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Serie Was Macht Eigentlich?
Der Leise mit den spektakulären Auftritten

Erkelenz. Die große Welle hat Herbert Laumen nie geritten. Und doch ist seine Laufbahn mit denkwürdigen Geschichten gespickt. Nicht nur, weil er fünf Mal Borussias Top-Torjäger war. Ein Junge, der sich den Erfolg hart erarbeitet und nicht vergessen hat, woher er gekommen ist. Von O. E. Schütz

MÖNCHENGLADBACH Günter Netzer, Berti Vogts, Jupp Heynckes: Das sind die Namen, die Fans als erste einfallen, wenn von Borussias erster großer Zeit geschwärmt wird: vom Bundesliga-Aufstieg 1965 bis zu ihren Deutschen Meistertiteln 1970 und 1971. "Netzer, Vogts und Heynckes Jupp holen den Europa-Cup": Dieser Refrain ließ ganz Gladbach von großen Erfolgen träumen.

Den größten Anteil mit Toren aber hatte Herbert Laumen. Der Junge, der nach dem Krieg in den Trümmern rund um die Neusser Straße oder auf den Lürriper Feldern kickte, als Achtjähriger sonntags zu Fuß zur Bökelstraße ging, um Borussia in der Oberliga West spielen zu sehen. Der davon träumte, selbst einmal das schwarze Trikot zu tragen. Und der dann mit knapp neun Jahren sein Herz in beide Hände nahm, nach Eicken zu Paul Schlesinger marschierte und fragte, ob er denn mal für Borussia spielen dürfe. Der Jugendobmann war vom Mut des Kleinen beeindruckt, ließ ihn zum Training an die Bökelstraße kommen - und sah: Das ist ein Talent, das auf die Entdeckung wartet.

Herbert Laumen trug 1953, in der D-Jugend, zum ersten Mal das Borussia-Trikot. Er wurde 1960 mit der B-Jugend Niederrhein-Meister, 1962 mit der A-Jugend Westdeutscher Meister: "Höhere Wettbewerbe gab es damals nicht - leider." 18 Jahre spielte er für Borussia, war von 1966 bis 1971, fünf Spielzeiten in Folge, ihr Torjäger Nummer 1, wurde zweimal mit ihr deutscher Meister. Bissig, kampfstark, mit gutem Schuss und trotz nur 1,73 Meter Körpergröße ein guter Kopfball-Spieler: Das waren seine Merkmale.

Aber er war kein "Lautsprecher", der sich abseits des Fußballplatzes in den Mittelpunkt drängte, sondern still und bescheiden. Und lieferte doch Geschichten für Schlagzeilen, die bis heute einmalig sind. Seine drei Tore 1967 zwischen der dritten und neunten Minute beim 5:1 gegen Hannover 96, die nun schon fast 50 Jahre im Buch der Rekorde stehen: als frühester "Hattrick" der Bundesliga-Geschichte. Nicht nur der Gladbachs, sondern der deutschen Fußball-Eliteklasse. Und da ist die Geschichte vom 3. April 1971: dem Tag, an dem Herbert Laumen in der 88. Minute am Bökelberg im ungestümen Drang, das 2:1 zu erzielen, im Netz des Bremer Tores landete. Ohne Ball, aber mit solcher Wucht, dass das Gebälk zusammenbrach. Es war der Moment, der zur Einführung der Aluminium-Torstangen führte und Borussia beim Sportgericht die Spielwertung "0:2 verloren" einbrachte - die fast den zweiten Meistertitel gekostet hätte.

Zur Kategorie "Laumens denkwürdige Torserien" gehören auch die drei Treffer, mit denen er am 16. Mai 1966 den TSV 1860 München beim 3:3 an der Grünwalder Straße die vorzeitige Feier als Meister verdarb. Und Trainer Hennes Weisweiler den Anstoß gab, darüber nachzudenken, ob Herbert Laumen nicht doch im offensiven Mittelfeld wertvoller wäre als auf dem rechten Flügel: "Da fühlte ich mich überhaupt nicht wohl, hatte in den 25 anderen Spielen nur insgesamt drei Tore gemacht", erzählt Laumen. Weisweiler nahm ihn und Berti Vogts kurz darauf mit zur WM nach England - und ließ sich überzeugen.

186 Spiele hat Laumen für Borussia in der Bundesliga gemacht. "Vom 1. April 1967 bis zum 13. Februar 1971 131 in Folge, ohne auch nur einmal nicht dabei zu sein", sagt er stolz. Fünfmal hintereinander, von 1967 bis 1971, war er Torschützenkönig Borussias. Seine 39 Tore trugen maßgeblich zu den Meistertiteln 1970 und 1971 bei. Und bis heute ist er mit 97 Treffern Borussias zweiterfolgreichster Torschütze. Nur Jupp Heynckes (195 in 283 Spielen) hat öfter getroffen.

Doch seine Freude war am Ende nicht ungetrübt: Als er am 5. Juni 1971 die Meisterschale in Händen hielt, wusste er, dass der 4:1-Sieg in Frankfurt sein letztes Bundesligaspiel für Borussia gewesen war. Schon vor dem Pfostenbruch-Spiel hatte Laumen einen Vertrag bei Werder Bremen unterschrieben. "Ich wäre liebend gerne geblieben. Doch Manager Helmut Grashoff wollte mir nicht den Vierjahresvertrag geben, den ich wünschte und den andere auch bekamen. Ich sei schon zu alt, sagte er! Dabei war ich erst 27, kaum einmal ernsthaft verletzt gewesen - und gerade zum fünften Mal Borussias Torschützenkönig", erzählt Herbert Laumen. "Ich hatte etliche Angebote aus der Bundesliga, Bremen war das Höchste. Das habe ich angenommen. Weisweiler, Präsident Helmut Beyer und Schatzmeister Alfred Gerhards haben mich, ohne Grashoffs Wissen, noch mal gefragt, ob ich doch bleiben könnte. Aber da hatte ich in Bremen schon unterschrieben." Den Entschluss hat er bald bereut. Werder hatte große Pläne, doch stattdessen gab es Chaos: fünf Trainer in der ersten Saison, Platz elf am Ende. "Da habe ich gemerkt, dass Geld nicht alles ist", sagt Laumen. 1992 hat er sich mal mit Grashoff ausgesprochen. "Doch vergessen habe ich nicht." Vielleicht war er damals auch zu zurückhaltend, zu bescheiden, hat nie hart um Geld gepokert: "Als wir in die Bundesliga aufstiegen, gab es 1200 Mark im Monat, plus Prämien, für den ersten Meistertitel waren es 10.000, glaube ich." Vielleicht spielte auch eine Rolle, dass er nicht wirklich den Sprung in die Nationalmannschaft schaffte. Dort standen vor allem Gerd Müller und Uwe Seeler im Wege. Laumen kam nur 1968 bei zwei Freundschaftsspielen zum Einsatz. 1970 schien sich sein Traum aber doch noch zu erfüllen: Er war im 24er-Kader für die WM, schon für Mexiko eingekleidet. Und dann einer der beiden, die in letzter Minute gestrichen wurden. "Die größte Enttäuschung meiner Laufbahn. Erfahren habe es ich es nicht von Bundestrainer Helmut Schön, sondern aus der Zeitung!"

Die Liebe zur Borussia hat der "Zwist" mit Grashoff übrigens nicht nachhaltig gestört. Seit langem kümmert sich Laumen um die Kontakte des Vereins zu den Ex-Profis.

Quelle: RP
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