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Serie Pape läuft (Folge 11)
Der will nur spielen

Serie Pape läuft (Folge 11): Der will nur spielen
Alles, was sich schnell bewegt, erfüllt beim Hund das Beuteschema. Ein Läufer ist für einen Hund instinktiv eine offene Dose Chappi, deshalb hat Christian Pape immer leckere Würstchen für die Vierbeiner dabei. FOTO: Dirk Jansen/manus sinister
Beeck. Der beste Freund des Menschen ist der Hund. Es sei denn, der Mensch trägt Laufschuhe.

WEGBERG Die Katze ist laut einer Umfrage der beste Freund des Menschen. Befragt wurden hundert willkürlich ausgesuchte Briefträger. Ansonsten gilt: Der beste Freund des Menschen ist der Hund. Es sei denn, der Mensch trägt Laufschuhe.

Die letzten Laufeinheiten sind mir erstaunlich leicht gefallen. Ich habe mich fit gefühlt, jeden Schritt bewusst wahrgenommen, konnte die Energie des Weges förmlich in meinen Beinen spüren. Doch jetzt ist alles anders. Das Wetter! Es ist stickig, drückend, schwül. Wie sagt man so schön: "Et is mutschig!" Seit ein paar Tagen habe ich das Gefühl, gegen eine unsichtbare Wand zu laufen. Widerwillig ziehe ich mir meine Laufschuhe an. Ich glaube, ich stecke in einem Motivationsloch. Es kommt zu einer ersten schmerzhaften Begegnung mit einem Hund - dem inneren Schweinehund.

Dieser Hund ist ganz sicher nicht der beste Freund des Menschen. Verdammt, ich muss ihn davonjagen! Hat man erst mal den Fuß vor die Haustür gesetzt, wird der knurrende Schweinehund plötzlich ganz lieb und verkrümelt sich in sein Körbchen. Also los! Sofort schlage ich den Weg in den Wald ein, erhoffe mir hier ein bisschen Kühle. Ich ziehe leicht das Tempo an, um kurz darauf meine Laufgeschwindigkeit wieder zu drosseln. Vor mir geht ein Hundehalter mit seinem Vierbeiner spazieren, der nicht angeleint ist. Laufe ich an den beiden vorbei? Vielleicht springt mich der Hund an. Denn alles, was sich schnell bewegt, erfüllt beim Hund das Beuteschema. Ein Läufer ist für einen Hund instinktiv eine offene Dose Chappi.

Ich laufe immer näher auf die beiden auf. Irgendwie muss ich mich bemerkbar machen. Ich beginne mich ganz beiläufig zu räuspern. Nichts. Das Räuspern steigere ich zu einem deutlich vernehmbaren Husten. Doch Hund und Herrchen sind so sehr mit sich beschäftigt, dass sie keinerlei Notiz von mir nehmen. Ungelenk schliddere und schrabbe ich mit meiner Schuhsohle über den Waldboden, als wäre ich zufällig über eine Wurzel gestolpert. Es hilft. Herrchen dreht sich zu mir um, pfeift seinen Hund herbei und hält ihn am Halsband fest, bis ich die beiden passiert habe. Längst habe ich mir angewöhnt, mich dann zu bedanken. Prompt kommt ein nettes "Gerne geschehen!" zurück.

Als Läufer sollte man eben immer bedenken, dass "Nachlaufen" und "Jagen" des Hundes liebstes Spiel sind. Der Hund ist einfach tief in seinem Inneren ein Jagdtier. Auch wenn man sich das kaum vorstellen kann, wenn Hunde zum Beispiel in Düsseldorf auf der "KÖ" in Handtaschen spazieren getragen werden. Diese Hunde haben auch alle denselben Namen, der meistens außen auf die Tasche gestickt ist: "Gucki" oder so ähnlich. Wahrscheinlich, weil die Hunde immer so vorwitzig aus der Tasche gucken.

Doch meine Heimat, meine Laufstrecken sind ländlich geprägt. Hier gibt es keine Taschenhunde. Das erfahre ich bei meinem Waldlauf kurze Zeit später am eigenen Leib. Ein herrenloser Hund von der Größe eines Einfamilienhauses bricht plötzlich aus dem Unterholz und rennt laut bellend auf mich zu. Mist! Weit und breit keine Handtasche in Sicht.

