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Serie Pape läuft (Folge 5)
Wenn die Oma einen mit dem Rollator überholt

Beeck. Ich habe es tatsächlich geschafft: Meine erste komplette Trainingswoche liegt hinter mir. Wie ich mich fühle? Ich sage es mal frei nach Schlagersänger Michael Holm: "Sehnen lügen nicht!"

Mein Körper spürt den rasanten Anstieg der Trainingsquantität. Aber ein guter Sportler kann kleinere Wehwehchen einfach weglaufen. Das habe ich zumindest mal gehört. Also, nicht jammern, laufen!

Immerhin habe ich mich nicht für ein zeitgesteuertes, sondern für ein pulsgesteuertes Training entschieden. Ganz im Sinne meines Kardiologen. Denn auch so wird man ausdauernder und schneller und kommt wahrscheinlich gesünder ins Ziel - wenn man denn ins Ziel kommt.

Das Grundlagen-Ausdauertraining der Stufe 1 (GA1) ist im Marathon das wichtigste Trainingselement. Es legt die Basis für das Tempotraining mit höherem Puls. Das Einhalten der Puls-Obergrenze ist elementar wichtig. Entsprechend programmiere ich vor jedem Lauf meine Pulsuhr. Laufe ich zu schnell, schlägt sie bei zu hohem Puls so laut an, wie der "Dicke Pitter" im Kölner Dom zur vollen Stunde.

Wie man seine maximale Herzfrequenz bestimmt, habe ich Euch ja bereits in Folge 3 erzählt. Montags bin ich mit einer Zehn-Kilometer-Runde und einer Intensität von 70 Prozent bis 75 Prozent meiner maximalen Herzfrequenz gestartet. Dienstags dasselbe Spiel. Mittwochs Ruhetag. Donnerstags erneut die Zehn-Kilometer-Runde mit 70 bis 75 Prozent. Freitags dann zehn Kilometer mit einer erhöhten Intensität von 75 bis 80 Prozent.

Auch am Samstag musste ich ran. Mein erstes Fettstoffwechsel-Training (FSW): Ein 18-Kilometer-Lauf. Die Intensität sollte hier nur 60 bis 70 Prozent betragen. Ihr könnt mir glauben, das ist verdammt langsam. Man muss sich richtiggehend bremsen. Aber ich habe mir sagen lassen, dass viele Läufer beim späteren Marathon nach knapp 30 Kilometern einfach umfallen, weil dann der Kohlenhydratspeicher leer ist - dann schlägt der berühmte Mann mit dem Hammer gnadenlos zu. Damit das nicht passiert, muss der Körper ausreichend an Energiegewinnung durch Fettverbrennung gewöhnt sein. Und diese Fähigkeit erlernt er nur durch lange Ausdauerläufe mit geringer Intensität.

Gesagt, getan. 18 Kilometer können sich ganz schön ziehen. Doch letztlich ist Distanz, was dein Kopf daraus macht! Also laufe ich mehr als zwei Stunden mit niedrigem Puls und der Geschwindigkeit einer Wanderdüne durch die Heimat und genieße einfach die Natur und die frische, güllegetränkte Luft.

Ich laufe und laufe. Irgendwann höre ich so ein nervöses Klingeln hinter mir. Ehe ich mich versehe, zieht auch schon links von mir eine Oma mit ihrem Rollator vorbei: "Bist Du nicht der Christian Pape? Jung, Du hättest Dich besser mal für eine sitzende Tätigkeit entschieden!" Noch bevor ich ihr schnaufend erklären kann, dass ich gerade ein hochsensibles, marathonspezifisches FSW-Training absolviere, ist die rüstige Dame auch schon an mir vorbeigerauscht. Was für ein mentaler Knockout!

Als ich schließlich mit schmerzenden Knien, aber irgendwie doch glücklich wieder zu Hause ankomme und mich aus meiner verschwitzten Trainingsjacke schäle, entdecke ich auf meinem weißen T-Shirt auf Höhe der Brust zwei rote Flecken. Mir wird schlagartig klar, was auf den letzten Kilometern so unangenehm gebrannt hat: Ich habe mir meine Brustwarzen blutig gescheuert. Aua!

"Sport ist Mord" hat einst ein sehr weiser Mann gesagt. Heute weiß ich auch, warum. Er muss beim Joggen durch seine Brustwarzen verblutet sein. "Ja", sagt RP-Redakteur Michael Heckers zu mir, "das ist bei Läufern ein altbekanntes Problem. Frauen haben das nicht. Die tragen beim Laufen halt meistens einen Sport-BH." Am nächsten Tag konnte ich ihm mitteilen, dass der Sport-BH an mir einfach nicht aussieht und unangenehm pikst. Kann ich wirklich nicht empfehlen.

Inzwischen klebe ich mir bei Langstreckenläufen die Brustwarzen mit Pflaster ab. Es gibt dafür sogar spezielle Pflaster. Anfangs habe ich es mit Kinderpflastern von meiner Tochter Amelie versucht. Aber irgendwie kam es mir doch skurril vor, den Nachbarn beim Laufen freundlich zuzuwinken und insgeheim zu wissen, dass unter meinem T-Shirt Biene Maja und Willi auf meinen Brustwarzen sitzen.

Schürfungen, Schrammen, Schwellungen: ja, es war eine gute erste Trainingswoche. Und wenn noch jemand Interesse an einem Haustier hat, ich hätte da einen sehr pflegeleichten Muskelkater abzugeben.

Unser Autor Christian Pape (42) ist Humorist und Hobbyläufer aus Beeck. Am 2. Oktober 2016 geht er mit RP-Redakteur Michael Heckers (42) beim Köln-Marathon an den Start.

Quelle: RP
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