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Edith Fischnaller
"Hygiene ist mehr als nur Sauberkeit"

Edith Fischnaller: "Hygiene ist mehr als nur Sauberkeit"
FOTO: Jürgen Escher
Langenfeld. Sie ist Leiterin der Hygiene-Abteilung der Gemeinnützigen Gesellschaft der Franziskanerinnen zu Olpe mbH.

Frau Dr. Fischnaller, an wen richtet sich der Vortrag, zu dem die Langenfelder Volkshochschule für Mittwoch einlädt?

Fischnaller An Patienten, Angehörige und alle Interessenten, die sich über multiresistente Erreger (MRSA), Krankenhaushygiene und Infektionsschutz informieren wollen.

Was ist denn unter "multiresistenten Erregern" zu verstehen?

Fischnaller Grob gesagt handelt es sich um Erreger, für die gesunde Menschen kaum anfällig sind, ältere und immungeschwächte hingegen schon. Deshalb ist die kontrollierte Gabe von Antibiotika wichtig. Die meisten Krankenhäuser sind da auf einem guten Weg, nur die niedergelassenen Ärzte müssen wir noch überzeugen, nicht mehr so viele Antibiotika zu verschreiben, um Resistenzen vorzubeugen.

Das St.-Martinus-Krankenhaus ist ja Mitglied der vor vier Jahren gegründeten MRSA-Arbeitsgruppe im Kreis Mettmann. Welche Vorteile hat das?

Fischnaller Es ist wichtig, dass wir uns mit den Multiplikatoren auf einheitliche Hygiene-Standards verständigen. Die Gemeinschaft der Olper Franziskanerinnen, zu denen das Martinus-Krankenhaus gehört, ist derzeit noch der einzige Verbund mit einer eigenen Hygieneärztin.

Sie bilden ja auch selbst Hygiene-Fachkräfte aus.

Fischnaller Ja. Einer meiner ersten Absolventen war Stefan Mann, der heute am Martinus-Krankenhaus arbeitet und mit mir am Mittwoch den Vortrag hält.

Sie sind ja nicht nur für zwölf Krankenhäuser im Rheinland, sondern auch für 40 weitere Einrichtungen zuständig. Wo liegt da der Focus?

Fischnaller Sowohl in Senioren- als auch in Kinder- und Jugendeinrichtungen ist es uns wichtig, dass die Menschen trotz einer Infektion weiterhin am Leben teilnehmen können.

Bedeutet das, dass ich mein Kind trotz fiebriger Erkältung in die Kita oder Schule schicken kann?

Fischnaller Als berufstätige Mutter von zwei Töchtern kenne ich das Problem, dass Krankheiten der Kinder oft ungelegen kommen. Aber natürlich hat deren Wohlbefinden Priorität - und die Verantwortung der Eltern, andere nicht zu gefährden. Deshalb habe ich kein Verständnis für die Impf-Müdigkeit vieler Deutschen. Während in den Kitas die Quote bei 90 Prozent liegt, sind in der Grundschule nur noch 70 Prozent der Kinder durchgeimpft. Wo bleibt da das Solidaritätsprinzip?

Manche befürchten, dass ansteckende Krankheiten von den Flüchtlingen ins Land gebracht werden ...

Fischnaller Das ist statistisch nicht haltbar. 2005 hatten wir beispielsweise genauso viele TBC-Fälle wie in diesem Jahr - auch ohne Flüchtlinge. Und auch Krätze gab's schon immer. Dass diese sich natürlich in Massen-Unterkünften schneller ausbreitet, wo Menschen eng zusammengepfercht leben müssen, liegt nahe. Hygiene hat nicht nur etwas mit Sauberkeit zu tun.

Sondern?

Fischnaller Im Elternhaus sollten Grundlagen vermittelt werden wie das Händewaschen vor dem Essen oder nach einem Toilettengang. Oder dass man nicht in die Hand-, sondern in Armbeuge oder Oberarm hustet.

Die WHO hat soeben das Ende der Ebola-Epidemie verkündet. Glauben Sie daran?

Fischnaller Vor allem in den afrikanischen Ländern ist es existenziell, dass eine gesundheitliche Basis-Versorgung aufgebaut wird, damit Infizierte nicht erst ins Krankenhaus kommen, wenn es schon zu spät ist. Nigeria und Ghana haben sich jetzt auf den Weg gemacht. Doch wenn Sierra Leone jetzt keine entsprechenden Voraussetzungen schafft, haben wir dort bald das nächste Problem.

STEFANIE MERGEHENN STELLTE DIE FRAGEN

Quelle: RP
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