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Rp-Serie Schätze Des Archivs (1)
Chroniken berichten von Viehseuchen

Rp-Serie Schätze Des Archivs (1): Chroniken berichten von Viehseuchen
Marita Tuttas kommt einmal in der Woche aus Solingen ins Kirchenarchiv St. Martin. Als besonderen Schatz betrachtet sie die Chronik Ludovicis. FOTO: RALPH MATZERATH
Langenfeld. Wer im St.-Martinus-Archiv stöbert, findet Berichte von Eisschollen auf dem Rhein sowie Geburts- und Sterberegister. Von Daniel Gehrmann

RICHRATH "Am 28. Februar setzte sich der mit Eisschollen ausgefüllte Rhein fest, und den 18. Merz brach die Eisdecke los. Die Schneefälle hielten bis Anfang April und der Frost sogar bis zum 10. an; deshalb konnte weder der Gärtner noch der Bauer tätig sein", heißt es in der Chronik des Ludovici für das Jahr 1785. Dieses Werk, das aus zwei Teilen besteht, bildet wohl den größten Schatz des Pfarrarchivs St. Martin in Richrath. Im Keller des Pfarrheims am Frankenplatz in Richrath lagern die Archive von acht Gemeinden. Das sind (in der Reihenfolge ihrer Gründung) St. Martin (Richrath), St. Barbara (Reusrath), St. Josef (Im-migrath), St. Maria Rosenkranzkönigin (Wiescheid), St. Paulus (Berghausen), Christus König (Mehlbruch), St. Maria Himmelfahrt (Hardt) und St. Gerhard (Gieslenberg). Betreut werden die Bestände von Marita Tuttas, die jeden Dienstag aus Solingen dorthin kommt.

Allein das Archiv St. Martins füllt einen eigenen Raum. Die feuerfesten Schränke, in denen säurefreie Archivkartons lagern, stehen auf einem gemauerten Sockel, damit sie bei einem Rohrbruch nicht im Wasser stehen. Dort werden Tauf-, Heirats- und Sterbebücherbücher sowie weitere Kirchenbücher verwahrt, ebenso Urkunden, Fotografien und Ölgemälde. Das "Liber annalium", der zweite Teil der Chronik Ludovicis, trägt auf dem Deckel ein Etikett mit der Aufschrift "Pfarrarchiv St. Martin/Langenfeld-Richrath/Akten-Nr.6". Ludovici berichtet darin von Viehseuchen und eisigen Wintern, von Plünderungen durch französische Truppen und anderen Ereignissen, die die Gemeinde unmittelbar betrafen, aber auch von Nachrichten aus aller Welt, etwa der Französischen Revolution oder einem Beben im chinesischen Meer. Das verdeutlicht den Anspruch des Chronisten: Er stellt Langenfeld, seinen Wirkungsort, in einen größeren Zusammenhang: Gottes Schöpfung - ein wahrhaft globaler Ansatz. Diese Chronik der Jahre 1770 bis 1800 mag das historisch bedeutendste Dokument der Sammlung sein; das älteste aber ist ein Taufbuch von 1659. "Alle früheren Dokumente sind verlorengegangen, vermutlich im Dreißigjährigen Krieg", sagt Marita Tuttas. In diesem Taufbuch sind auch einige Hochzeiten vermerkt, die an sich in ein eigenes Buch eingetragen wurden.

Vielleicht, so meint Tuttas, konnte sich die Gemeinde in dieser Zeit nur ein Buch für beides leisten. Das älteste Kirchenbuch Reusraths befindet sich heute im Bistumsarchiv in Köln; es handelt sich um ein Taufbuch von 1672. Im Archiv von St. Barbara findet sich immerhin ein Rentbuch von 1784, in dem Zahlungen, Einnahmen und Ausgaben mit Bezug zu den Besitztümern der Gemeinde verzeichnet sind. Insgesamt reichen die Bezirke der acht Pfarrgemeinden ein wenig über das heutige Stadtgebiet Langenfelds hinaus: St. Maria Rosenkranzkönigin umfasst auch Teile von Solingen-Landwehr. Unter den Urkunden zeigt Tuttas eine, in der Rom die Echtheit einer Reliquie bestätigt. Ob die Urkunde selbst echt ist, kann sie nicht sagen: Im Mittelalter wurde schwunghaft mit Reliquien gehandelt, deren "Echtheit" gern in einer gefälschten Urkunde beglaubigt wurde. Bei der Chronik des Ludovici dagegen ist dies als gesichert zu betrachten.

Quelle: RP
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