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Langenfeld
Er setzt Verblühtes ins rechte Licht

Langenfeld: Er setzt Verblühtes ins rechte Licht
Jürgen Keil zeigt in der Stadtbücherei seine künstlerischen Aufnahmen von Fruchtständen wie etwa diesen Eicheln. FOTO: RALPH MATZERATH
Langenfeld. Jürgen Keil fotografiert Pflanzen nach dem Verblühen. Fruchtstand nennen Biologen das. Eine Werkauswahl ist jetzt in der Langenfelder Stadtbibliothek zu sehen. Von Thomas Gutmann

Jesus Christus hätte seine Freude dran. Oder für Christen: Er hat ganz sicher seine Freude dran an den Samenkörnen, ihren Kapseln und Kelchen, die derzeit überlebensgroß in der Stadtbibliothek zu sehen sind. "Sehen Sie hier, die feinen Härchen", sagt Jürgen Keil vor dem Foto mit der Seidenpflanze, ihren apfelkernartigen Samen und deren filigranen Segeln: "Der Wind treibt sie dorthin, wo sie vielleicht neue Frucht bringen können. Das ist der Zyklus von Werden, Vergehen und Neuwerden." Genau diese Schwelle zwischen Vergehen und Werden - die verblühte Pflanze, in der bereits neues Leben steckt - hat Keil festgehalten. Noch bis zum 2. Juli sind 31 seiner ästhetisch reizvollen Nahaufnahmen unter dem Titel "Schönheit der Schöpfung" in der Bücherei ausgestellt.

Ob die auf den ersten Blick auch von Laien identifizierbare Eichel mit ihrem Franzosenkäppchen, die filigran geäderten "Propeller" des Ahorns oder der verblühte dornige Nachtschatten, dessen Frucht wie eine Mischung aus Hagebutte und Tomate anmutet - all diese "Fruchtstände", so der korrekte biologische Sammelbegriff, überraschen durch Formenreichtum und Schönheit. "Die blühende Rose zieht die Blicke auf sich. Doch was verblüht ist, das ist fast immer unscheinbar. Dabei lohnt sich gerade hier ein näherer Blick", sagt Keil.

Der 77 Jahre alte Hitdorfer schärft diesen Blick mit Hilfe der Makrofotografie. Das sind formatfüllende Nahaufnahmen ungefähr im Maßstab 1:1, oft auch vergrößernd. "Das Problem bei der Makrofotografie ist die geringe Tiefenschärfe. Anders als das gesunde menschliche Auge, das den Punkt, den es gerade betrachtet, sofort scharfstellt, bildet ein Foto das Motiv in seiner ganzen Breite ab. Flächendecke Schärfe müssen Sie da erst mal hinkriegen", erklärt Keil. Ihm selbst helfen dabei spezielle Objekte für seine Nikon D90 - sowie sein Gespür für Belichtungszeit und Blende. "Diese Art der Fotografie funktioniert richtig gut nur manuell", sagt er.

Auf die Idee, verblühte Pflanzen festzuhalten, ist der Chemiker über das botanische Interesse seiner Frau Gertraud gekommen. "Sie hat im Urlaub Pflanzen bestimmt, und ich habe irgendwann angefangen, diese zu fotografieren." Dabei hält Keil nicht einfach drauf, sondern nimmt sich einzelne Fruchtstände mit nach Hause, um sie in seinem eigenen, kleinen Studio abzulichten. Meist vor schwarzem Hintergrund, zum Teil aber auch auf spiegelnden Flächen. "So kommt jedes Detail richtig zur Geltung", sagt das Mitglied des Vereins zur Förderung künstlerischer Bildmedien Bayer (VFkB). Die Fruchtstände, die Keil oft in Botanischen Gärten findet, gleichen auf seinen etwa DIN A3-großen Abzügen Kunstwerken von Menschenhand. So erinnern die gedrehten Früchte der Akazien an getrocknete Apfelringe, die sich an einem Ende zu einem Vogel mit Schnabel ausformen. Der Japanische Losbaum wiederum besticht durch seine Farbkraft: Die tiefblaue Samenkapsel - oder ist es der Samen selbst? - ruht in einem sternförmigen Kelch mit strahlend roten Blättern. Für Jürgen Keil ist dieses sonst so unscheinbare Stück Natur wortwörtlich mehr als schön: "Es lehrt uns Ehrfurcht vor der Schöpfung und verdeutlicht die Vergänglichkeit von Leben, auch unseres Lebens."

Quelle: RP
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