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Lokalsport
Bayer 04 und seine zwei Gesichter

Langenfeld. Die beiden Halbzeiten in Borissow stehen sinnbildlich für die Saison der Werkself, die keine Konstanz in ihrem Spiel findet. Von Simon Janssen

Bayer 04 hat nominell einen der stärksten Kader der Bundesliga. Er ist gespickt mit jungen, hochtalentierten und entwicklungsfähigen Spielern. Akteure wie Innenverteidiger Jonathan Tah oder Julian Brandt (beide 19 Jahre) gelten nicht zu Unrecht als die Zukunft des Vereins. Hinzukommen gestandene Nationalspieler wie Lars Bender, Christoph Kramer oder Karim Bellarabi. Dass alles perfekt läuft, erwartet im Verein niemand. Vor allem nicht, wenn zahlreiche Leistungsträger ausfallen, wie es derzeit der Fall ist. Zudem befindet sich die junge Mannschaft nach den Abgängen von erfahrenen Führungsspielern wie Gonzalo Castro, Stefan Reinartz, Emir Spahic und Simon Rolfes noch in der Findungsphase.

Schwache erste Halbzeiten ziehen sich zwar wie ein roter Faden durch die bisherige Saison, doch die Tatsache, dass die Werkself immer wieder in der Lage ist, zurückzukommen, zeigt, dass die Mannschaft lebt und der Trainer sie erreicht. Auftritte wie gegen Werder Bremen (3:0) oder im Hinspiel gegen Bate Borissow (4:1) haben gezeigt, was das Team zu leisten im Stande ist, wenn es das komplexe System von Trainer Roger Schmidt auf dem Platz umsetzt.

In Chicharito haben die Verantwortlichen zudem einen Transfercoup gelandet. Der Mexikaner war schnell in die Mannschaft integriert und trifft nach anfänglichem Pech im Abschluss nun regelmäßig. Aufgrund seiner weltweiten Popularität ist er auch für die Marketingabteilung ein echter Gewinn. Laut Sportdirektor Rudi Völler habe der Stürmer die Erwartungen "übererfüllt".

Auch Kevin Kampl blüht unter Schmidt regelrecht auf. Die Entscheidung, den slowenischen Nationalspieler in Abwesenheit von Lars Bender den offensiven Part auf der Doppelsechs spielen zu lassen, erwies sich als goldrichtig. Kampl lenkt das Spiel, ist ballsicher, quirlig in den Zweikämpfen und spielt eine wichtige Rolle bei der Initiierung von Angriffen - auch wenn er in der Rückwärtsbewegung aufgrund seines großen Aktionsradius gelegentlich Schwächen aufweist.

Die Ausbeute von 20 Punkten nach 13 Spielen ist zu wenig für die klar kommunizierten Königsklassen-Ansprüche der Werkself. Darüber ist sich auch Roger Schmidt im Klaren. Schwarzmalerei ist zum jetzigen Zeitpunkt jedoch absolut unangebracht. Schließlich ist der dritte Platz, der die Play-offs für die Champions League bedeutet, lediglich drei Punkte entfernt. Spätestens nach der Winterpause, wenn sich das Lazarett wieder lichtet, wird mit Bayer 04 wieder zu rechnen sein. Für einen kompletten Einbruch ist das Potenzial der Mannschaft einfach zu groß.

Noch ist es zu früh, um Leverkusens internationalen Auftritt final zu bewerten. Die Aussichten auf ein Weiterkommen in der Champions League sind vor dem Duell mit dem FC Barcelona zwar verschwindend gering, aber rechnerisch noch möglich. Genauso wie das Trostpflaster Europa League, das man sich im Wissen um das womöglich ausbleibende Wunder bereits schönzureden versucht - oder sogar der Abschied von Europas Bühne.

Anspruch und Wirklichkeit passen bei der Werkself nicht zusammen, die in der Liga wie auch in der Champions League die Erwartungen bislang nicht erfüllen kann. Das Problem erklärte Christoph Kramer in drei Worten: "Die Konstanz fehlt." Das Schwanken in den Ergebnissen zieht sich bisher durch die Spielzeit. Manchmal sogar mit gravierenden Leistungsunterschieden innerhalb einer Partie. Es ist sicher richtig, die Moral nach Aufholjagden etwa gegen Rom zu loben, aber es muss einiges schief laufen, dass diese überhaupt notwendig werden. Auch das Verhältnis von Aufwand und Ertrag ist gestört. Es ist schön, mit viel Lob für 80 überzeugende Minuten gegen Barcelona die Heimreise anzutreten, Punkte gab es dafür aber nicht. Nun sind diese gegen den Titelverteidiger nicht unbedingt eingeplant, aber auch in anderen Gruppenspielen brachte sich die Mannschaft oft unnötig selbst in die Bredouille. Das lag nicht originär an Fehlern wie dem jüngsten von Bernd Leno. Gegen Rom führte Bayer zu Hause bereits souverän 2:0, brach aber für 60 Minuten völlig auseinander. In umgekehrter Reihung präsentierte die Mannschaft ihre zwei Gesichter im Rückspiel, als der völlig von der Rolle wirkenden Werkself bereits in der ersten Hälfte ein Debakel drohte. In Borissow fehlte in dieser Woche gegen einen limitierten Gegner ein konkreter Plan, um ein klares Ergebnis zu erzielen. Hier besteht augenscheinlich Handlungsbedarf, wie auch Kramer durchblicken ließ. "Die meisten Gegner stehen sehr tief, da müssen wir zukünftig Lösungen finden."

Betreibt man Ursachenforschung, fallen folgende Probleme auf: Chancen sind zwar genug vorhanden, aber das Verwerten von Tor-Möglichkeiten ist bislang ein nicht gelöstes Problem dieser Mannschaft, die es nicht schafft, ihr Offensivpotenzial auszuschöpfen. In der Defensive hingegen offenbart sie immer wieder Schwächen bei der Verteidigung von Standardsituationen. Zudem hat man neben dem Verletzungspech auch mit teils langwierigen Formkrisen wichtiger Leistungsträger zu kämpfen. Die Erkenntnis, dass sich Bayer 04 bessere Resultate oft selbst zunichte macht, hat zumindest etwas Positives: Es liegt allein beim Team, daran etwas zu ändern.

Quelle: RP
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