| 00.00 Uhr

Leichtathletik
Vor 40 Jahren in die Hochsprungelite "gefloppt"

Leichtathletik: Vor 40 Jahren in die Hochsprungelite "gefloppt"
Monika Louis im Hochsprung. Bei den Westdeutschen in Dortmund wurde sie Jugendmeisterin und übersprang 1,82 Meter. FOTO: Monika Louis
Erkelenz. Monika Petrick ist stolz darauf, dass der Rekord von Monika Louis nun schon 40 Jahre hält. Die Leichtathletin aus Altmyhl sprang 1,83 Meter hoch und durfte sogar kurz von Olympia in Montreal träumen. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Hermannsburg in der Lüneburger Heide. Von Hans Groob

HÜCKELHOVEN/CELLE Seit gestern Abend brennt das Olympische Feuer in Rio de Janeiro - für Monika Petrick ein guter Augenblick, um auf ihre eigene Leichtathletik-Karriere zurückzublicken, die sie fast zu den Olympischen Spielen nach Montreal brachte. Dabei ist ihr der 6. Juni 1976 auf den ersten Moment gar nicht mehr im Gedächtnis - das Rasseln in der "Denkzentrale" von Monika Louis, so hieß Frau Petrick nämlich vor 40 Jahren, als sie noch in Altmyhl, dem kleinsten Stadtteil von Hückelhoven lebte, in Erkelenz zum Mädchengymnasium ging und beim SSV Erkelenz Sport machte, ist durch die Telefonleitung von Erkelenz nach Hermannsburg bei Celle quasi zu spüren. "Das weiß ich nicht mehr, das ist ja 40 Jahre her", schallt es knapp 400 Kilometer zurück. Doch eine Zahl, und die Erinnerungen kommen zurück: 1,83 Meter. Monika Petrick verstummt einen Moment, weiß dann sofort, dass sie an jenem Sonntag vor 40 Jahren in Königswinter mit diesem gewaltigen Höhenflug in die damalige Hochsprungspitzenklasse der bundesdeutschen Frauen "gefloppt" war. Und damit Olympiasiegerin Ulrike Meyfarth (1,88 m), der Krefelder Allrounderin Brigitte Holzapfel (1,85 m) und der Stuttgarterin Renate Borschert (1,85 m) auf die Pelle gerückt. Die 1,83 Meter, in Königswinter im Rahmen eines Länderkampfes zwischen dem Leichtathletikverband Nordrhein und den Niederlanden gesprungen, waren den Veranstaltern am Ende sogar einen Ehrenpreis für die beste Tagesleistung wert. Die Suche nach Monika Louis ist gar nicht so einfach, doch ihr Name taucht auch nach vier Jahrzehnten immer noch in der Bestenliste des Leichtathletikkreises Heinsberg auf Rang eins auf.

Und überhaupt, was zwischen dem ersten Schrei 1958 auf dieser Welt im 270 Einwohnerdörfchen Altmyhl und dem aktuellen Leben in Niedersachsen alles passiert ist. Zwei-, dreimal zieht es sie in die Heimat, wo ihre Mutter Adele (immer noch im Elternhaus) den 90. gefeiert hat, und besucht dann auch ihre Schwester mit Familie. Nach den Grundschulen in Altmyhl und Myhl (1964-68) lockte das Mädchen-Gymnasium in Erkelenz (Abitur 1977) und die Höhere Handelsschule in Mönchengladbach sowie eine kaufmännische Ausbildung bei Enka-Glanzstoff in Oberbruch. Das Leben der symphatischen und immer lustigen jungen Frau wurde dann 1979 durch die Heirat mit Detlef Petrick mehrfach auf den Kopf gestellt, gab es doch nicht nur den Namens-, sondern 1981 auch einen Ortswechsel: Rotenburg an der Wümme war nun der Bundeswehrdienstsitz des Ehemannes und wurde auch Geburtsort der Töchter Sandra (1981) und Sabrina (1984). Seit 1987 ist Hermannsburg in der Lüneburger Heide im Kreis Celle das Zuhause der Petricks, wo auch das Leben von "Frl. Louis", die nach ihrer "Mamazeit" noch eine Ausbildung in der Kranken- und Behindertenpflege absolvierte und von 2001 bis 2015 auch ausübte, von fünf Enkelkindern mitbestimmt wird. Erholung suchen die Petricks auf der süddänischen Wattenmeerinsel Römö, wo ausgedehnte Spaziergänge Wirbelsäule und Hüfte durchbluten sollen, weil diese doch durch Beruf und Leistungssport gelitten haben. "Das ist unser zweites Zuhause", sagt Monika Petrick.

