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Monheim
"O wie schön, der Lenz ist da"

Monheim: "O wie schön, der Lenz ist da"
Eine der Teilnehmerinnen des "Musikalisch-literarisches Frühstücks" in Monheim: Margret Stronus singt aus der Mundorgel. FOTO: MATZERATH
Monheim. Viermal im Jahr treffen sich Monheimer Seniorinnen bei Frühstück und Gesang, um die Jahreszeiten zu begrüßen. In Wahrheit sind die Treffen eine Lehrstunde über Zufriedenheit und Lebensgenuss. Ein Besuch. Von Jessica Balleer

Maria Poot trifft letzte Vorbereitungen im Gemeinschaftsraum des Franz-Boehm-Hauses. Zwei Stunden bevor die Besucherinnen kommen, deckt sie die Tische ein. Sorgfältig legt die 70-Jährige Liederbücher neben jedes Gedeck und stellt den Korb mit lauwarmen Brötchen zum Frühstücksbüffet. Als hätte sie der Kaffeeduft angelockt, kommen um Punkt 10 Uhr die Gäste. Eigentlich nur, um den Frühling mit Gesang zu begrüßen.

Doch schon beim Eintreten geben sie sich ein Versprechen: "Wir machen uns einen schönen Vormittag, ja?" Ein Vorsatz, der heutzutage so schwer umzusetzen scheint, aber so simpel sein könnte. Die Jahreszeiten sind der Anlass, zu dem die Sprecherin der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschland (kfd) an St. Gereon viermal im Jahr einlädt. "Normalerweise ist hier volles Haus", sagt Maria Poot. Und trotz Grippewelle ist das auch heute so. Zwei Dutzend Seniorinnen sind da. Poot begrüßt vorwiegend ältere Damen, obwohl Frühstück und volkstümliches Singen nichts geschlechterspezifisches ist. Ein, zwei Mal habe sich ein Mann dorthin verirrt.

"Die fühlen sich vielleicht etwas unwohl", sagt Poot schmunzelnd. Und geht dann in die Mitte, um die Aufmerksamkeit mit einem einzigen Anschlag der Klangschale auf das erste Frühlingsgedicht zu lenken. Was folgt, ist konzentriertes, aufrichtiges Zuhören.

Nach dem "Morgennebel" werden die nächsten Lieder aus der Mundorgel angekündigt. "Ach, schön", kommentieren die Damen dann jedes Mal. Um Ausreden sind einige zwar nicht verlegen, "mir fehlt das Stimmvolumen", "bin heute schwach auf der Brust" oder "kann doch den Ton nicht halten", murmelt es. Letztlich singen sie alle mit. Dass der musikalische Anspruch stimmt, dafür sorgt Angela Lehmacher mit Gitarre, Klavier und Querflöte. Das volkstümliche Stück über Bruder Jakob erklingt zuweilen im vierstimmigen Kanon. Auch das finden alle "schön". Vor allem Margret Stronus. Sie kommt regelmäßig. Im Kinder-, Frauen- und zuletzt im Kirchenchor hat sie gesungen. "Das geht wegen dem Stehen nicht mehr", sagt die 77-Jährige. Was ihr geblieben ist, ist die klare Sopranstimme. Den Applaus braucht sie sowieso nicht mehr.

Als das Büffet eröffnet ist, geht es an das leibliche Wohl: Olivenbrot, Aufschnitt, Käse, Quark. Hier streicht man sich die echte Butter noch dick aufs Körnerbrötchen, deckt die Salami auch noch mit einer Scheibe Käse zu. Kein Gedanke an Trennkost, Kohlenhydrate, Kalorien. Hier gibt es das noch, den von selbstauferlegten Zwängen befreiten Genuss des Lebens. Und Zeit für Gespräche. Auf die Frage nach dem Befinden, sagen sie den simplen Satz, den manch einer heutzutage kaum über die Lippen bringt: "Ich bin zufrieden." Bestimmend sind alltägliche Themen. Anekdoten aus dem Alltag, für die man sich sonst keine Zeit mehr nimmt und die ungehört blieben, gäbe es diesen Treff in der Monheimer Gemeinde nicht. Nicht nur Krankheiten, das Wetter, die Enkel.

Vielleicht mussten die Seniorinnen den Frühling erst einige Male kommen und gehen sehen, um hier eine Lehrstunde darüber zu verbringen, was Zufriedenheit und Genuss im Leben bedeutet. Sie singen weiter und warten geduldig auf den nächsten Lenz. Und wenn der endlich kommt, dann ist das "schön".

Quelle: RP
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