auf ihren eigenen Wettkampf konzentrieren, und sich das größte Geburtstagsgeschenk selbst machen: der Einzug ins Final - denn am 21. Juli wird Michelle Döpke 19 Jahre alt. Drei Versuche hat Döpke im Vorkampf zur Verfügung, um unter die besten Zwölf zu kommen, dann würden am 23. Juli im Finale mindestens drei weitere Versuche folgen. Sollte sie es im Endkampf unter die besten acht Werferinnen schaffen, stehen ihr drei weitere Würfe zur Verfügung. "Mein vorrangiges Ziel ist es, an die 60 Meter heranzuwerfen", sagt Michelle Döpke, "dann könnte es mit dem Finaleinzug klappen."

Eine Weite, die man der gerade einmal 1,67 Meter großen und nur knapp 68 Kilogramm schweren Hammerwerferin aufgrund ihrer Statur gar nicht zutraut - doch das ist ein Vorurteil, wie sie erklärt: "Eigentlich habe ich eine Idealfigur fürs Hammerwerfen, und das, was vor allem bei den Kraftwerten fehlt, mache ich durch meine Schnelligkeit und Technik wieder wett." Und besonders die Technik, die ist äußerst stabil, so dass die Hammerwerferin - die beim Leichlinger TV seit 2010 mit ihrem Trainer Kurt "Eia" Benner erfolgreich zusammenarbeitet - nur ganz selten ungültige Würfe hat, allerdings auch eher selten einen Ausrutscher nach oben. "Meine Weiten sind sehr konstant. Das Schwierigste beim Hammwerfen ist, dass die dritte und vierte Drehung die schnellsten sind und man die gut hinkriegt - dann kommt der Abwurf automatisch", erklärt Döpke die Feinheiten des Hammerwurfs.

Doch nicht nur im Hammerwerfen ist die noch 18-Jährige momentan nationale Spitze. Sie hat noch ein zweites Steckenpferd: den Rasenkraftsport. Im Dreikampf aus Hammerwurf, Steinstoßen und Gewichtswurf ist sie in ihrer Gewichtsklasse bis 68 Kilogramm mehrfache Deutsche Meisterin und hat gerade erst den Deutschen Rekord verbessert. Zudem hält sie den Deutschen Rekord im Gewichts- und Hammerwurf. Kein Wunder also, dass Döpke ein enormes Trainingspensum absolviert: Zwischen sieben und neun Mal trainiert die angehende Kauffrau für Büromanagement in der Woche, nimmt dafür regelmäßig die rund 80 Kilometer bis nach Leichlingen auf sich. Hinzu kommen 40.000 bis 50.000 Kilometer quer durch Deutschland für die Wettkämpfe.

Der Lohn für diese Mühen ist nicht nur die Nominierung für die WM, sondern auch die Berufung in der Bundes-C-Kader, die maximale Förderstufe, die es in ihrer Altersklasse vonseiten des DLV gibt.

Die wichtigste Unterstützung bekommt Döpke aber von ihren Eltern, und die werden sich per Auto rechtzeitig auf den Weg machen, um ihrer Tochter im Stadion die Daumen zu drücken - Daumen drücken für den ganz weiten Wurf.

Quelle: RP
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