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Christian Ehring
"Privat bin ich leider gar nicht lustig"

Langenfeld. Der 43-jährige Kabarettist gastiert am Samstag, 2. April, in der Stadthalle. Debatten werden heute schärfer geführt, sagt er.

Herr Ehring, Sie haben ein Haus in Düsseldorf, sind Familienvater, tragen Anzüge. Sind Sie ein Spießer?

Ehring Das mit dem Haus erzähle ich nur auf der Bühne - ich wohne in einer Wohnung, Familie habe ich tatsächlich, Anzüge trage ich nur beruflich. Aber ja, ich würde mich als Spießer bezeichnen.

In Ihrem Soloprogramm "Keine weiteren Fragen" verteilen Sie Seitenhiebe an Spießbürger. Ist das als Spießer nicht riskant?

Ehring Naja, ich habe mir vorgenommen, auf der Bühne möglichst ehrlich zu sein. Dazu gehört es, sich selbst kritisch zu sehen. Das ist vielleicht eine Art von Nestbeschmutzung. Aber es ist ja auch viel interessanter, kritisch über die Grünen zu sprechen, als über die AfD. Da wird das Kabarettpublikum hellhörig.

Sie greifen auch die Flüchtlingsdebatte auf. Warum?

Ehring Es ist das am häufigsten, heftigsten, kontroversesten diskutierte Thema, privat und in der Politik.

Wen lernt Langenfeld kennen: Ehring oder eine Kunstfigur?

Ehring Sowohl als auch. Ich rede über mich, aber nicht alles stimmt eins zu eins. Ich halte mein Publikum für sehr intelligent, deshalb gibt es was zum Enträtseln. Ich äußere Gefühle und Gedanken, die alle mehr oder weniger aus mir selber kommen, und sage: Jetzt guckt mal, wo ihr euch da wiederfindet.

Mit welchen Kabarettisten sind Sie aufgewachsen?

Ehring Als Kind mit Otto und Loriot. Die haben mich geprägt. Später war es dann eher richtiges Kabarett. Richard Rogler mit "Freiheit aushalten" war in den 90ern eine Offenbarung. Gerhard Polt zählt zu meinen Hausgöttern.

Seither hat sich der Ton verändert - vom Klamauk zum Ernst, oder?

Ehring Das Gefühl habe ich auch. Vor 15 Jahren schwappte die Comedy-Welle durch die Privatsender. Jüngere gucken das teilweise statt der Nachrichten. Es gibt diese Wiederkehr des Politischen in der Satire.

Warum sind "Extra3", die "heute show" oder "Deutschland gucken" so gefragt?

Ehring Die Zeiten sind ernster geworden. Die Debatten werden schärfer und emotionaler geführt als früher. Außerdem ist da offenbar auch eine Sehnsucht nach Menschen auf der Bühne, die die Welt erklären.

Welchen Auftrag haben Sie heute als "politischer Kabarettist"?

Ehring Ein paar Zweifel säen und Ideologien zertrümmern. Und durch das Lachen über Politik einen Erkenntnisgewinn schaffen. Ich hätte aber Bedenken, wenn daraus Politikverdrossenheit folgen würde.

Darf Satire nach wie vor alles?

Ehring Den Rahmen definiert das Grundgesetz. Der ist in Deutschland zum Glück sehr weit gesteckt. Dafür bin ich sehr dankbar. Es gibt selbst in Europa Länder, in denen Satire weitaus weniger darf.

Wie schmerzfrei ist das rheinische Publikum?

Ehring Hier kann ich den Rheinländer nicht über den grünen Klee loben. Ich bin ja selbst einer, aber beim Humor ist das Rheinland ein Entwicklungsland. Es ist durch den Karneval sehr versaut, also eher bierselig und auf Konsens angelegt. Wenn es an Geschmacksgrenzen geht, machen rheinische Zuschauer vergleichsweise schnell dicht. Sorry! Jetzt bleiben die Restkarten wohl an der Abendkasse liegen.

Dafür, dass es um Kabarett ging, war das jetzt ein sehr ernstes Gespräch.

Ehring Manchmal bin ich privat eingeladen und sehe dann Enttäuschung in den Augen der Gastgeber, weil sie sich Entertainment erhofft haben. Es ist leider so, dass ich privat gar nicht lustig bin. Tut mir leid!

Muss es nicht, Sie sind wenigstens authentisch.

Ehring (lacht) Das nehme ich mal als Kompliment.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE JESSICA BALLEER

(ball)
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