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Was ein Brexit für uns bedeuten könnte

Was ein Brexit für uns bedeuten könnte
Dr. Veit Luxem , Sprecher der Volks- und Raiffeisenbanken im Kreis Heinsberg. FOTO: Laaser (Archiv)
Kreis Heinsberg. Was würde es für die Wirtschaft und die Menschen im Kreis Heinsberg bedeuten, falls die Briten am nächsten Donnerstag, 23. Juni, tatsächlich für den Austritt aus der EU stimmen? Dieser Frage sind für die RP drei heimische Wirtschaftsexperten nachgegangen.

Dr. Veit Luxem , Sprecher der Volks- und Raiffeisenbanken im Kreis Heinsberg

Die Volksbanken und Raiffeisenbanken im Kreis Heinsberg konzentrieren sich auf das Geschäft mit regionalen Firmen- und Privatkunden. Unmittelbar betroffen wären die Banken durch einen Brexit daher nicht. Indirekt erwarte ich dennoch Auswirkungen– schließlich ist Großbritannien für Deutschland das drittwichtigste Ausfuhrland. Und insbesondere das in unserem Geschäftsgebiet tätige verarbeitende Gewerbe, das hier im Kreis Heinsberg über 10.000 Menschen beschäftigt, wäre von einem Brexit und den damit einhergehenden Beschränkungen im freien Handelsaustausch, aber auch aufgrund einer Abwertung des Pfunds, von der ich ausgehe, unmittelbar betroffen. Viele mittelständische Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes, aber auch ihre Mitarbeiter und deren Familien sind Mitglieder oder Kunden unserer Banken und hier besteht natürlich eine Wechselwirkung.

Ein Brexit würde das Geschäft des Mittelstands mit britischen Kunden aller Voraussicht nach belasten. Zölle würden deutsche Exporte über den Ärmelkanal verteuern. Die Nachfrage der Briten nach hiesigen Produkten würde wahrscheinlich sinken. Darüber hinaus drohen im Falle eines Brexits steigende bürokratische Hemmnisse. In einer Umfrage der Genossenschaftlichen Finanzgruppe gaben deswegen nur 28  Prozent der westdeutschen Mittelständler an, dass ein Brexit keine Auswirkungen auf ihr Geschäft hätte. Hervorheben möchte ich, dass nicht nur die mittelständischen Betriebe in Deutschland vom Handel mit Großbritannien profitieren, sondern umgekehrt auch die Briten von den engen Wirtschaftsbeziehungen mit Kontinentaleuropa.

Aus Europäischer Sicht wäre ein Brexit natürlich fatal. Er würde den Zusammenhalt in Europa aufs äußerst belasten und könnte eine nicht gewollte Bewegung in Gang setzen bis hin zur Infragestellung des Zusammenhalts in Europas.

An den Kapitalmärkten käme es bei einem Brexit zumindest temporär zu starken Verwerfungen. Auch hätte ein Brexit Auswirkungen auf das Zinsniveau insbesondere in den südeuropäischen Ländern. Hier ist von einem Zinsanstieg auszugehen, wohingegen sich in Deutschland am niedrigen Zinsniveau nichts ändern wird. Aufgrund der vielen negativen Auswirkungen hoffe ich persönlich, dass die Briten am Donnerstag klar gegen den Brexit stimmen werden.

Thomas Pennartz, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Heinsberg. FOTO: JL (ARCHIV)

Thomas Pennartz, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Heinsberg

Für den Fall, dass die Briten sich mehrheitlich für den Austritt aus der EU entscheiden, sind durchaus Risiken für Finanzmärkte und Wirtschaft zu befürchten. Aber sie sind meines Erachtens nur schwer einschätzbar, da wir in Europa eine sehr heterogene wirtschaftliche Ausgangslage haben. Auch die extreme internationale Vernetzung macht Prognosen zu solchen tiefgreifenden Veränderungen sehr schwierig. Ich glaube aber, dass auch nach einem eventuellen Brexit unsere regionalen Mittelständler allenfalls zeitlich befristet betroffen wären, denn Absatzeinbußen ließen sich wohl über andere Märkte kompensieren, sodass die Wirtschaft weiterläuft. Unternehmen mit einem deutlichen Absatzschwerpunkt in Großbritannien dürfte es nach meiner Kenntnis im Kreis kaum geben.

