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Leichtathletik
Leichtathleten bauen sich ihr eigenes Stadion

Leichtathletik: Leichtathleten bauen sich ihr eigenes Stadion
Auch der Deutsche Meister über 400 Meter Hürden, Jonas Hanßen (r.), packt tatkräftig mit an. Gemeinsam mit seinem Vereinskameraden Sven Sieben plättet er mit einer 200 Kilogramm schweren Walze einen Erdhügel.
Kreis Heinsberg. Der SC Myhl LA hat sich im Heinsberger Stadion Klevchen eine neue Heimat geschaffen. Durch eine permanente Crosslaufstrecke beginnt dort eine neue Ära. Von Hans Groob

"Jugend trainiert für Olympia" ist nicht nur der 1969 ins Leben gerufene Schulsportwettbewerb, der mit inzwischen jährlich fast 800.000 aktiven Mädchen und Jungen weltweit größte seiner Art, sondern auch ein Beispiel breitflächiger Zusammenarbeit des Bundes, der Länder, des Deutschen Olympischen Sportbundes mit seinen Fachverbänden sowie der Deutschen Sporthilfe. Ziel ist Talentsichtung und -förderung sowie die Vermittlung der olympischen Werte wie Fairness, Teamgeist und Leistungsbereitschaft. Mit sehr großem Erfolg haben daran von Beginn an auch Schulmannschaften aus dem Kreis Heinsberg - mit Erkelenz an der Spitze - teilgenommen, sind Beleg für gelungene Zusammenarbeit zwischen Schule und Verein, denen aber auch funktionierende Anlagen zur Verfügung standen.

Sicher einige Nummern kleiner, aber mit gleicher Zielsetzung und Wertevermittlung, ist eine "Interkommunale Zusammenarbeit zur Förderung des Vereins- und Schulsports in Heinsberg" zu beurteilen, die der Kreis Heinsberg, der Kreissportbund Heinsberg, die Stadt Heinsberg und der SC Myhl Leichtathletik vereinbart haben. Im Klartext: Der von Harald Eifert geführte Leichtathletikkreis Heinsberg und sein Stammverein SC Myhl LA suchten "festen Boden unter den Füßen mit einem zweiten Standbein".

Der Chef hat alles im Blick: Harald Eifert (Mitte) beobachtet die Arbeiter.

Das erste hatte er schon lange in Erkelenz im Willy-Stein-Stadion mit der Ernennung zum Stützpunkt des Leichtathletikverbandes Nordrhein zum Landesleistungszentrum Grenzland, wozu die Kreise Heinsberg und Aachen, Mönchengladbach und Viersen gehören, denen mittwochs die gerade erst komplett erneuerte Kunststoffbahn zur Verfügung stehen. Neben der Vorzeigeanlage in Erkelenz ist der Leichtathletikkreis Heinsberg aber auch dank der Nutzung des Glück-auf-Stadions in Hückelhoven und des Stadions "Am Bucksberg" in Übach-Palenberg gut aufgestellt. In Wegberg ist in Zeiten einer klammen Stadtkasse leichtathletisch nicht viel zu erwarten, in Wassenberg hat wohl der Fußball die größere Lobby. Die vom SC Myhl angedachte Aufwertung des Stadions "Am Wingertsberg" zu einem Leichtathletik-Stadion fand offiziell kaum Freunde. Der erfolgreichste Leichtathletikverein stand mit leeren Händen da.

"Um aber flächendeckend weiterhin erfolgreich arbeiten zu können, musste der weiße Fleck Wassenberg auf der Leichtathletik-Kreiskarte möglichst bald bunt werden", zeigte sich Harald Eifert (59) im Verbund mit seinen Kreis- und Vereinsfreunden kämpferisch. Da bot sich die Kreisschulsportanlage "Im Klevchen" an, die sich in einem arg ramponierten Zustand zeigte, in den Köpfen der SCM-Sportler aber ganz schnell zum leichtathletischen Schmuckkästchen avancierte.