Der Sport fing früh an, wurde am Mädchengymnasium Erkelenz und dem in enger Kooperation gegründeten Schüler-Sport-Verein (SSV) Erkelenz pädagogisch-behutsam aufgebaut. Corinna Haak, neben Ute und Folkhart Pflüger Lehrer und Trainer, erinnert sich und schmunzelt auch jetzt noch: "Monika war unverwüstlich. Wenn bei Schulfesten die meisten Kinder kaputt auf dem Rasen lagen, war sie noch lange nicht ausgelastet. Einmal sahen wir sie an einem Flutlichtmast hochklettern." Monika Louis' Talent war schnell erkannt: Laufen - 600 und 800 Meter, 4 x 400 und 4 x 100 Meter - aber auch der Mehrkampf und nicht zuletzt der Hochsprung. Die Zusammenarbeit Sport im Verein und in der Schule war in Erkelenz perfektioniert worden. Die "Apfelsinchen", wie die Leichtathletikteams des Mädchengymnasiums wegen der orangefarbenen Wettkampftrikots genannt wurden, sammelten beim Schulsportwettbewerb "Jugend trainiert für Olympia" unzählige NRW-Landesmeistertitel und wurden sieben Mal Bundessieger, also Deutscher Meister der Schulen. Bei drei Titelgewinnen (1973, 74 und 76) war Monika Louis eine Schlüsselsportlerin, denn für hohe Sprünge gab es die fettesten Teampunkte. Das 1976er Bundesfinale war eine Wasser- und Nervenschlacht zugleich. Louis wäre fast an der Einstiegshöhe von 1,68 Metern gescheitert, um nach Veränderung der Anlaufmarke schließlich bei der umjubelten Sieghöhe von 1,81 Meter zu landen. Und das bei strömendem Regen. Die Erkelenzerin hatte auch das Glück, dass ein mitgereister Sportredakteur im Gegensatz zu den Trainerinnen in den Innenraum des Berliner Olympiastadions durfte und mit einer Schaumstoffwalze Monikas Anlaufbahn immer wieder vom Wasser befreite - exklusiv.

Mit dem dritten Bundessieg und der Erfolgshöhe von 1,81 Meter hatte Monika Louis nun ihren "kleinen Olympiasieg", durfte sie doch einige Wochen zuvor das Treiben bei der 21. Olympia in Montreal nur am Fernseher verfolgen. Und wäre doch so gerne dabei gewesen in Nordamerika. Ihre 1,83 Meter von Königswinter waren zwar noch nicht die Olympianorm (1,88 m), aber Olympiaform hatte im Parc Olympique für die Bundesrepublik lediglich Brigitte Holzapfel, die mit 1,87 Metern Elfte wurde, während Ulrike Meyfarth, ihren Münchener Olympiasieg nicht zu verteidigen in der Lage war und mit mäßigen 1,78 Metern schon im Vorkampf ausschied. Es gab damals nicht wenige Kenner der Hochsprungszene, die das Zwischentief von Meyfarth vorausgeahnt hatten und der Meinung waren, neben Holzapfel eventuell sogar Monika Louis eine Chance zu geben. Monika Louis' Empfehlung war Stabilität über mehrere "Einsachtziger" und nervenstarke Lockerheit. Sie hatte nicht nur die 1,83 Meter von Königswinter übersprungen, sondern auch 1,82 Meter, die wenige Tage vor ihrem 18. Geburtstag zur Westdeutschen Jugendmeisterschaft in der Dortmunder Westfalenhalle führten. Dort war tags zuvor Ulrike Meyfarth mit der gleichen Höhe Seniorentitelträgerin geworden und hatte bei der nächsten Höhe keine Chance, während die SSVerin dreimal wirklich nur hauchdünn an 1,84 Metern scheiterte.

Nervenstark war sie zwischendurch auch noch ein Staffelrennen für ihren Verein gelaufen. SSV-Trainer Folkhart Pflüger war damals zwar auch sehr angetan von der Leistung seines Schützlings, blieb aber immer bodenständig, wenn auch nicht hoffnungsvoll: "Von Olympia zu träumen, wagt man beim SSV Erkelenz noch nicht, obwohl noch mehr drin ist".

Heute sagt Monika Petrick über Monika Louis: "Als ich geheiratet habe, war der Leistungssport für mich kein Thema mehr. Die großartige Zeit im Sport aber möchte ich nicht missen, alleine schon deshalb, weil ich viele tolle Menschen habe kennenlernen dürfen." Nachahmer in der Familie gab es nicht: "Meine Töchter sind lieber Kartslalom gefahren, sogar auf höherer Ebene." Wissen die beiden denn überhaupt vom Erfolg der Mama, ist die letzte Frage im langen Telefonat: "Sandra und Sabrina haben im Schrank mal einige Nationaltrikots, die ich bei Länderkämpfen getragen habe, gesehen. Dann habe ich erzählt und Bilder und Zeitungsartikel dazugelegt. Ja, sie waren stolz auf ihre Mama."

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Leichtathletik: Vor 40 Jahren in die Hochsprungelite "gefloppt"


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.