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Analyse
Bibliothek lädt zum längeren Verweilen

Analyse: Bibliothek lädt zum längeren Verweilen
Die Langenfelder Stadtbibliothek ist als Treffpunkt beliebt - ob fürs Zeitungslesen oder etwa um vor Ort gratis im Internet zu surfen. Auch Brettspieler und Sammelkartentauscher treffen sich in der Bücherei. FOTO: Ralph Matzerath
Langenfeld. Mehr Besuch, aber weniger Besucher - das ist der widersprüchlich anmutende Trend bei der Bücherei. Deren Leiterin weist auf die große Integrationsleistung ihrer Einrichtung hin - aber auch auf den zusätzlichen Aufwand für den Dienst am Asylbewerber. Von Thomas Gutmann

Leer ist anders. Ein Fremder, den es an einem ganz normalen Nachmittag in die Stadtbibliothek verschlägt, dürfte die Langenfelder für ein belesenes Völkchen halten. Hier blättert ein Rentner in einer Tageszeitung, dort blickt ein junger Dunkelhaariger auf sein Smartphone, gegenüber recherchiert eine Schülerin am Bildschirm einer Datenbank. "Auch nach unserem Eindruck ist die Bibliothek voller denn je", sagt Leiterin Martina Seuser. Allein: Die hauseigene Statistik besagt das Gegenteil. Danach ging die Zahl der Besucher im vorigen Jahr gegenüber 2014 um fast sieben Prozent auf rund 146.000 zurück. "Das hat der automatische Zähler im Eingangsbereich ermittelt - und der ist zuverlässig", sagt Seuser und versucht damit gar nicht erst, mögliche Hintertürchen zu finden, die sie aus der betrüblichen Statistik herausführen.

Eine plausible Erklärung hat die Büchereichefin aber dann doch: "Die Besucher bleiben länger. Der ältere Herr zum Beispiel, der hier morgens um 9 Uhr Zeitung zu lesen beginnt, den sehe ich oft auch am Abend wieder", erzählt Seuser. Während die Stadtbibliothek als Ort der Ausleihe etwas an Bedeutung einbüße, werde sie immer mehr zu einem "Treffpunkt", einem "Ort des Lernens, des Lesens und der Freizeitgestaltung". Ob für Jugendliche, die hier Sammelkarten tauschen, für (Groß-)Schach- und andere Brettspieler oder für Schüler, die den "Munzinger", eine zuverlässige Personen- und Länder-Datenbank nutzen.

Ein Treffpunkt ist die Bibliothek auch für Asylbewerber. "Im zweiten Halbjahr 2015 ist die Zahl der Neunanmeldungen bei den Leseausweisen um 14 Prozent gestiegen - in erster Linie wegen der Flüchtlinge", berichtete Seuser neulich im städtischen Kulturausschuss. Grund: "Wir bieten eine Vor-Ort-Nutzung des Internets." Neben dem Kontakt mit der Heimat lockt die Zuwanderer auch die große Auswahl an internationalen Zeitungen und Zeitschriften. "Es sind Titel in 80 Sprachen online verfügbar", erklärt die Bibliothekschefin. Hinzu kämen Deutsch-Lernprogramme und Deutschkurse in Heftform. "600 dieser Hefte in einem Wert von 4000 Euro hat der Bibliotheksförderverein gespendet; die Bürgerstiftung der Stadt-Sparkasse wird noch einmal so viele zur Verfügung stellen."

Bis zu 30 Flüchtlinge gleichzeitig nutzen laut Seuser die Bibliothek. Diese "Integrationsleistung" der städtischen Kultureinrichtung, die nach eigenen Angaben von allen die längste Wochenöffnungszeit hat (34 Stunden), findet im Stadtrat Anerkennung. "Unser Lob dafür, dass sie das so schnell auf die Beine gestellt haben", sagte etwa BGL-Fraktionschef Gerold Wenzens. Doch der Einsatz für die Einwanderer bindet auch Personal. Seuser selbst, Chefin über ein neunköpfiges Team (8,5 Stellen), ist es, die darauf hinweist: "Jede Coach ist besetzt. Das sind alles nette junge Leute, es gab noch nie Probleme. Aber: Wir haben auch noch andere Kunden."

Die müssen bei der Stange gehalten werden, sei es durch einen modernen Medienbestand (Anschaffungsetat inklusive allgemeiner Sachausgaben laut Haushaltsplan 2016: 76.500 Euro), sei es durch Veranstaltungen (360 im Jahr). Besonders die Nachwuchsgewinnung ist Seuser wichtig, weshalb die Leseförderung in den vergangenen Jahren bis hinunter ins Kindergartenalter ausgedehnt wurde. Dabei müssen traditionelle Instrumente zum Teil überdacht werden. "Beim Vorlese-Wettbewerb der Schulen waren kürzlich nur eine Hand voll Zuschauer anwesend - früher kamen ganze Klassen", bedauerte Jury-Mitglied und CDU-Ratsfrau Hiltrud Markett. Dazu Seuser: "Früher genossen die Sieger mehr Anerkennung. Vielleicht hat sich diese Form des Wettbewerbs mit der Zeit einfach überholt."

Quelle: RP
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