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Holger Höhmann Und Mchael Hungenberg
"Das Klinikgelände ist ein großes Biotop"

Holger Höhmann Und Mchael Hungenberg: "Das Klinikgelände ist ein großes Biotop"
LVR-Ergotherapeut Kai Sevens (r.) übergab dem Nabu jetzt Nistkästen aus Patientenfertigung. Michael Hungenberg (l.) und seine Nabu-Kollegen Helga und Wolfgang Sternberg werden die Vogel- und Fledermaushäuschen aufhängen. FOTO: rm-; LVR
Langenfeld. LVR-Klinikchef Holger Höhmann und Michael Hungenberg vom Naturschutzbund (Nabu) über die Kooperation beider Seiten in Langenfeld.

Ein Herz für Tiere und die Natur - damit schmücken sich Einrichtungen und Unternehmen gerne. Ist es bei der LVR-Klinik mehr als das?

Höhmann Das Parkgelände der Klinik mit seiner Artenvielfalt, Pflanzen und Bäumen stellt ein gesundheitsförderndes Umfeld für unsere Patienten dar. Die natürliche Umgebung wird auch an verschiedenen Stellen in die therapeutische Arbeit mit einbezogen. Aus diesem Grund und auch durch die uns am Herzen liegende gesellschaftliche Verpflichtung zu Natur- und Umweltschutz haben wir bereits vieles in diesem Bereich umgesetzt. So produzieren wir Strom über eine Photovoltaikanlage, setzen Erdgas- und Elektroautos als Dienstwagen ein, bauen unsere Neubauten im LVR-weiten Passivhausstandard und bieten Plätze für das Freiwillige Ökologische Jahr an. Die Arbeitstherapie Biologischer Gartenbau produziert neben dem Anbau von Obst und Gemüse Kräuter und Tees und ist nach Bioland zertifiziert. Die Produkte verkaufen wir in dem Hofladen auf dem Gutshof.

Herr Hungenberg, in der Ergotherapie der Klinik haben Patienten neben Futterhäuschen auch Nistkästen für Vögel und Fledermäuse gefertigt. Die hängt jetzt Ihr Nabu-Team in Zusammenarbeit mit der Klinik auf. Wozu braucht der Park einer psychiatrischen Klinik Fledermäuse?

Hungenberg Fledermäuse übernehmen bei uns in der Nacht die Aufgabe der tagaktiven Vögel, wenn sie in rasantem Jagdflug allerlei Insekten wie Mücken, Schnaken, Nachtfalter, Käfer und Fliegen sowie Spinnen erbeuten - die sogenannte ökologische Nische. Jede der 25 in Deutland lebenden Fledermausarten bevorzugt bestimmte Beutetierarten und besitzt eine arttypische Jagdweise. Aufgrund ihres großen Nahrungsbedarfs und ihrer Anpassung an die nächtliche Jagd kommt den Fledermäusen eine große ökologische Bedeutung als Schädlingsvertilger zu.

Dabei scheint die Nahrungsgrundlage für Fledermäuse und Vögel zu schwinden. Kürzlich machte eine Krefelder Studie Schlagzeilen, die ein dramatisches "Insektensterben" konstatierte. Können Sie die Ergebnisse für unseren Raum bestätigen?

Hungenberg Ja, vermutlich lässt sich die Studie auf ganz Deutschland übertragen. Dafür gibt es vielfältige Gründe, unter anderem, dass zum Beispiel immer mehr Vorgärten zugepflastert werden, sogenannte Designergärten aus Gabionen und Schotter bestehen. Dabei kann jeder einzelne Garten- und Balkonbesitzer dazu beitragen, den Insekten durch Blühpflanzen Nahrung zu bieten.

Herr Höhmann, im Klinik-Alltag sind Insekten doch mitunter lästig, oder?

Höhmann Uns ist bewusst, dass Insekten für den Kreislauf der Natur unverzichtbar sind. Sei es in der Schädlingsbekämpfung - wir setzen zum Beispiel im Bereich des biologischen Gartenbaus gezielt Schlupfwespen ein - oder für die Nahrungskette. Zudem bestäuben die auf dem Gelände angesiedelten Bienenvölker unsere Pflanzen. Daher fördern wir ihren Erhalt und ihre Vermehrung, zum Beispiel durch das Aufstellen von Insektenhotels, die ebenfalls von Patienten der Arbeitstherapien Holz und Biologischer Gartenbau gefertigt werden.

Wie gestaltet sich Ihre Kooperation mit dem Nabu im einzelnen?

