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Kreis Heinsberg
Temposünder im Visier

Kreis Heinsberg: Temposünder im Visier
"Wir hoffen, in Fahrern etwas zu bewegen durch die Ansprache", sagte Notfallseelsorger Manfred Jung. FOTO: JÜRGEN LAASER
Kreis Heinsberg. 50 Polizisten haben an 19 Kontrollstellen zu schnelle Fahrer angehalten. Die Kripo suchte nach verdächtigen Fahrzeugen. Von Gabi Laue

Wenn es stimmt, dass Gelerntes eher im Gedächtnis bleibt, wenn es mit Emotionen verknüpft ist, hatten Verkehrsteilnehmer am Donnerstag Gelegenheit, Wichtiges fürs Leben zu lernen - auch für das Leben anderer. Beim Blitzmarathon führte die Polizei Schnellfahrern vor Augen, welche Folgen schwere Unfälle haben. "Geschwindigkeit ist Killer Nummer eins", betonte Einsatzleiter Heinrich Kaumanns bei der Kontrollstation am Morgen am Rand von Gerderath. "15 Kilometer pro Stunde mehr oder weniger - das kann den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen." Notfallseelsorger Manfred Jung schilderte, wie er Todesnachrichten überbringt, und beeindruckte einige Ertappte tief.

Die Polizei stellte Laserpistolen, das mobile Iso-Messgerät und den Radarwagen des Kreises Heinsberg an Straßen auf, auf denen Menschen ihr Leben verloren haben. Aktuelles Beispiel L 19, Zubringer zur B 57: Ostersonntag will eine 79-Jährige nach Mönchengladbach abbiegen und nimmt einem Erkelenzer (52) die Vorfahrt. Sechs Menschen in den beiden Pkw werden teils schwer verletzt, die 79-Jährige stirbt Stunden später. "Wir haben Bremsspuren gesichert, die 17,5 Meter lang hätten sein sollen, doch sie maßen 24 Meter", sagte Kaumanns. Laut Gutachten bedeutet das: Der Fahrer fuhr etwa 100 bei erlaubten 70 km/h. Abgesehen von der Schuldfrage, glaubt der Einsatzleiter: "Die Folgen wären weniger schlimm gewesen, hätte der Fahrer die Geschwindigkeit beachtet."

Schnell zum Arzttermin. Eilige Blutkonserven. Kurz nicht aufgepasst. Schuldbewusste Aussagen ertappter Fahrzeugführer. Allen über 65 km/h führt die Polizei - auf freiwilliger Basis - plastisch vor Augen, was ein Tempo-Unterschied ausmacht. Mit Signalgrün und Weiß hat sie auf den Parkplatz vor Myhl Streifen aufgesprüht: Reaktionszeit und Bremsweg bei Tempo 50 oder bei 65. Da staunen die Fahrer und Fahrerinnen. "Das wäre der Bereich, in dem ein Kind auf der Straße noch in Sicherheit gewesen wäre. 15 km/h mehr, und eine Kollision wäre nicht zu verhindern gewesen", erklärt Heinrich Kaumanns einer jungen Frau, die selbst Mutter ist. Da rollen Tränen. Manfred Jung hat einen im schweren Audi gelaserten jungen Mann beeindruckt. Der Notfallseelsorger besucht auch Schulen, um in "Crash-Kursen" die Folgen fürs Leben zu erklären. In Geilenkirchen tat das gestern ein Ersthelfer, der hinter einem Auto fuhr, das gegen einen Baum krachte. Was er da erlebt hat, damit wird der Zeuge nicht fertig. Er wird seit sechs Monaten in einer Traumaklinik therapiert.

Was Jung zu berichten hat, wollen nicht alle hören. "Dramatische Reaktionen" erlebe er, wenn jemand zu Tode gekommen ist, er früh um sieben klingelt und Angehörige schlaftrunken öffnen: "Einige weinen, andere sind wie versteinert, wieder andere schreien, sind voller Wut, wollen am liebsten dem, der das verursacht hat, an die Gurgel."

Quelle: RP
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