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Lokalsport
"Fahren, fahren, einfach fahren"

Erkelenz. Radsport: Jahrzehntelang fuhren die Kunstradsportler des Radsportvereins Viktoria Erkelenz-Hoven Titel wie am Fließband ein. Die erfolgreichen Teams haben ihre Karrieren längst beendet. Doch nun ist ein Neuanfang geglückt. Von Anke Backhaus

"Fahren, fahren, einfach fahren", lautet das Kommando. Nebenan schleicht sich Lilly an Friedbert Laufs, den eigentlich alle nur "Fiete" nennen, heran. "32 Runden! Das ist neuer Rekord", freut sich das Mädchen - und mir ihr eben auch Laufs, der "Klasse!" entgegnet. Es sind Szenen eines normalen Mittwochabends in der Mehrzweckhalle am Wiesengrund in Golkrath. Training ist angesagt beim Radsportverein Viktoria Erkelenz-Hoven.

So klein das Örtchen auch ist, in dem die Kunstradsportler ihre Heimat haben, so groß sind die Erfolge, auf die sie zu Recht mit Stolz blicken können. Unter anderem haben sie über Jahrzehnte hinweg mit konstant brillanten Leistungen Deutsche Meistertitel mit nach Hause gebracht. Und jetzt heißt es: alles auf Anfang.

Nicht mehr die erfolgreichen Mannschaften der Männer und Frauen sind es, die die Trainingsabende nutzen. Irgendwie allerdings schon, nur eben auf der anderen Seite. Frühere Kunstradsportler, hochdekorierte, kommen nach wie vor, um nun dem Nachwuchs den Weg zu ebnen. Es ist die Generation, die die große Kunstradbühne verlassen hat, zu ihnen zählen Pia Kremer, Hannah Kurth, früher Laufs, und Christoph Wolter. Sie trainieren mit den Kindern, führen sie behutsam an die ganz besondere Sportart heran.

Klar, dass sie sich dabei an ihre eigenen Anfänge erinnern. "Ich war sechs Jahre alt, als ich zum ersten Mal mit dem Kunstrad trainiert habe", erzählt Hannah Kurth, die heute 29 Jahre alt ist, "vielleicht halten die Kinder ja genauso lange durch wie wir." Wenn Hannah Kurth das sagt, dann meint sie eine tatsächlich lange Zeit - ihre Mannschaft begann in Kindertagen und blieb in nahezu unveränderter Besetzung bis zum Abschied vor zwei Jahren zusammen. Bei den Männern sah es übrigens genauso aus.

Wer das Training beobachtet, der gerät schon ins Staunen, mit wie vielen Kindern die Viktoria seit einiger Zeit die Zukunft vorbereitet. Die Arbeit trägt auch schon erste Früchte. Bei den Bezirksmeisterschaften in Mönchengladbach meldeten die Hovener zehn Starts an. In der U 9 etwa freute sich Nils Aretz über den Bezirksmeistertitel, Julia Dohmen und Lilly Kretschmer erreichten die Plätze zwei und drei. Elias Kehren wurde Dritter in der U 11, in der auch Eva Jansen Rang drei erreichte. Eine Überraschung lieferten die Vierer-Schülerinnen, denn Lilly Heinrichs, Isabella Sausen, Lina van der Beek und Carolin Jansen wurden Bezirksmeisterinnen und schafften die Qualifikation zu den Landesmeisterschaften. Der Neuanfang ist damit mehr als geglückt.

Es ist aber auch das Ergebnis der unermüdlichen Arbeit, die die Trainer leisten. Andrea Ulrichs, die Vorsitzende des Vereins, gehört dem Trainerteam an. Sie sagt: "Wir hatten so eine Art Casting organisiert, was auf große Resonanz gestoßen war. Die Halle war voll. Man merkt schnell, ob dieser Sport für die Kinder geeignet ist." Auf spielerische Art führen die Trainer die Kinder an den Kunstradsport heran. Die jüngsten von ihnen sind noch im Kindergartenalter, die ältesten sind 13 Jahre alt.

Viel Grundlagentraining, auch mit Turnen, steht auf dem Plan, vor allem der Gleichgewichtssinn muss geschult werden. Dafür nötig ist beispielsweise der Übungspilz. "Das Ding ist mehr als 40 Jahre alt und Marke Eigenbau. Obendrauf ist das Lenkrad eines Treckers", lacht Christoph Wolter, der auch so begonnen hat, Sicherheit auf dem Kunstrad zu gewinnen. Wer schon soweit ist, wagt sich an die Königsdisziplin der Kunstradsportler - Steigerrückwärtsfahren. In einer Ecke der Halle übt Carolin Jansen. Die Zwölfjährige nimmt Anlauf, zieht das Vorderrad in die Höhe, streckt die Arme aus auf Schulterhöhe und dreht die Runden rückwärts. Immer und immer wieder. Das Mädchen zeigt sein großes Talent für diesen Sport.

In einer anderen Ecke geht's auf die Einräder. "Vorwärts kriege ich das gerade noch so hin, aber auf gar keinen Fall rückwärts", gesteht Christoph Wolter. Das Fahren mit den Einrädern stand bei den Hovenern in den vergangenen Jahrzehnten nicht so sehr auf dem Trainingsprogramm. Jetzt aber schon. Christoph Wolter und Fiete Laufs sagen übereinstimmend: "Das hängt auch damit zusammen, dass sich der Kunstradsport natürlich gewandelt hat." Der RV Viktoria Erkelenz-Hoven ist jedenfalls gerüstet. Der Neustart ist vollzogen.

Quelle: RP
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