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Langenfeld
Melodien für mehr Mut

Langenfeld: Melodien für mehr Mut
Hofft auf eine "große, geeinte Bewegung" für mehr Umverteilung: Jan Degenhardt. FOTO: Veranstalter
Langenfeld. Am Freitag gastiert Jan Degenhardt, der Sohn des 2011 verstorbenen Liedermachers, im Schaustall. Politisch ist der Apfel nicht weit vom Stamm gefallen: Der 50-Jährige musiziert gegen den "Neoliberalismus".

Franz Josef Degenhardt (1931-2011) war einer der bekanntesten politischen Liedermacher der Republik. Der promovierte Jurist und überzeugte Marxist entschied sich früh gegen eine Karriere als aktiver Rechtsanwalt und widmete sich ganz der Musik und Schriftstellerei. Das unterscheidet ihn von seinem Sohn Jan Degenhardt, der zwar auch Jura studierte, dann aber eine eigene Kanzlei gründete und bis heute als Anwalt arbeitet. Musik ist dennoch seit seiner Kindheit wichtig für den heute 50-Jährigen. Seit rund 15 Jahren schreibt und komponiert er auch eigene Lieder. Am Freitag gastiert er im Schaustall – gemeinsam mit zwei kolumbianischen Musikern: Carlos Ramos an den Percussions und Christian Renz am Piano.

Herr Degenhardt, leben wir in guten Zeiten für politische Lieder?

Degenhardt Das kann man nicht wirklich sagen. Es ist ja so, dass die Realität im Grunde alles übertrifft, was man sich ausdenken und zu Liedern machen kann. Aber im Ernst: Die neoliberale Politik ist in den letzten zwei Jahrzehnten ja durchweg als "Befreiung" von staatlicher Vormundschaft gefeiert worden. Inzwischen scheint klar zu werden, dass es so nicht funktioniert. Ein Heer von Mittellosen und eine immer reicher werdende kleine Gruppe von Strippenziehern, die offenbar wenig von sozialer Gleichheit hält, zeugen davon. Die Occupy-Bewegung, Stuttgart 21 oder der Widerstand gegen Castortransporte sind hoffentlich der Beginn einer großen, geeinten Bewegung, die sich für eine Umverteilung einsetzt, statt sich zersplittern zu lassen und ineffizient zu bleiben.

Ein Plädoyer für den Umbruch?

Degenhardt Die katastrophalen Auswirkungen des ungeregelten Finanzsektors auf Länder wie etwa Griechenland, Portugal oder Italien machen deutlich, dass die freien Kräfte des Marktes nicht in der Lage sind, die Bedürfnisse der Menschheit zu sichern – wohl aber die weniger Menschen, die sehr einflussreich und reich sind. Diesem Interessengegensatz muss mit Widerstand begegnet werden, wenn man noch größere Katastrophen verhindern will. Das umzusetzen ist schwierig, weil das auch einen Abschied von dem Konsumverhalten, an das wir uns alle gewöhnt haben, bedeutet.

Sind das Themen, die Sie in Ihren Liedern aufgreifen?

 

Degenhardt Nicht in dem Sinne, dass ich mir zum Ziel setze, politische Aufklärungslieder zu machen. So etwas kann und will ich auch gar nicht. Natürlich beschäftigt mich das alles sehr – ebenso wie meine Familie und meine Beziehung zu Freunden und Partnern. All das fließt in meine Lieder ein. Ich übersetze auch gerne Lieder aus dem Englischen oder dem Französischen von Kollegen, die Ähnliches beschäftigt. Joan Baez, Judy Collins, Dirk Powell oder Jaques Brel sind Musiker, die ich sehr schätze.

Wie würden Sie Ihren musikalischen Stil beschreiben?

Degenhardt Ich habe zunächst ein wenig ausprobiert. Auf meiner ersten CD "Aufbruch" finden sich viele elektronische Einflüsse. Mit dem zweiten Album "Stimmen hinterm Spiegel" habe ich das aufgegeben und mich lateinamerikanischen Rhythmen genähert. Salza, Samba, Cumbia, Merengue – diese Tänze gefallen mir sehr gut. Meine aktuelle CD "Schamlos" ist geprägt von lateinamerikanischen Rhythmen.

Wie entstehen Ihre Lieder?

Degenhardt Das ist sehr unterschiedlich. Mal kommt mir eine Textzeile in den Kopf und ich baue ein Lied drumherum. Mal ist es eine Melodie, die mir nicht aus dem Ohr will und der Text folgt. Manchmal höre ich auch Lieder, die mich so greifen, dass ich sie übersetzen und zu meinen eigenen machen will.

Können politische Lieder Inhalte besser transportieren als beispielsweise politisches Kabarett?

Degenhardt Bei mir jedenfalls gehen Lieder tiefer. Politisches Kabarett trifft den Intellekt und ich finde es bisweilen ausgesprochen komisch, wenn es gut gemacht ist. Ein Joan Baez-Lied oder ein Lied von Violetta Parra aber sprechen bei mir tiefere Schichten an, die ich mit meiner Ratio nicht erschließen kann. Es versetzt mich regelrecht in eine Trance.

Dorian Audersch führte das Gespräch.

(RP/ac)
 
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