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Interview mit Günter Herweg und Gerhard Witte
Grüner und Firmenchef streiten über Energie

Interview mit Günter Herweg und Gerhard Witte: Grüner und Firmenchef streiten über Energie
Günter Herweg von den Grünen (r.) und der Langenfelder Unternehmer Gerhard Witte diskutieren im Redaktionsgespräch mit Thomas Gutmann die Energiewende. FOTO: Matzerath, Ralph (rm-)
Langenfeld. Im RP-Redaktionsgespräch diskutieren Industrievereinschef Witte und der Grünen-Vorsitzende Herweg über die gestiegenen Strompreise. Von Thomas Gutmann

Nach dem Aus für den Standort an der A 59 sind Windräder in Langenfeld erst mal vom Tisch. Wie finden Sie das?

Witte Ich halte erneuerbare Energien für gut, gar keine Frage. Wenn ich das richtig im Kopf habe, stammt bereits 25 Prozent der Stromerzeugung in Deutschland aus erneuerbaren Energien, und davon entfallen etwa acht Prozent auf die Windenergie. Ich bezweifle aber, dass Langenfeld der richtige Standort ist für Windenergie. Diese Anlagen gehören vielmehr dorthin, wo es beinahe ständig und stark genug windet, also zum Beispiel an die Küste.

Herweg Dass Windräder in Langenfeld vom Tisch wären, das sehe ich nicht ganz so. Denn wir haben ja nach wie vor die Windkraft-Konzentrationszone in Reusrath, und es gibt dort auch den Antrag eines Investors auf die Erstellung von zwei Anlagen. Nachdem der zuständige Kreis Mettmann den Antrag abgelehnt hat, liegt der Fall jetzt vor Gericht. Das muss entscheiden, ob die von der Stadt festgelegte Höhenbegrenzung auf 100 Meter mit dem geltenden Recht vereinbar ist oder nicht. Die CDU-Ratsmehrheit und der Bürgermeister werden meiner Überzeugung nach nicht umhinkommen, anzuerkennen, dass es sich in Reusrath um eine Windkraft-Konzentrationszone handelt und nicht um eine Verhinderungszone - und dann wird es bei der Höhenbegrenzung auch Anpassungen geben müssen. Ob geeignet oder nicht, dies zu prüfen sollte man dem Investor überlassen.

Das ist doch sehr unternehmerisch argumentiert, Herr Witte, oder?

Witte Aus Sicht des Investors schon. Doch warum hält dieser einen für ihn rentablen Betrieb an diesem Standort überhaupt für möglich? Doch wohl deshalb, weil er mit der Einspeisevergütung rechnet, die die Stromkunden teuer bezahlen müssen. Damit sind wir in meinen Augen am Kernproblem der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien angelangt: den horrenden Subventionen. Die EEG-Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz hat den Strom für Unternehmen und Haushalte teurer gemacht, und zwar spürbar teurer.

Jürgen Trittin, damals Bundesvorsitzender der Grünen, sprach vor zehn Jahren davon, die Förderung von Windkraft und Co. werde jeden Haushalt nicht mehr als eine Kugel Eis kosten. Inzwischen sind es für eine vierköpfige Familie rund 300 Euro im Jahr. Ganz schön dick, diese Kugel Eis, Herr Herweg, oder?

Herweg Ja, und diese Entwicklung kann ich nicht gutheißen. Doch man darf nicht vergessen, dass die Umlage ein Mittel zur Markteinführung neuer Technologien ist. Sie ist degressiv gestaltet, das heißt, die Einspeisevergütung nimmt mit den Jahren ab. So gab es im Einführungsjahr 2000 für die Photovoltaik noch 50 Cent pro eingespeister Kilowattstunde Strom, jetzt sind es weniger als 13 Cent.

Die Stromrechnung für Haushalte und Unternehmen aber steigt . . .

Herweg Nun, man darf nicht vergessen, dass diese neuen Techniken erwünscht sind, weil es sich um saubere Arten der Stromerzeugung handelt, im Gegensatz etwa zur Atomtechnik, in die ebenfalls Milliardenbeträge an Subventionen geflossen sind.

Witte Aber das rechtfertigt doch nicht die nächste Subvention. Ich bleibe dabei: Vor allem Wind- und Sonnenenergie werden immer noch zu stark subventioniert. Für Landwirte zum Beispiel gibt es kein besseres Geschäft, als Windräder aufzustellen. Die können sich ihren Boden damit vergolden. Und die Stromverbraucher zahlen die Zeche.

Nicht alle Verbraucher! Unternehmen aus sogenannten energieintensiven Branchen sind von der EEG-Umlage befreit.

Herweg Richtig! Und auch deshalb ist die Stromrechnung für alle übrigen so hoch. Große Industriebetriebe sind aus der Zahlungspflicht herausgenommen, und der Mittelstand und der Verbraucher zahlen das mit, was die Industrie nicht bezahlen muss.

Sehen Sie in den steigenden Verbraucherpreisen das einzige Problem in der Energiepolitik?

Witte Nein, das Thema Versorgungssicherheit ist - gerade für Unternehmen - mindestens genauso wichtig. Was nützen uns 25 Prozent und mehr erneuerbare Energien, wenn sie nicht ständig zur Verfügung stehen? Solange das Problem der Speicherung von Sonnen- und Windenergie nicht gelöst ist, sind und bleiben diese Erzeugungsarten ein Randthema.

Herweg Zusammengenommen sind Sonne und Wind aber doch gar nicht so schwankungsanfällig, wie es auf den ersten Blick erscheint. Vorausgesetzt, man hat ein Netz, dass Schwankungen regional ausgleichen kann.

Die Langenfelder Tubenfabrik hat ihre jetzt angemeldete Planinsolvenz auch mit den steigenden Energiekosten begründet. Jobverluste - ist auch das ein Preis, der für die Energiewende zu zahlen ist?

Herweg Ich bin erst mal ein bisschen skeptisch, wenn ein Unternehmen den Abbau von Arbeitsplätzen mit solchen Einflüssen zu begründen versucht. Das kann man glauben, muss man aber nicht.

Herr Witte, sind Ihnen weitere Unternehmen in Langenfeld bekannt, die mit den steigenden Energiekosten zu kämpfen haben?

Witte Ich weiß von einem Unternehmen, dass als energieintensiver Betrieb von der EEG-Umlage befreit ist und dessen Geschäftsführung sagt: Wenn diese Befreiung nicht wäre, dann kämen wir in große Schwierigkeiten.

Und Unternehmen, die die Umlage zahlen müssen?

Witte Grundsätzlich: Betriebe, bei denen der Energieverbrauch einen hohen Anteil an den Gesamtkosten hat, leiden unter den steigenden Verbrauchspreisen.

Welche Optionen hat der Mittelstand?

Witte Er kann das Thema Energiesparen forcieren. Ich selbst bin ein großer Freund davon. Für Control Expert bauen wir ja gerade neu in Berghausen. Unsere größten Stromfresser sind Server und Klima-Anlagen. Und uns ist vorgerechnet worden, dass wir in dem neuen Objekt mit nur einem Drittel des Stroms auskommen werden des Volumens, das wir bisher verbraucht haben.

Aber nicht jedes Unternehmen ist so potent, derlei Investitionskosten fürs Energiesparen aufzubringen.

Witte Das ist richtig. Manch ein Mittelständler, der unter den Strompreisen ächzt, wurschtelt sich so durch. Solange er es eben kann. Der nimmt die steigenden Energiepreise als gottgegeben hin, so wie auch die Steuern.

Quelle: RP
 
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