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Anne Kupila
Suomi schnuppern für Langenfelder

Langenfeld. Finnisch lernen - bist du jeck? Wer sich von dieser Frage nicht beirren lässt, dem bietet sich am kommenden Wochenende, dem sechsten im Langenfelder Finnland-Jahr, ein Schnupperkursus mit Dozentin Anne Kupila. Von Thomas Gutmann

Wie sind Sie dazu gekommen, eine so – sagen wir - aparte Sprache wie Finnisch zu sprechen und sogar zu unterrichten?

Kupila Na, ich bin Finnin. Allerdings ist Finnisch nicht meine Mutter-, sondern meine Vatersprache. Mein Mutter ist zwar auch Finnin, aber sie gehört der schwedischsprachigen Minderheit in Finnland an. Ich bin also zweisprachig aufgewachsen. Später habe ich Sprachen und Kulturwissenschaften studiert und unterrichtet.

Viele Leute denken, Finnisch sei eine skandinavische Sprache. Was ist daran falsch?

Kupila Alles. Finnisch ist keine germanische Sprache wie Schwedisch oder Norwegisch, ja noch nicht mal eine indogermanische Sprache. Aber es ist auch keine slawische Sprache, sondern gehört der finno-ugrischen Sprachfamilie an. Dazu zählt auch Ungarisch. Sie haben unter anderem einen "synthetischen" Charakter gemeinsam. Das heißt, Satzbestandteile, die in anderen Sprachen selbständige Wörter sind – "der", "die", "das" etwa – , werden in den finno-ugrischen Sprachen oft an den Wortstamm gefügt, so dass die Wörter ziemlich lang sind.

Verstehen Sie als Finnin denn die Ungarn ein bisschen – so wie wir Deutsche die Holländer?

Kupila Nein, wir verstehen kein Wort. Die Verbindung des Finnischen mit anderen ugrischen Sprachen wurde schon in der Bronzezeit unterbrochen. Die größte Nähe besteht noch zur estnischen Sprache. Aber auch Esten und Finnen verstehen einander nicht.

Was sind die größten Unterschiede der finnischen zu den indogermanischen Sprachen?

Kupila Neben dem bereits erwähnten synthetischen Charakter ist es zum Beispiel das Fehlen des grammatikalischen Geschlechts. So gibt es kein "er", "sie" oder "es" in der dritten Person, es gibt nur eins. Darum ist es unter Finnen völlig normal, wenn einer nachfragt: Hast du jetzt von einem Mann oder einer Frau gesprochen?

Oder man deutet es aus dem Sinnzusammenhang, um wenn es sich handelt. Bei "(Es) ist fischen gegangen" dürfte vermutlich von einen Mann die Rede sein, oder?

Kupila Nicht in Finnland – da geht jeder fischen. Vermutlich ist es auch kein Zufall, dass das Finnische kein grammatikalisches Geschlecht kennt. Um in dem nordischen Klima zu überleben, konnten sich die Menschen keine strikte Rollenverteilung leisten. Die Frau am Herd, der Mann auf der Jagd – das ging nicht. Jeder musste überall mitanpacken. In den 1950er Jahren gab es den Versuch, für verschiedene Berufe auch "weibliche" Bezeichnungen einzuführen. Die Finnen haben das aber nicht mitgemacht.

Das klingt, als sei Finnisch ein Paradies für Emanzen . . .

Kupila Kann man so sehen. Die "geschlechtsneutrale Sprache" ist jedenfalls per se kein Thema.

Geschlechtslos, aber allein 15 Fälle. Das habe ich dem Wikipedia-Eintrag über Finnisch entnommen. Uns genügen "der, des, dem, den" – wozu zum Teufel braucht man 15 Fälle?

Kupila Etwa, um damit Richtungs- oder Ortsbezugsangaben zu machen. In meinem Auto, aus meinem, zu meinem, in der Nähe von meinem Auto – dafür haben wir Finnen je einen eigenen Kasus. Und dann gibt es da noch den Partitiv. In dem Satz "Ich esse Brot" besagt er: Ich esse Brot, aber nicht das ganze Brot.

Klingt nicht gerade so, als wäre Finnisch lernen was für Sprachlegastheniker . . .

Kupila In der Tat gilt Finnisch als schwere Sprache. Deutsche Muttersprachler haben es aber noch relativ leicht, etwa im Vergleich zu englischsprachigen Leuten. Blitzschnell verstehen das Wortzusammenbau-System die Ungarn und die Türken. Ist bei ihnen ja auch so ähnlich.

Wer in Deutschland tut es sich an, Finnisch zu lernen?

Kupila Zum Beispiel Manager, die beruflich mit Finnland zu tun haben. Aber die müssen ja. Freiwillig gab es so Wellen. So zum Beispiel nach dem "Pisa-Schock" in Deutschland im Jahr 2000. Nachdem Finnland bei der Bildungsstudie sehr gut und Deutschland im Schnitt nur sehr mittelmäßig abgeschnitten hatte, kamen viele ehrgeizige Eltern zu mir, die ihre Kinder auf finnische Gymnasien schicken wollten.

Und heute?

Kupila Da gibt es neben Erasmus-Studenten zum Beispiel Metal-Fans, die ihre finnischen Idole wie die Bands "Nightwish", "Him", "Korpiklaani", "Eläkeläiset" oder Leningrad Cowboys" verstehen wollen. Auch Sportenthusiasten, Bewunderer von Stars wie Mika Häkkinen, lernen Finnisch.

Was – würden Sie sagen – bringt mir ein Schnupperkursus außer ein paar Brocken Finnisch?

Kupila Viel Freude an der Entdeckung, wie anders als das Deutsche eine Sprache auch funktionieren kann. Und das Staunen darüber, solch eine Sprache tatsächlich erlernen zu können. Das ist wie eine Bewusstseinserweiterung.

In der Ankündigung im Programmheft zum Langenfelder Finnland-Jahr heißt es: "Eine stille Sauna an einem einsamen See – was gibt es da zu reden?" Ja, was denn?

Kupila Die finnische Sauna-Kultur ist geselliger als die deutsche. Da werden auf dem Ofen auch Kartoffeln und Wurst gebraten. Also gibt es auch etwas, wenn auch wenig, zu reden. Zum Beispiel: "Dein Wurst ist gar". Oder: "Möchtest du noch ein Bier?"

Quelle: RP
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