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Stauforscher Prof. Michael Schreckenberg
"Eine Sekunde abgelenkt - 50 Meter Blindflug"

Stauforscher Prof. Michael Schreckenberg: "Eine Sekunde abgelenkt - 50 Meter Blindflug"
Stauforscher Michael Schreckenberg. FOTO: Fank Preuss
Langenfeld. Fahrzeuge, die einander per WLAN vor einem Stau warnen oder eigenständig fahren - all das soll Unfälle wie jetzt an der A 1 verhindern helfen. Von Peter Korn

Leverkusen/Duisburg Michael Schreckenberg ist Dekan der Universität Duisburg-Essen. Dort bekam er 1997 die erste deutsche Professur für Physik von Transport und Verkehr. Der Stauforscher sagt im Interview mit unserer Zeitung, wie sich Unfälle wie die tödlichen Lkw-Crashs auf der A1 bei Leverkusen künftig verhindern lassen.

Herr Prof. Schreckenberg , auf der A1 vor dem Kreuz Leverkusen ist vor wenigen Tagen erneut ein Lastwagenfahrer ums Leben gekommen, als er vermutlich ein Stauende übersah. Das Führerhaus des 40-Tonners war komplett verformt, obwohl der Fahrer sich an das Tempolimit gehalten haben soll und wohl auch noch versuchte, einer Kollision auszuweichen. Wie erklärt sich ein solch verheerender Verlauf?

Schreckenberg Ohne die konkreten Umstände dieses Unfalls zu kennen, lässt sich generell sagen: Wenn so ein 40-Tonner auf ein Stauende auffährt, werden enorme Kräfte freigesetzt. Physikalisch betrachtet verwandelt sich die Bewegungsenergie des Autos bei einem Unfall in Verformungsenergie. Und die steigt quadratisch mit der Geschwindigkeit an. Das bedeutet: Wer mit doppeltem Tempo aufprallt, löst vierfache Zerstörungsenergie aus. Da müssen Sie kein Tempolimit brechen, um einen verheerenden Unfall auszulösen. Einige wenige Sekunden Ablenkung reichen aus.

Lässt sich das ebenfalls berechnen?

Schreckenberg Problemlos. Wenn ein Lkw-Fahrer bei Tempo 80 eine Sekunde abgelenkt ist, hat das Fahrzeug bereits etwa 25 Meter Weg zurückgelegt. Eine weitere Sekunde vergeht, bis er bremst - schon ist er 50 Meter quasi im Blindflug unterwegs. An einem Stauende kann das im wörtlichen Sinne tödlich sein.

Gibt es technische Lösungen, die einen solch schweren Unfall wie jetzt in Leverkusen hätten verhindern können?

Schreckenberg Notbremssysteme, die Hindernisse automatisch erkennen und eigenständig das Bremssystem des Fahrzeuges aktivieren, wenn eine Reaktion des Fahrers ausbleibt, gibt es schon auf dem Markt. Die Kosten von mehreren 1000 Euro scheuen viele Spediteure jedoch. Aber auch das Internet könnte in Zukunft viel zu einer deutlichen Verbesserung der Unfall-Situation beitragen.

Inwiefern? Als zusätzliche Informationsquelle?

Schreckenberg Gewissermaßen. Sie können sich das ungefähr so vorstellen: Die Fahrzeuge am Ende eines Staus kommunizieren per WLAN mit den Fahrzeugen, die in der Gegenrichtung vorbeifahren und teilen ihnen die Staudaten mit. Diese wiederum melden kurz darauf an Fahrzeuge aus der anderen Richtung, dass sie sich direkt vor einem Stau befinden.

Das klingt ja nach einem perfekten Frühwarnsystem . . .

Schreckenberg Das System dürfte zuverlässig arbeiten - es ist aber politisch umstritten, denn wie mit allen neuen Techniken sind damit auch Datenschutz-Probleme verbunden. Es wird eine rein politische Entscheidung sein, ob und wann solch ein System kommt.

Also dann doch vielleicht eher der automatische Pkw oder Lkw, der Fahrer nur noch zur Kontrolle der Systeme benötigt?

Schreckenberg Ich gehe davon aus, dass dieses so genannte autonome Fahren innerhalb der nächsten zehn Jahre auf der Straße praktiziert wird, auch wenn es noch rechtliche Hürden gibt. Die Bundesregierung fördert es zurzeit als eine von zwei Förderlinien. Elektroautos beispielsweise zählen nicht mehr dazu. Die müssen sich entweder am Markt beweisen, oder werden wieder verschwinden. Das Projekt ,Fahren in sich selbst steuernden Autos' dagegen erhält starke Unterstützung durch den Bund.

Kann die Technik das vorausschauende Fahren denn tatsächlich ersetzen?

Schreckenberg Sie kann zumindest dazu beitragen, die Gefahr solch verheerender Unfälle wie jetzt wieder in Leverkusen deutlich zu verringern. Welche Rolle der Fahrer in einem hoch technisierten Auto spielen wird, dazu verfasse ich gerade einen Artikel in einem Fachjournal für Fahrlehrer. Soviel steht fest: Die Rolle des Fahrers wird sich durch die Technik klar verändern.

Quelle: RP
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