Eine mögliche Betroffenheit für das Geschäft der Kreissparkasse Heinsberg sehe ich hingegen nicht, da unser Haus keine finanziellen Beziehungen zu Instituten in Großbritannien unterhält und auch keine britischen Finanzprodukte aktiv vertreibt. Als regionales Kreditinstitut nutzen wir die Einlagen unserer Kunden ausschließlich für Geschäfte in der Region. Im Rahmen der an den Interessen unserer Kunden ausgerichteten Anlageberatung haben wir die Risiken eines Brexit an den Kapital- und Aktienmärkten immer thematisiert. Anleger mit Vermögenswerten in Großbritannien würde ein Brexit zunächst verunsichern. Viele könnten ihr Geld aus Großbritannien abziehen. Der Wert der britischen Währung, der britischen Staatsanleihen, aber auch zum Beispiel britischer Immobilien, würde fallen. Der Brexit würde dadurch Anlegern mit britischen Anlageprodukten schaden. Tendenziell würden Inner-EU-Finanzplätze wie Dublin, Frankfurt oder Paris profitieren. Feststehen dürfte, dass im Fall eines Brexit der freie Güterverkehr für Großbritannien nicht mehr gelten würde. Die britische Regierung müsste die Gesetze für die Ein- und Ausfuhr von Gütern neu verhandeln. Wahrscheinlich würden britische Produkte in anderen EU-Ländern dadurch teurer werden. Auch wir deutschen Verbraucher müssten dann mehr dafür zahlen.

Unabhängig vom Ausgang des Referendums ist eine Debatte über die politische Zukunft Europas notwendig. Diese Debatte muss den Meinungsströmungen der Bürger Rechnung tragen und das Verhältnis zwischen EU und Mitgliedstaaten ergebnisoffen überprüfen. Das Subsidiaritätsprinzip, das nach meiner Wahrnehmung insbesondere Großbritannien und Deutschland in der EU zu Recht verteidigen, sollte dabei deutlich geschärft werden.

Ulrich Schirowski, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft für den Kreis Heinsberg

Thomas Pennartz, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Heinsberg. FOTO: WFG/Karl Brunn

Ich erwarte keine kurzfristigen gravierend negativen Effekte für die regionale Wirtschaft im Kreis Heinsberg, sollten sich die Briten tatsächlich mehrheitlich für einen EU-Austritt aussprechen. Schockartige regionalwirtschaftliche Reaktionen ab Mitte nächster Woche schließe ich aus. Trotzdem: Ein sogenannter Brexit bliebe mittel- und langfristig wohl nicht folgenlos für die exportorientierte deutsche Wirtschaft, auch für die Unternehmen den im Kreis Heinsberg, besonders starken mittelständischen Maschinen- und Anlagenbau.

Ich bin mir aber sicher, dass die Unternehmen im Kreis Heinsberg, die in direkten Geschäftsbeziehrungen mit Großbritannien stehen, angesichts der seit Monaten anhaltenden Diskussionen um einen möglichen britischen EU-Austritt Vorsorge getroffen haben. Die Außenwirtschaftsabteilung der Industrie- und Handelskammer Aachen (IHK) hat meiner Einschätzung nach da in den letzten Monaten gute Aufklärungs- und Beratungsarbeit geleistet.

Darüber hinaus stelle ich – mit Blick auf die rechtliche Situation - klar: Im Falle eine Brexit-Entscheidung ist Großbritannien ja nicht mit sofortiger Wirkung raus aus der EU. Der Lissabon-Vertrag der Europäischen Union von 2007 sieht eine zweijährige Übergangsfrist vor, in der ein möglicher Austritt eines Mitgliedslands verhandelt würde. Je nachdem, welches Verhältnis das Land danach zur EU hat, könnten Exporteure möglicherweise auch weiterhin vom europäischen Binnenmarkt profitieren. Da sind sehr unterschiedliche Szenarien denkbar. Sicherlich gehört aber nicht dazu, dass es in Zukunft keinen Handel mehr zwischen der EU und Großbritannien geben wird.

Sicherlich ist die Lage mit Unsicherheiten behaftet, doch dem Mittelstand in Deutschland schreibe man – mit Sicherheit nicht unberechtigt – vor allem drei wichtige Tugenden zu: Innovationsfähigkeit, Qualitätsbewusstsein und Anpassungsfähigkeit. In dieser Situation ist wahrscheinlich vor allem die dritte Tugend gefragt.

In diesem Sinne muss man nach Ansicht als Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft im Kreis Heinsberg auch die erst Anfang Mai von der IHK vorgelegte jüngste Konjunkturumfrage für die Region Aachen interpretieren: Trotz leider zahlreicher krisenhafter Entwicklungen in Europa und weltweit, – die Unternehmen in der Region melden nicht nur eine überwiegend gute Geschäftslage, sondern noch bessere Geschäftserwartungen – auch und gerade die Unternehmen in Kreis Heinsberg. Also, was einen möglichen Brexit betrifft: Bange machen gilt nicht!

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