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Serie Pape läuft (Folge 20)
Im Schneckentempo

Beeck. Laufen fördert die Neubildung von Synapsen im Gehirn, die für die Lern- und Gedächtnisleistungen mitentscheidend sind. Wehe, jetzt sagt jemand, meine vierwöchige Laufpause wegen Achillessehnenbeschwerden merkt man mir an.

Aber es stimmt schon. Ich bin auf Entzug. Mein ehrgeiziges sportliches Vorhaben ist bedroht. Alternativsportarten wie Radfahren sind gut und schön, aber sie befriedigen nicht das Verlangen, das Tier in meinem Inneren tobt: Rennen und Verausgaben. Und ich bin inzwischen überzeugt: man kann sich nicht zu einem Marathon schummeln. Man muss ihn machen. Man muss ihn erlaufen. Also schlage ich elanvoll die Bettdecke zur Seite, ganz im Stile meines Opas Adi Axer, den ich leider nie kennengelernt habe. Er soll sehr lustig und ein echtes Original gewesen sein. Angeblich hat er jeden Morgen die Füße aus dem Bett geschwungen und laut gerufen: "Feierabend!". Auf ihn soll ich kommen...

Auch ich schwinge mich aus dem Bett. "Feierabend!" kommt mir aber nicht über die Lippen. Im Gegenteil. Ich will trainieren. Die Kühlakkus, die ich mir vor dem Schlafengehen gewissenhaft um meine Fußfesseln gewickelt habe, fliegen längst aufgetaut quer durch das Schlafzimmer. Ich verheddere mich im Salbenverband und schlage in voller Länge auf den Fußboden auf. "Ich weiß, dass Du Dich viel dehnen sollst. Aber diese Übung ist sehr gewöhnungsbedürftig", grinst meine Frau Silvia schadenfroh. "Die Übung heißt ,Überfahrener Igel' und ist ungemein effektiv", erwidere ich röchelnd und mit hochrotem Kopf, "davon kennst Du nichts."

Ich gebe zu, ich bin schlapp geworden. Aber auch einsichtig und vor allem demütig. Jeder Sportler muss mal wegen einer Verletzung mit dem Training pausieren. Egal ob Anfänger oder Profi. Meist sind es Überlastungssymptome, die uns Läufer peinigen. Ich habe mich selbst überholt und mir ein Bein gestellt. Aber mal Hand auf die Achillessehne: Wenn es gut läuft, will man immer mehr. Man gibt sich dem Rausch der Endorphine hin. Man ist beseelt vom Traum des perfekten Tempolaufs. Dieser Traum treibt selbst mich als Anfänger an. Klar, es gibt nun wirklich Wichtigeres im Leben als Laufen. Die Gesundheit geht vor. Und wie sagte schon meine Oma: "Zeit heilt Wunden." Recht hat sie. Doch wenige Wochen vor dem Marathon habe ich alles, nur keine Zeit. Ich fluche.

Ich bin richtiggehend sauer auf die Mutter von Achill, dem griechischen Sagenheld, nach dem die Achillessehne benannt ist. Achill galt, nachdem ihn seine Mutter, die Meeresgöttin Thetis, kopfüber in den Fluss Styx getaucht hatte, am ganzen Körper als unverwundbar. Doch da sie ihren Sohn während des Eintauchens an den Fußgelenken festhielt, wurden diese nicht vom Wasser benetzt. Die Ferse blieb Achills einzig verwundbare Stelle.

Mensch Mama von Achill! Selbst wir haben schon in der Grundschule beim Schwimmen den anderen in Perfektion "gedöppt". Von hinten unbemerkt anschwimmen, mit Schwung aus dem Wasser schnellen, dabei dem Überraschten auf seine Gummibadekappe drücken und ihn so unter Wasser tauchen, und zwar den ganzen Körper. Was für ein Spaß! Das hättest Du als Meeresgöttin doch erst recht hinbekommen müssen. Und ich han jetzt d´r Driss!