Höhmann Die Kooperation ist umfassend, steht aber noch am Anfang. Die Stadtbeauftragten des Nabu haben sich zunächst einen Überblick über unser Gelände und die Möglichkeiten verschafft. Nach der Installation weiterer Nistkästen und Futterhäuschen im Herbst und Winter sollen im Frühjahr weitere Blühwiesen angelegt werden. Sicherlich werden auch weitere Insektenhotels aufgestellt. Zudem beraten die Stadtbeauftragten des Nabu uns zum Beispiel in Fragen zu Mischkulturen und Düngung im Bereich des biologischen Gartenbaus. Wir können uns eine ganze Reihe von weiteren gemeinsamen Projekten vorstellen, die Kooperation soll langfristig sein.

Welche Rolle spielt "Natur" bei der Behandlung psychischer Erkrankungen?

Höhmann Die Klinik gibt es seit 1901. Die Idee, sie hier zu errichten, war ursprünglich verbunden mit dem Gedanken, dass Patienten zum Beispiel auch gärtnerisch arbeiten, sich an der frischen Luft aufhalten und eine Selbstversorgung möglich ist. Der Tätigkeit in einer gesundheitsfördernden Umgebung wurde große Bedeutung beigemessen. Dies hat sich nicht verändert. In der Psychotherapie gibt es einige theoretische Konzepte zur Einbeziehung der Natur in die Therapie, so zum Beispiel in der Logotherapie oder auch der Gestalttherapie. Damit verbunden sind oft Fragen nach einer sinnhaften Lebensgestaltung. Aktuell wird das Thema Achtsamkeit in der Therapie viel diskutiert und in therapeutische Prozesse integriert. Der bewusste Umgang mit sich und seiner Umgebung ist hier ein zentrales Anliegen zur Bewältigung seelischer Krisen.

Kann der aktive Naturschutz bleibenden Wert für Patienten über den Klinikaufenthalt hinaus haben?

Höhmann Ja, denn durch die Projekte mit dem Nabu ist es vorstellbar, dass unsere Patienten gemeinsam mit anderen im Naturschutz engagierten Menschen arbeiten, sich mit diesen Themen auseinandersetzen und inklusiv dabei sind. Möglicherweise ergeben sich daraus auch Chancen, sich nach einem Klinikaufenthalt weiter im Bereich Natur- und Umweltschutz zu engagieren. Bei chronisch psychisch erkrankten Menschen ist oft die Gestaltung des Alltags eingeschränkt beziehungsweise die Fähigkeit, Ideen dazu zu entwickeln und umzusetzen. Ein ehrenamtliches Engagement, das über den Klinikaufenthalt hinausgeht, wäre auch für die weitere Entwicklung förderlich.

Nun ist auch das LVR-Klinikgelände kein Paradies; Herr Hungenberg. So werden hier zum Teil uralte Bäume gefällt. Ist das dem Nabu nicht ein Dorn im Auge?

Hungenberg Unter diesen Umständen: Nein! Auch Bäume haben eine endliche Lebensdauer und deren Absterben gehört zum Kreislauf der Natur. Und wenn sie dann noch alt und krank sind, stellen sie durchaus eine Gefahr dar. Wünschenswert wäre es, wenn ein Teil der gefällten Bäume als Totholz im Wald verbleibt, um viel Tieren weiterhin Nahrung und Unterschlupf zu bieten. Und es sollte im möglichen Maß wieder aufgeforstet werden.

Nehmen wir an, der Nabu hat einen Wunsch frei, was das Klinikgelände betrifft: Welcher wäre das?

Hungenberg Zum Beispiel das Bepflanzen von Baumscheiben zur Unterstützung der Obstbaumbestäuber.

Lässt sich der Wunsch erfüllen?

Höhmann Absolut. Auch wenn unsere Aufgabe in erster Linie die Versorgung und Behandlung psychisch erkrankter Menschen ist, ist dies für uns kein Widerspruch, da wir den Natur- und Umweltschutz in die Behandlung unserer Patienten mit einbeziehen können. Möglicherweise können wir durch die Projekte auch mehr interessierte Bürger als Besucher der Klinik begrüßen. Wir öffnen unser Gelände seit Jahren, etwa für das jährliche Sommerfest auf dem Gutshof, aber auch für Besuchergruppen. Dies können Gemeinden, Vereine, Schulklassen oder andere Institutionen sein. Oft besichtigten wir dabei den Gutshof und den biologischen Gartenbau oder das Blockheizkraftwerk, dessen überschüssigen Strom wir weiterleiten. So waren im Juli Schüler bei einer von der Stadt organisierten "Klima-Reise" hier und haben sich über Umweltschutz informiert.

THOMAS GUTMANN STELLTE DIE FRAGEN.

Quelle: RP
 
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