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Weihnachten Glauben
Im Nächsten den Menschen mit seinen Bedürfnissen sehen

Langenfeld. Unsere Sinne werden auch in den biblischen Weihnachtsgeschichten von Matthäus 2 und Lukas 2 angesprochen: Weil sie einen Stern gesehen haben, machten sich die Weisen aus dem Morgenland auf den Weg nach Judäa. Auch die Hirten auf Bethlehems Feldern bekamen etwas zu sehen: helles Licht in dunkler Nacht. Und sie hörten, was Engel sagten und sangen: "Fürchtet euch nicht! Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden!" Im Stall sind die harte Krippe und die weichen Windeln zu fühlen. Und zu riechen, wobei dort auch Ochs und Esel (bekanntlich aus Jesaja 1,3 ausgeliehen) für den Stallgeruch zuständig sind.

Was so sinnenfällig von Christen gefeiert wird, ist im Grunde eine religiöse Revolte. Der ewige Gott wird begrenzter Mensch. So denkt der Evangelist Johannes, und Luthers Übersetzung pointiert: "Das Wort ward Fleisch" (Johannes 1). Hier werden weniger unsere Sinne mit Anschaulichkeit und Gefühl bedient. Im Hintergrund steht die philosophische Frage nach dem Grund des Seins. Aber bevor es jetzt zu abstrakt wird: Die Menschwerdung Gottes ist eine Sensation! Die Lebensbedingungen, unter denen wir Menschen leben, hat Gott nicht bloß aus der Ferne bestimmt und überlässt uns nun unserem Schicksal. Sondern der Weltenschöpfer schluckt selbst die Pille, die er seinen Geschöpfen verordnet hat. In dem neugeborenen Kind macht sich Gott abhängig von der Sorge und dem Schutz anderer Menschen. Als Mensch nimmt Gott teil an menschlichem Leben mit seinen Freuden und seinen Begrenzungen. Gott will nicht unnahbar bleiben, er sucht die -auch sinnliche- Nähe zu seiner Schöpfung und will selbst Teil von ihr sein, bis zuletzt.

Das ist der Kern von Weihnachten! Wenn einem der Sinn des Geschenkefestes verschlossen bleibt oder abgeht angesichts von unbegrenztem Konsumismus - der Sinn von Weihnachten liegt in Gottes Menschwerdung. Damals in Bethlehem, aber auch heute. Wir verdanken den christlichen Mystikern die zarte Erkenntnis, dass Gott "in uns" geboren sein möchte. Wir selbst sind der Stall, wir sind die Krippe für Gottes Menschwerdung.

Dann können wir auch anderen menschlich begegnen. Und im Nächsten ganz den Menschen mit Bedürfnissen sehen: Menschen brauchen Beachtung und Zuwendung, Ruhe und einige stressfreie Tage, Gemeinschaft, Trost und handfeste Hilfe, wie Notleidende und Flüchtlinge unter uns und weltweit. Wir sollten alle Sensoren darauf richten und dem sinnenfreundlichen Fest seinen wahren Sinn wiedergeben.

CHRISTOF BLECKMANN, PFARRER DER MARTIN-LUTHER-KIRCHE IN REUSRATH

Quelle: RP
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