Ein Wechselbad der Gefühle. Verspüre ich Schmerzen, denkt der Kopf ans Aufgeben. Bin ich schmerzfrei, schmiedet der Kopf schon wieder kühne Ziele. Wichtig ist aber erst einmal, einen kühlen Kopf zu bewahren. Fast schon ängstlich schlüpfe ich in meine Laufschuhe. Behutsam und ganz langsam beginne ich zu traben. Spüre ich was? Sticht es? Dann sofort abbrechen. Schweißtropfen perlen von meiner Stirn. Angstschweiß. Noch scheint Achill mein Freund zu sein. Bitte, Achillessehne, ich beanspruche dich heute so gut wie gar nicht. Höchstens 20 Minuten. Geize mit deinen Reizen!

Mein Laufstil ist unrund. Es hakt und rumpelt. In den Monaten des intensiven Trainings hatte sich eine sanfte, gleitende Bewegung in mein Laufen eingeschliffen. Jetzt muss ich mich in Zeitlupe an die Form von vor der Verletzung herantasten. Beziehungsweise heranruckeln. Mein Ehrgeiz ruft mir zu: "Christian, Du musst mehr und schneller laufen. Du musst Deine verpassten Trainingseinheiten aufholen!" Die Vernunft erwidert: "Bloß nicht! Vergiss Deine Ausfallzeit. Sonst läufst Du auf direktem Weg in die nächste Verletzung!" Meine Pulsuhr habe ich so programmiert, dass sie mir immer wieder digitale Knüppel zwischen die Beine wirft, wenn das Tempo zu hoch wird. Ich laufe und bremse ab. Man kann das vergleichen mit einer Wanderung, bei der es steil bergab geht. Dort gilt es auch, jeden Schritt abzufedern. Man holt sich einen Muskelkater in den Oberschenkeln und blaue Zehen, weil man in den Schuhen vorne immer anstupst. So ähnlich geht es mir gerade. Ich bewege mich wie ein störrischer Esel. Das erklärt vielleicht auch meine neuerliche Lust auf Hafer-Flocken.

Was wäre nur gewesen, wenn ich nicht... Es ist jetzt so! Manchmal läuft es eben nicht, wie man es sich vorgestellt hat. Nun gilt es, nach vorne zu schauen und sich darüber zu freuen, endlich wieder Sauerstoff durch den Körper strömen zu lassen. Erst jetzt spüre ich, wie viel Kraft und Zufriedenheit mir das Laufen für meinen Alltag gebracht hat. Natürlich hasse ich die mitleidvollen Blicke der Spaziergänger, die glauben, dass ich nicht mehr kann und mir die Puste ausgegangen ist oder die vermuten, ich hätte meine Walkingstöcke zu Hause vergessen. Ich habe das Gefühl, ich laufe so langsam, dass ich meiner Heimat beim Wechsel der Jahreszeiten zusehen kann. Die Schnecken am Wegesrand werden zu Rennboliden und scheinen mich zu überholen. Hoffentlich rutsche ich nicht auf ihrer Schleimspur aus.

Ich versuche, meinen Kopf frei zu bekommen. In der Ferne läuten die mächtigen Glocken der Beecker Kirche ihr anmutiges und tröstliches Lied. Irgendwann laufe, nein, schleiche ich über den Beecker Dorfplatz und am Kirchenportal vorbei. Dort treffe ich auf unseren Pastor, der auf dem Weg zur Heiligen Messe ist. "Guten Morgen, Herr Pastor!" "Guten Morgen, Christian! Stimmt das, was in der Rheinischen Post stand? Hast Du wirklich Probleme mit Deiner Achillessehne?" Ich zeige auf meinen Salben-Verband am Knöchel: "Ja, das ist kein Spaß." Der Pastor schaut mich mitfühlend an und sagt mit sanfter Stimme: "Junge, Du läufst so langsam. Mit Krankensalbung kenne ich mich aus!" Gegen jeden wissenschaftlichen Rat und ohne einen weiteren Gedanken an meine malträtierte Achillessehne zu verschwenden, beschleunige ich mein Tempo von 0 auf 100 und höre mich rufen: "Um Gottes Willen. Herr Pastor, bloß nicht. Hinterher geben Sie mir noch die letzte Ölung!"

AUTOR CHRISTIAN PAPE (43) IST HUMORIST UND HOBBYLÄUFER. AM 2. OKTOBER 2016 GEHT ER MIT RP-REDAKTEUR MICHAEL HECKERS (42) BEIM KÖLN-MARATHON AN DEN START.

Quelle: RP
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