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Langenfeld
Achtung, heiß - in Richrath kocht der Stahl

Besuch im Stahlwerk Schmees in Langenfeld
Langenfeld. Bei der RP-Sommertour haben 24 Leser aus der Region das Stahlwerk Schmees in Langenfeld besichtigt. Sie waren begeistert. Von Heike Schoog

Detlef Gozwitza und Antonio Pantano tragen graue, feuerfeste Anzüge und Handschuhe. Ihre Gesichter schützt ein Visier mit Blendschutz. Aufmerksam schauen sie auf die Temperaturanzeige am Stahlkocher. Kontinuierlich klettert sie 1670 Grad Celsius. Das Klingelzeichen ertönt und die beiden Kollegen holen einen großen Behälter. Er ist an Seilketten aufgehängt und wird nun zum Abfüllplatz gezogen und geschoben.

Die beiden Männer klappen das Visier herunter und bringen die so genannte "Pfanne" in Position. Ein Dritter gießt den funkensprühenden, flüssigen Stahl in den Behälter. "Das muss sehr schnell geschehen", sagt Andreas Höller, Geschäftsführer der Edelstahlwerke Schmees. Kühlt der Stahl zu lange ab, kann er nicht glatt gegossen werden, und alles ist vergeblich, erklärt er den 24 Teilnehmern der RP-Sommertour, die - geschützt mit Helmen - gespannt zuhören.

Die beiden Stahlkocher wissen das und führen die gefüllte Pfanne, die aussieht wie ein verkrusteter Trog, schnell zurück zu den aufgereihten Formen. Nacheinander gießen sie die Behälter voll. Auch jetzt sprüht der flüssige Edelstahl Funken. Die Hitzeentwicklung in der Werkhalle ist enorm.

Auf diese Vorführung haben die Teilnehmer gewartet. "Wahnsinn", sagt der zwölfjährige Gymnasiast Karl aus Leverkusen, der mit seiner Großmutter die Führung mitmacht. Er ist sichtlich beeindruckt. Kaum einer der Teilnehmer, der nicht das Handy zückt. "Handarbeit, wo gibt es die noch zu sehen", kommentieren einige das Geschehen.

Clemens Schmees, Inhaber des Familienbetriebs in Richrath, schildert mit einfachen Vergleichen, was dort geschieht. "Stahl kochen ist wie Suppe kochen", sagt er. Je nach Geschmack (respektive Kundenwunsch) werden Salz und Pfeffer hinzugefügt. Beim Stahl sind es die unterschiedlichen Metalle, die für den jeweiligen Einsatz des Werkstücks notwendig sind: "Legierungen". Werkstücke, die bei Schmees gefertigt werden, kommen beim U-Bootbau zum Einsatz oder in der Lebensmitteltechnik sowie in der Pharmazie. Und jüngst gießt das Unternehmen auch Kunst. Die Formen für die Werkstücke werden je nach gewünschter Oberfläche aus Sand oder Keramik hergestellt, was die Besucher in den Lagerhallen interessiert betrachten.

Angefangen hat alls im Jahr 1961. Da hat Vater Dieter Schmees eine Lohndreherei in der Garage aufgebaut, damit sein Vater arbeiten konnte. Denn der gelernte Dreher war gerade arbeitslos geworden. Das Geschäft lief gut und die Familie war auf der Suche nach einem neuen Domizil, das sie am Rudolf-Diesel-Weg in Langenfeld fand. 2000 Quadratmeter hat Dieter Schmees erworben. 1968 schaffte er einen Schmelzofen an. Der war auf einer Auktion zufällig günstiger zu erwerben, als der eigentlich geplante Schmiedehammer.

So entstand statt einer Schmiede eine Schmelze. Inzwischen residiert das Unternehmen in Langenfeld auf 20 000 Quadratmetern und hat einen zweiten Standort in Pirna, nahe Dresden. Eigentlich wollte die Familie dieses Werk gar nicht übernehmen. Doch ein Brand (1992) am Langenfelder Standort machte Unterstützung notwendig. Und die fand Schmees in den noch wenigen verbliebenen Mitarbeitern des ehemaligen DDR-Stahlwerks. In Nullkommanichts waren die Arbeiter zur Stelle und halfen, das verbrannte Werk in Langenfeld wieder aufzubauen, so dass Schmees seine Aufträge pünktlich liefern konnte. "Mit der Zeit wuchs die Beziehung zu den Menschen aus dem Osten und wir beschlossen, das Werk doch von der Treuhand zu kaufen."

140 Mitarbeiter beschäftigt Schmees in Langenfeld, 180 in Pirna. Der Jahresumsatz in Langenfeld lag 2015 bei 18 Millionen Euro, in Pirna bei 21 Millionen. Die Prognose für dieses Jahr hat Schmees bereits nach unten korrigiert. "Das Geschäft in der Stahlbranche kriselt." Schmees produziert in Langenfeld 750 Tonnen Stahl, in Pirna 1400.

"Das einzige Segment, das derzeit wächst, ist der Kunstguss", erläutert Clemens Schmees. Es macht 10 Prozent des Umsatzes aus. Tony Cragg, Jeff Koons oder Horst Gläsker lassen bei Schmees fertigen. Der Kunstguss ist auch der Grund, warum Claudia und Jürgen Neitzert sich angemeldet haben zur Führung. "Die Kombination ist spannend." Auch alte Weggefährten aus anderen Stahlwerken haben sich eingefunden sowie Metallbauer Frank Gehrmann aus Heiligenhaus, der seinen beiden Söhne das Metier zeigen wollte.

Quelle: RP
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