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Serie Pape läuft (Folge 15)
Sterne an der Laterne

Serie Pape läuft (Folge 15): Sterne an der Laterne
Zum ersten Mal in seinem Lauftraining sieht Christian Pape Sterne - eine Straßenlaterne hat sich rücksichtslos in seinen Weg gestellt. FOTO: Dirk Jansen/manus sinister
Beeck. Fettstoffwechsel im Schmusetakt: Bei den Trainingsläufen von Christian Pape gibt Helene Fischer den Rhythmus vor.

Die Sonne scheint, die Vögel jubilieren, zwei Eichhörnchen spielen Fangen und schrauben sich in atemberaubendem Tempo am Stamm einer mächtigen Blutbuche empor. Ich stehe in Laufkleidung vor unserer Haustür und schaue beeindruckt dem Naturschauspiel zu. Eichhörnchen müsste man sein. Ich fühle mich eher flink wie ein Wiesel. Ein altes Wiesel. Mit Arthrose. Am Straßenrand liegend. Platt gefahren.

Das Training steckt mir in den Knochen. Hoffentlich habe ich mich nicht in ein Loch trainiert. Neben dem Grundlagen-Ausdauer-Training GA 1, bei dem ich pro Woche drei 10-Kilometer-Läufe mit einer Intensität von 70 bis 80 Prozent meiner maximalen Herzfrequenz absolviere, steht inzwischen auch ein vierter 10-Kilometer-Lauf mit einer Intensität von 75 bis 85 Prozent auf dem Programm. Bei diesem Grundlagen-Ausdauer-Training GA 1-2 ist der Energiebedarf des Lauftempos so groß, dass neben der sauerstoffgestützten Verbrennung von Zucker (aerob) noch weitere Energie durch Zuckerverbrennung ohne Sauerstoff (anaerob) bereitgestellt werden muss. Man atmet heftig. Ich bin dann richtiggehend außer Puste. Automatisch blase ich die Pollen der umherstehenden Pusteblumen von deren Stängel.

Die fünfte wöchentliche Einheit wird von fast allen Läufern verflucht, inklusive von mir: Das marathonspezifische Fettstoffwechsel-Training (FSW). Geringe Intensität (60 bis 70 Prozent), aber leider lang andauernd. Heute nehme ich mir vor, zum vierten Mal die magische 30-Kilometer-Marke zu schaffen. Und das ohne Auto!

Niemals wäre mir vorher in den Sinn gekommen, dass ich mal 30 Kilometer am Stück laufe. Über drei Stunden! Ich weiß, Walkerinnen könnten dabei ganz locker miteinander reden und sie wären am Ende immer noch beim ersten Thema. Aber alleine? Und ohne Stöcke? Eigentlich habe ich mir angewöhnt, der Natur und dem gleichmäßigen Takt meiner Schritte zu lauschen. Ich erfreue mich an der Begegnung mit Tier und Mensch und an den aufmunternden Sprüchen wie: "Hey, dat geht aber noch schneller!"

Doch jetzt beschleicht mich das resignierende Gefühl, auf meiner heimatlichen Laufrunde mit jedem Stein und mit jedem Baum per Du zu sein. Ich weiß inzwischen blind, hinter welchem Gebüsch knurrende Hunde lauern, die angeblich nur spielen wollen. Bisher habe ich mich dagegen gesträubt, doch wie oft sind mir schon Jogger mit Kopfhörern begegnet, die in eine andere Welt entrückt ganz mühelos an mir vorbei gelaufen sind. Gibt es so etwas wie die perfekten Laufsongs, die das Durchhaltevermögen steigern und das Anstrengungsempfinden senken? Ich gebe mir einen Ruck: "Amelie, würdest Du mir Deinen MP3-Player mal ausleihen? Und kannst Du mir Nachhilfe geben, wie dieses Gerät funktioniert?" Schließlich bin ich in einer Zeit aufgewachsen, in der die einzige Musik zum Mitnehmen eine Drehorgel oder ein Leierkasten war. Aber lauf mal mit einem Leierkasten. Da hüpft dir nach einem Kilometer genervt der Affe von der Schulter.

Dann kam der Walkman, DIE Errungenschaft in meiner Jugend. Kassetten aufnehmen und unterwegs hören - wow! Und das auch noch gegen die Warnung der Eltern: "Junge, Deine Ohren gehen davon kaputt!" Doch unsere Ohren waren uns völlig egal. Wir hatten nur eine Sorge. Das Schlimmste, was uns passieren konnte, war Bandsalat.