Ich versuche mich zu beruhigen. Denn Hunde können Angstschweiß riechen. Angst stinkt. Immerhin haben Hundenasen rund fünf Millionen Riechzellen. 60 Mal mehr als Menschennasen. Der Hund, der da so bellend vor mir steht, muss denken, ich bin ein ängstliches Stinktier. Ich rede mir ein: "Hunde, die bellen, beißen nicht!" Aber muss es jetzt nicht korrekterweise heißen: "Hunde, die bellen beißen, wenn sie aufgehört haben zu bellen!"? Da bahnt sich eine Frau mittleren Alters keuchend eine Schneise durch das Walddickicht. Die Hundehalterin! Sie wird ihr Schnuckelchen schon in die Schranken weisen, mit effektiven Befehlen wie "Sitz!", "Aus!" oder "Platz!" Von wegen. Sie öffnet prustend ihren Mund und ruft mir zu: "Der tut nix. Der will nur spielen!"

Okay, wenn dieser Prachtjunge nur spielen will, dann reicht das schon, um mich wie ein Karnickel durch den Wald zu schleifen und am nächstbesten Baum zu verbuddeln. "Hasso ist ganz brav. Der beißt nie!" Na prima. Schnappt der Kleine dann doch zu, wird Frauchen garantiert schnell das Wort "sonst" ergänzen. Daran sieht man wieder: Das Problem ist der Mensch. Ein gut erzogener Hund setzt einem laufenden Menschen erst gar nicht nach.

Wichtig ist, dass man als Läufer in solchen Situationen dem Hund gegenüber ausstrahlt: Ich interessiere mich nicht für dich! Am besten die Hände an den Körper legen, sich vom Tier abwenden, keinen Blickkontakt aufnehmen und vor allen Dingen: Nicht laut rufen! Sonst wird das Tier nur noch nervöser und aggressiver. "Haben Sie gehört? Der tuuut nix!" Pssst, leise! Doch der Hund fletscht schon die Zähne und sträubt knurrend sein Fell. Vielen Dank auch.

Mir plumpsen unzählige Steine vom Herzen, als genau in diesem Moment eine Gruppe Walker um die Ecke biegt. Ihr wisst schon, die mit den "Stöckchen". Sofort stürzt sich Hasso auf seine neuen Spielgefährten und mein Weg ist wieder frei.

Doch schon an der nächsten Weggabelung hängt mir ein kleiner Pudel an der Wade. Er ist total verzückt und fängt tatsächlich an, "Fortpflanzungsbewegungen" zu vollführen. Mit einem kleinen, lebensbejahenden Freund am Bein lässt es sich aber nur mittelgut laufen. Und dem Besitzer ist das noch nicht einmal peinlich. Wenn das mein Hund wäre, ich würde mich wahrscheinlich schämen. So wie früher, wenn ich mit Mama und Papa Fernsehen geschaut habe und plötzlich gab sich das Liebespaar im Film unvorhergesehen einer leidenschaftlichen Kuss-Szene hin. Ich wusste nie, wo ich hingucken sollte, während Papa hektisch die Fernbedienung suchte und schließlich mit den Worten "Mahlzeit!" umschaltete.

"Entschuldigung!", sagt der Hundehalter wie selbstverständlich zu mir. "Das macht mein Pudel immer wieder." "Ist schon in Ordnung", entgegne ich ihm. "Solange ich keine Alimente zahlen muss."

Manche Läufer haben extra Pfefferspray dabei, um sich vor Hundeangriffen zu wehren. Das finde ich eindeutig übertrieben. Ich trage lieber leckere Würstchen bei mir. So mache ich mich bei Hunden sehr beliebt. Oft habe ich eine richtige Fangemeinde um mich herum, die mir sogar nachläuft. Alle vierbeinig. Das sind dann die Trainingseinheiten, in denen meine Pulsuhr den mit Abstand höchsten Wert anzeigt. Und wenn ich von einem solchen "Tempotraining" nach Hause komme, werde ich sogar selbst zum Hund. Ich lege mich auf die Couch, strecke alle Viere von mir, meine Zunge hängt bis auf den Boden und ich fange laut an zu schnarchen. Das ist dann wohl der Mops in mir.

CHRISTIAN PAPE (42) IST HUMORIST UND HOBBYLÄUFER. AM 2. OKTOBER 2016 GEHT ER MIT RP-REDAKTEUR MICHAEL HECKERS (42) BEIM KÖLN-MARATHON AN DEN START.

Quelle: RP
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