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Langenfeld
Fotografin spielt mit Vorurteilen

Langenfeld: Fotografin spielt mit Vorurteilen
In einer interaktiven Ausstellung mit dem Titel "Schubladen" zeigt die Mönchengladbacher Künstlerin Meike Hahnraths ihre Bilder in der Langenfelder LVR-Klinik. FOTO: ralph matzerath
Langenfeld. Die Ausstellung "Schubladen" in der LVR-Klinik zeigt, wie oft wir einen falschen ersten Eindruck haben. Von Cristina Segovia-Buendia

"Wer bin ich?", scheint ein kerniger Mann auf dem großen Porträt seinen Betrachter zu fragen. Er ist vielleicht Mitte oder Ende 30. Seine grün-braunen Augen leuchten, eine wild-zerzauste Mähne ist vor dem schwarzen Hintergrund leicht zu erkennen. Wellige Strähnen fallen locker über seine Stirn. Ein halb angedeutetes Lächeln lugt vor dem ebenso wilden Dreitagebart hervor. Kokett, mysteriös, spielerisch-herausfordernd wirkt das.

In der LVR-Klinik an der Kölner Straße läuft jetzt eine interaktive Ausstellung der Fotokünstlerin Meike Hahnraths. Unter dem Titel "Schubladen" werden 50 Porträt-Aufnahmen gezeigt, die den Betrachter zum Nachdenken anregen sollen - über sich selbst und immer viel zu voreilige Vorurteile. Das Bild des Mannes mit der zerzausten Mähne ist eines der Werke.

"Na, weißt du, was ich mache?" Unter dem Bild hängen vier Wahlmöglichkeiten, die dem Betrachter die Antwort ein bisschen vereinfachen sollen: Ist er Liegestuhl-Verleiher an der Nordsee? Freischaffender Künstler? Model? Oder arbeitet er in einer Behindertenwerkstatt? Der Betrachter neigt dazu - aufgrund des ersten Eindrucks als wilder Surfer - das Erste anzukreuzen. Fakt ist aber: Der Betrachter kann nur raten. Eine Antwort, ob er mit seiner Einschätzung richtig liegt oder nicht, erhält der Besucher der Ausstellung letztendlich auch nicht. Das ist Teil des Konzepts.

Ebenso ergeht es Betrachtern daher bei den anderen 49 Großbildaufnahmen von jungen und älteren Frauen und Männern, die zur Ausstellung "Schubladen" gehören und allesamt von der Künstlerin Meike Hahnraths aus Mönchengladbach in Szene gesetzt worden sind. Der Betrachter soll mit seinen eigenen Vorurteilen konfrontiert werden und erkennen, dass der erste Eindruck oftmals nicht der richtige ist, weil Menschen mehr als nur eine Facette haben. "Auf den Fotos wollte ich die innere Unversehrtheit und Stärke dieser Menschen zeigen", erklärt Hahnraths. Gut die Hälfte der auf den Porträts gezeigten Menschen haben eine Behinderung, sind oder waren schon mal Gast in einem Frauenhaus. "Diese 25 aus den insgesamt 50 Aufnahmen herauszufinden, hat bislang noch niemand geschafft", berichtet die Künstlerin. Für die Ausstellung hat sie Laufzettel erstellt, auf denen die Besucher ihre Antwort zu jedem Bild ankreuzen können. Die Einschätzungen werden dann ausgewertet, die richtige Antwort zu jedem Bild bleibt aber geheim.

Der Künstlerin geht es nicht um Rätselspaß oder Wettbewerb, sondern darum "zu erkennen, dass wir mit unserem Schubladendenken eben nicht so oft richtigliegen, wie wir glauben".

Die Resonanz über das Projekt, das Hahnraths vor zwei Jahren auf Anfrage der LVR-Direktorin Ulrike Lubek startete, und das sie bereits im Landeshaus des Landschaftsverbandes Rheinland ausstellte, habe sie regelrecht überrollt, sagt die Fotografin. Den Portraitierten selbst, vor allem diejenigen mit Behinderung oder die Frauen aus dem Frauenhaus, hätten ihre Bilder eine große Freude bereitet und ein neues Selbstwertgefühl verliehen, sagt Hahnraths. Das sei auch ihre größte Motivation gewesen.

In der LVR-Klinik in Langenfeld, Kölner Straße 82, ist die Ausstellung "Schubladen" noch bis Ende August zu sehen. Geöffnet ist jeweils montags bis donnerstags von 8 bis 16 Uhr und freitags von 8 bis 13 Uhr. Von Langenfeld aus zieht die Exposition dann weiter. Nach Essen, Friesland, Euskirchen, Potsdam und Mönchengladbach. Denn Vorurteile und Schubladen im Kopf gibt es überall viel zu viele. www.schubladen.online

Quelle: RP
 
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