Wer mal eine BASF- oder TDK-Stereo-Chrom-Kassette mit 90 Minuten Laufzeit komplett mit dem Bleistift aufgewickelt hat, der weiß seine Lieblingsmusik auch heute noch zu schätzen! Jedes einzelne Lied auf meinem persönlichen "Hit Mix" habe ich damals mühevoll vom Radio überspielt. Im richtigen Moment die Tasten "REC" und "PLAY" drücken und immer die Anspannung: Kommt das ganze Lied drauf oder quatscht der Moderator wieder dazwischen - das war Adrenalin pur!

Amelie hat sichtlich Spaß an ihrer technischen Überlegenheit und stellt mir ihren eigenen "Hit Mix" gönnerhaft zur Verfügung. Motiviert setze ich mir die Kopfhörer auf und starte mein Training. Nach drei Kilometern überlege ich ernsthaft, den Lauf abzubrechen. Ich werde ausschließlich von Helene Fischer beschallt. Nicht gerade meine Musik. Doch jenseits meiner beschränkten physischen Möglichkeiten schwebe ich plötzlich zu den Klängen von "Mein Herz läuft Marathon" über den Feldweg. Tatsächlich, der Rhythmus treibt mich an. Ich bemerke gar nicht das panische Alarmschlagen meines außer Kontrolle geratenen Herzfrequenzmessers. Früher als gewöhnlich bekomme ich schwere Beine. Irritiert lasse ich den Blick auf meine Pulsuhr wandern, der vor lauter Piepen auch schon die Zunge raushängt. Oh Gott. Statt mit einem ruhigen Puls von 125 zu laufen, rase ich unkontrolliert mit 165 durch die Landschaft. "Mein Herz läuft Marathon" - Helene, Du Luder.

Nach Luft ringend stolpere ich nach der ersten von drei Runden an unserem Haus vorbei. Amelie spielt mit Mama Hüpfekästchen. "Amelie, wir müssen die Musik ändern!", prustet es aus mir heraus. Und meine Tochter antwortet: "Papa, Du bist ja schon da!" "Sag ich doch!" Gekonnt drückt die Kleine auf die Tasten ihres MP3-Players und ich starte mit Xavier Naidoo in die nächste Runde. "Dieser Weg wird kein leichter sein. Dieser Weg wird steinig und schwer." Puh, wie recht unser Schmuse-Rapper doch hat. Ich laufe nicht, ich hüpfe im Takt des Beats. Ich trippele wie ein unruhiges, nervöses Pferdchen. Mit meinem Laufstil, der an die klassische Reitfigur "Piaffe" erinnert, könnte ich eine Nebentätigkeit als Dressurpferd anstreben. Eigentlich grenzt es an ein Wunder, dass mir die Nachbarn keine Möhrchen und Äpfelchen über ihre Hecken zuwerfen, mir einen Eimer Wasser hinstellen und einen Sattel auf meinen Rücken schnallen.

So schaffe ich die letzte Runde nie! Also patsche ich hilflos auf dem MP3-Player herum: Ein Hörbuch! Hape Kerkelings "Ich bin dann mal weg". Japsend aber irgendwie tiefenentspannt nutze ich die Meditation des Laufens und mein Gehirn klammert sich an die beruhigende Stimme des Kultkomikers. Irgendwann höre ich Hape nur noch leicht verschwommen aus weiter Entfernung. Und dann muss ich wohl beim Traben weggenickt sein. Zum ersten Mal in meinem Lauftraining sehe ich Sterne. Rumms! Eine Straßenlaterne hat sich rücksichtslos in meinen Weg gestellt. Von jetzt auf gleich ist alles anders: Mein Name ist Walter, ich bin 87 Jahre alt und finde es so schön bunt hier.

Ich rappele mich auf, nicht ohne mich vorher zu vergewissern, ob mich jemand beobachtet hat. Nicht auszudenken, wenn dieses Malheur in der Rheinischen Post stehen würde. Mit einer dicken Beule an der Stirn schleppe ich mich über die letzten Kilometer und dann ist mein Fettstoffwechsel-Training endlich geschafft. Haken dran! "Was ist denn mit Dir passiert? Sollen wir zum Arzt?", rufen Silvia und Amelie besorgt, als ich wie ein alter Gaul unsere Einfahrt hochtrotte. Ich schüttele nur den Kopf und stottere: "Wiha, wiha müssen nicht zum Arzt! Ich brauche nur ein paar Möhrchen und einen Eimer Wasser." Und dann habe ich mich erschöpft unter die Abschwitzdecke gelegt. Manchmal ist es besser, die Wahrheit einfach zu verschweigen!

AUTOR CHRISTIAN PAPE (42) IST HUMORIST UND HOBBYLÄUFER. AM 2. OKTOBER 2016 GEHT ER GEMEINSAM MIT RP-REDAKTEUR MICHAEL HECKERS (42) BEIM KÖLN-MARATHON AN DEN START.

Quelle: RP
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