| 07.25 Uhr
Monheim
Doktorand (27) wird Bürgermeister
Monheim: Doktorand (27) wird Bürgermeister
Das Lächeln der Sieger: Monheims neuer Bürgermeister Daniel Zimmermann mit Freundin Jana Knigge FOTO: Ralph Matzerath
Düsseldorf. Er fährt Holland-Rad, spielt Gitarre und schmökert gerne in Maigret-Krimis: Monheims neuer Bürgermeister Daniel Zimmermann. Gefeiert von Anhängern aus allen Generationen gibt sich der neue Rathaus-Boss bescheiden: Vorerst will er in seinem 35-Quadratmeter-Appartement wohnen bleiben. Nur für den Urlaub gönnt er sich eine Flugreise. Von Jörg Janssen

Am Mittag hatte er seine Freundin Jana nach ihrem vierwöchigen Frankreich-Trip in die Arme geschlossen, abends standen der 21-Jährigen Tränen in den Augen. Vor Freude, aber auch vor Sorge, was die gemeinsame Zukunft bringt. Am Sonntagabend ist ihr Partner Daniel Zimmermann der Star im Monheimer Jugendkulturzentrum Sojus.

Getragen vom sensationellen Wahlerfolg seiner landesweit einmaligen Jugendpartei Peto (lateinisch: Ich fordere) wird der frisch examinierte Lehramtsabsolvent für Physik und Französisch der neue Monheimer Bürgermeister.

Mit nur 27 Jahren wies der Doktorand, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Kölner Lehrstuhl gut 700 Euro im Monat verdient, die Mitbewerber von CDU und SPD auf die Plätze. "Ich hab' ne Menge Respekt vor dem, was auf mich zukommt. Triumphgeschrei fällt mir schwer", sagt der schlanke, fast schlaksige Blondschopf mit den eisblauen Augen.

Szenenwechsel: Am Morgen nach der Mega-Party im Jugendkulturzentrum sitzt der künftige Rathauschef im Schneidersitz auf seinem Wohnzimmer-Sessel vom Typ Ikea. Im März ist der junge Mann, der am liebsten mit seinem Holland- Rad unterwegs ist, bei den Eltern ausgezogen. "Da ich in Köln studiere, konnte ich so Geld sparen", sagt er.

35 Quadratmeter groß ist sein frisch bezogenes Ein-Zimmer- Appartement mit Balkon. Eine klassische Studentenbude. Grün die Wände, rot die Vorhänge. Das breite Doppelbett nur symbolisch durch ein offenes Regal vom Esstisch getrennt. Auf dem Schreibtisch mit kleiner Arbeitsfläche steht – gleich neben dem Laptop – ein orangefarbenes Uralt-Telefon mit Wählscheibe. Ein Apparat aus einer Zeit, als Zimmermann noch gar nicht auf der Welt war.

Poster von Politikgrößen oder Musikgruppen sucht man in dem Zimmer vergeblich. "Fan-Kultur liegt mir nicht", sagt der Peto-Mann in der ihm eigenen Mischung aus konzentrierter Bescheidenheit und intellektueller Distanz. Politische Vorbilder hat er trotzdem. Joschka Fischer zählt dazu, "aber nur in seiner mittleren Phase". Und Willy Brandt. "Sein Brückenschlag hin zum Osten war beeindruckend." Ist Peto links? "Überhaupt nicht. Unsere Leute wählen bei Bundestags- oder Landtagswahlen quer Beet, von rot über grün bis hin zu schwarz und sogar gelb."

Wenn er überhaupt mal Zeit für seine Hobbys hat, holt sich der künftige Boss der rund 500 Köpfe zählenden Monheimer Verwaltung seine Gitarre. Wer ihn zu einem spontanen Griff in die Saiten ermuntert, dem spielt er gern Songs aus der Liedersammlung "sweet latina" vor. Dabei lösen sich seine Gesichtszüge und er schaut glatt nochmal drei, vier Jahre jünger aus. Die Skepsis, mit dem ihm einige wegen seiner 27 Lenze begegnen, kennt er. Doch die außerhalb von Monheim manchmal zu hörende These von der Spaß-Partei oder gar vom Schlämmer-Effekt (Parodie statt Politik) hält er schlicht für Quatsch. Zu Recht. Denn die Peto- Leute gelten im Rat als kreative Aktenfresser. Immer gut eingelesen.

Nicht selten ausgestattet mit eigenen, in tagelangen Sitzungen erarbeiteten Alternativen. Eine Arbeitsweise, die so manchen Rats-Hinterbänkler alt aussehen lässt. Und ein Modell, das die Bürger offensichtlich überzeugt. Auch eines für ganz NRW? Genau das lehnt das Peto- Triumvirat, zu dem Fraktionschefin Lisa Riedel und ihr Vize Florian Große-Allermann zählen, kategorisch ab. "Wir bleiben in Monheim." So wie es Zimmermann sein ganzes bisheriges Leben getan hat. Gerade einmal 16 Jahre alt war er, als er mit einer Hand voll Gleichgesinnter am städtischen Otto-Hahn-Gymnasium beschloss, Politiker zu werden. "Das fanden wir spannender, als eine Band oder Theatergruppe zu gründen." Seitdem eilt die längst erwachsen gewordene "Schüler"- Partei von Erfolg zu Erfolg. Erst zwei, dann sieben, jetzt zwölf Sitze im Stadtrat – genauso viele wie die CDU: die Bilanz eines modernen Politik-Märchens, dessen Krönung das Bürgermeisteramt für Zimmermann ist.

Seine Doktorarbeit muss der 27-Jährige nun an den Nagel hängen. Genauso wie das zeitaufwändige Obstwein-Ansetzen, das er so gerne hat. Weiter pflegen kann er vielleicht seine Vorliebe für Georges Simenons Maigret-Romane, die der Romanist gerne im Original liest. Dafür könnte er sich bald eine größere Wohnung leisten.

Als Monheimer Bürgermeister verdient der Mann, den sein scheidender Vorgänger Thomas Dünchheim (CDU) lange Zeit "das größte politische Talent der Stadt" nannte, künftig mehr als 90 000 Euro im Jahr. Eine Zahl, die Zimmermann für einen kurzen Moment verdutzt dreinschauen lässt. "Vor einem Monat haben Jana und ich gesagt: Wenn's bei der Wahl nicht klappt, gehen wir campen. Sollte es funktionieren, können wir fliegen." Seit Sonntagabend steht fest: Der Bürgermeister und seine First Lady können fast alles – sogar fliegen.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung.
Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.


Melden Sie diesen Kommentar