Bei den umfangreichen Erdarbeiten im Stadion "Im Klevchen" kam auch schweres Gerät zum Einsatz FOTO: SC MYHL LA

Ende 2012 erfolgte der Spatenstich, der ganz unspektakulär mit Aufräumarbeiten zu bezeichnen war. Inzwischen hat die Mehrzahl der 250 Vereinsmitglieder, Eltern der Aktiven und Vereinsfreunde Tausende Arbeitsstunden investiert. Eine jetzt beim traditionellen "Frühjahrsputz im Herbst" gezogene Bilanz deutet darauf hin, dass dann im kommenden Jahr ein Leichtathletik-Stadion mit permanenter Crossstrecke offiziell in den Dienst gestellt werden kann, "das in dieser Kombination für Deutschland was Einmaliges ist", sagt Harald Eifert.

Die Verwandlung des Klevchens vom Aschenputtel zur Goldmarie begann mit der Sanierung der Hochsprunganlage und des Weitsprungs sowie der steten Reinigung und Reparatur der 319 Meter langen Kunststofflaufbahn. Die neue Kugelstoßanlage hat einen 24 Meter-Sektor, da könnte sogar der zweifache Weltmeister David Storl als 22-Meter-Stoßer eingeladen werden. Und die Eisenkugel käme sogar über eine Rücklaufrinne zurück.

Die enormen Erdbewegungen im Stadion ließen die Idee reifen, eine Crosslaufstrecke anzulegen. Die Distanz liegt zwischen 400 und 680 Meter und ist komplett einsehbar.

Vom Startbereich hinter der Kugelstoßanlage geht die Flachstrecke in eine erhöhte Kurve, über ein Rasenfeld, vorbei am Hochsprung hin zum Hindernisfeld mit Sandbereichen und Hügeln. Eine Strecke also zum Konditionsbolzen, für die Cross-Kreismeisterschaften, für den Kreis-Crosscup der Grundschulen und für die ansässigen Schulen. Die Sportlehrer zeigten sich schon sehr interessiert. Für Schul- und Vereinssport gleichermaßen wichtig, wurde das Umkleidegebäude durch den Kreis kernsaniert.

Überarbeitet werden soll bis zum Frühjahr die Beachvolleyballanlage, zur Kraftverbesserung und Erhöhung der Sprintfrequenz soll noch eine 80 Meter lange Sprintrampe angelegt werden. Und Träume haben die Leichtathleten auch noch: ein Laufschlauch. Das ist eine 110 Meter lange Überdachung der Zielgeraden, damit bei jedem Wetter trainiert werden kann. Vorbilder dafür stehen in Krefeld-Uerdingen, Rhede, Wesel und Düsseldorf.

Der sportliche Bereich des Heinsberger Klevchens käme aber kaum zur Geltung ohne das unbedingt nötige Drumherum: neue Bepflanzung, Kampf gegen Unkraut, neue Umzäunung und Eingangstor, Erweiterung eines 24 Meter langen Regen- und Sonnenschutzes, neue Treppenanlage und Fahrradstellplätze. Spaten, Schaufel oder Harke waren da als Arbeitsgerät nicht mehr ausreichend. Im Einsatz waren Bagger, Traktoren, Erdbohrer, Rüttelplatten und Reinigungsgeräte. Harald Eifert: "Gut, dass man viele gute Freunde hat - allgemein und solche, die etwas für die Leichtathletik übrig haben." Zeitweise präsentierte sich das Klevchen wie ein Ameisenhaufen, waren fast 50 SCM'ler im Einsatz.

Sie bekundeten damit ebenso Begeisterung für das Konzept, wie auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Norbert Spinrath, der bei der Vorstellung spontan Hilfe zusagte. Und diese nicht nur bei Worten ließ, sondern dann auch realisierte. An einem Arbeitssamstag kam er zwischen Terminen in Jeans und Windjacke, um einige Stunden zum "Schubkarrenführer" zu werden.

Die Zeit des sportlichen Säens in mustergültige Anlagen in Erkelenz und im alt-neuen Klevchen in Heinsberg ist quasi vorbei, alle warten jetzt eigentlich nur noch auf die Ernte, die sich natürlich nach den Vorstellungen der Aktiven und Trainer in Leistungsverbesserungen darstellt. Im Kreis Heinsberg könnte ein Leichtathletikboom ausgelöst werden, für den dann nicht mehr nur die aktuellen Aushängeschilder Jonas Hanßen (Deutscher Meister über 400 Meter Hürden) und Frederik Ruppert (Dritter und Fünfter der Deutschen Jugendmeisterschaft über 2000 Meter Hindernis) als Vorbilder stehen könnten.

Quelle: RP
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