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Tina Maurer
"Eltern müssen die Pubertät aushalten"

Tina Maurer: "Eltern müssen die Pubertät aushalten"
Diplom-Psychologin Tina Maurer bietet nach den Sommerferien einen Kursus für Eltern pubertierender Kinder an. Ein Austausch unter Eltern helfe immer, sich neu zu positionieren, sagt sie. FOTO: Matzerath
Langenfeld. Die Psychologin in der Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche sagt: Familienrituale helfen, im Gespräch zu bleiben.

Ist die Pubertät ein Thema, mit dem Eltern hier erstmals anklopfen?

maurer Die Eltern kommen über die gesamte Kinder- und Jugendspanne mit Anliegen zu uns. Wir haben viel mit Trennungen zu tun, das kann dann brenzlig werden, wenn die Kinder gerade in der Pubertät sind. Insgesamt kann man sagen, dass die Eltern in dieser Phase in Druck geraten. Sie spüren, dass ihre herkömmlichen Methoden nicht mehr wirken, halten Ausschau nach nun gangbaren Alternativen. Durch den Austausch mit anderen Eltern können sie sich neu positionieren - das ist sehr wichtig. Oft tun sich Eltern schwerer, die in ihrer eigenen Pubertät wenig rebellisch und aufmüpfig waren, dafür ihre Kinder aber so richtig auf die Pauke hauen.

Wo grenzt sich das Kind eher ab: von den autoritären oder den kumpelhaften Eltern?

Maurer Das sind zwei ganz entgegengesetzte Pole. Ein gesunder Jugendlicher sollte sich von beiden Erziehungsstilen, also der totalen Kontrolle und dem unbegrenzten Laissez-faire, abgrenzen. Er soll ja seine eigene Identität finden. Und er müsste schon sehr kreativ sein, sich von Eltern abzugrenzen, die mit ihm nach dem Essen einen Joint rauchen wollen. Da müsste er ja dann noch einen draufsetzen.

Warum trifft die Mütter ein pubertierendes Kind besonders hart?

Maurer Das ist, wie wenn man in der Dusche von der Wohlfühltemperatur auf eiskalt schaltet. Vorher war die Mutter als wichtigste Bezugsperson für alles zuständig, jetzt wird sie plötzlich außen vor gelassen. Das bedeutet für viele Mütter eine größere Anstrengung, sich auf die neue Lebensphase einzulassen, weil in vielen Familien ja auch heute noch eine ganz klassische Rollenverteilung vorherrscht.

Ist es für Mütter noch problematischer, wenn die Teeniezeit mit ihren Wechseljahren zusammentrifft?

Maurer Dann hat man als Mutter wenigstens eine gute Entschuldigung. Dann wissen beide, dass sie unberechenbar sind.

Gibt es ein Patentrezept für den Umgang mit der Pubertät?

Maurer Ein allgemeines Rezept gibt es nicht, dafür ist die Pubertät zu individuell, es hat ja auch viel mit der Persönlichkeit und der Lebenssituation von Jugendlichen und deren Eltern tun. Meine Grundannahme ist, dass Erziehen viel mit Beziehung zu tun hat. Die Mütter haben jede Menge Nöte, in Kontakt zu ihrem Kind zu bleiben. Gerade wenn sie berufstätig sind, bleibt nur wenig Zeit dafür. Dann muss man das bisschen Zeit so gestalten, dass der Jugendliche merkt: Mama und Papa haben immer noch Interesse an mir. Wenn er das Gefühl hat, ich bin ihnen nicht egal, ist viel gewonnen.

Man sollte also die Familienrituale pflegen?

maurer Die meisten Eltern wünschen sich gemeinsame Mahlzeiten. Ich bespreche mit ihnen, wie sie dafür sorgen können, dass wenigstens einige gemeinsame Mahlzeiten pro Woche eingehalten werden. So kann man ganz allgemein ins Gespräch kommen. Das ist besser als: "Wir müssen mal miteinander reden." Rituale sind etwas, was man pflegen sollte, bevor die Pubertät beginnt. Dann werden zwar auch Traditionen in Frage gestellt, aber es ist einfacher, sie beizubehalten, wenn sie ins ,Gewohnheitsrecht' übergegangen sind. Rituale bedeuten Sicherheit und Jugendliche brauchen Freiraum, aber auch Halt.

Apropos Freiraum. Man soll also einem unzurechnungsfähigen Teenager mehr Verantwortung geben ?

Maurer Was das Ausgehen betrifft, sollten Eltern die fünf W-Fragen kennen: Was, wann, wo, mit wem, wie lange? Wenn man ansonsten gut in Kontakt ist, kriegt man mit, ob das Kind angeschlagen heimkommt, oder eine Fahne hinter sich herzieht. Vertrauen ist eine wichtige Voraussetzung, um Freiräume zu gewähren. Wichtig ist auch, sich rechtzeitig eine Haltung zu Themen wie Alkohol, Drogen und Pornos zurechtzulegen und diese zu vertreten, um nicht in einer neuen Situation einzuknicken. Daran kann sich der Jugendliche dann besser orientieren.

Heute haben viele Eltern Angst davor, dass ihre Kinder unter dem Gruppendruck in kriminelle oder soziale Abgründe abgleiten könnten?

maurer Wenn ich in Kontakt bleibe, kenne ich das Umfeld. Die Jugendlichen wollen über die Clique ja ihre Identität finden, das muss man aushalten. Als Eltern sollte man eine Plattform bieten, von der aus die Kinder ihren eigenen Weg gehen. Sie sollen die Sicherheit haben, dass sie dahin auch zurückkehren können, wenn sie mal den falschen Weg eingeschlagen haben.

DOROTHEE SCHMIDT-ELMENDORFF STELLTE DIE FRAGEN.

Quelle: RP
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