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Langenfeld
Tote Zwangsarbeiter bekommen Namen

Langenfeld: Tote Zwangsarbeiter bekommen Namen
Historiker Günter Schmitz und Stadtarchivarin Hella-Sabrina Lange an dem Grabstein, der an "18 russische und polnische Kriegstote" erinnert. FOTO: MATZERATH
Langenfeld. In einem Sammelgrab auf dem Waldfriedhof sind 18 überwiegend russische Kriegstote beerdigt. Nach teils aufwendiger Recherche stehen die Namen der meisten nun fest und sollen auf dem vorhandenen Grabstein eingraviert werden. Von Thomas Gutmann

Mehr als 2000 Fremdarbeiter haben während des Zweiten Weltkriegs in Langenfeld gearbeitet, Kriegsgefangene ebenso wie Zivilisten, die aus den von Nazi-Deutschland eroberten Gebieten ins Reich verschleppt wurden. Die meisten kehrten nach dem Krieg in ihre Heimat zurück, einige wenige fanden später ihr Glück unter den ehemaligen Kriegsgegnern. Mehrere Dutzend aber kamen bis 1945 in Langenfeld ums Leben.

Eine Liste in der umfangreichen Dokumentation "Zwangsarbeit in Langenfeld 1939-1945" (2000) führt 67 Tote auf, darunter neben Zwangsarbeitern auch andere deportierte Ausländer, die möglicherweise psychisch krank oder behindert waren. Vermutlich 16 Zwangsarbeiter fanden – zusammen mit zwei von Fremdarbeiterinnen geborenen Babys – ihre letzte Ruhe in einem Sammelgrab auf dem städtischen Waldfriedhof. Nun sollen diese Toten endlich einen Namen bekommen – nachdem sie auf dem Grabstein jahrzehntelang nur als Zahl vorkamen: "Hier ruhen 18 russische und polnische Kriegstote" ist darauf zu lesen.

Stattdessen werden nun – ausgenommen zwei noch Unbekannte – ihre Namen in den Grabstein gemeißelt. Die Freigabe der dafür veranschlagten 5000 Euro durch den städtischen Kulturausschuss am kommenden Dienstag dürfte eine Formsache sein. Initiiert hatte dies vor bald zwei Jahren die SPD. Die Mehrheit der Namen war seit Jahrzehnten bekannt, aber da es bei einigen anderen noch Unklarheiten bei Schreibweise und Identität gab und überdies vier als "unbekannt" galten, beauftragte die Stadt das Stadtarchiv und den Langenfelder Historiker Günter Schmitz noch fehlende Angaben – so möglich – zu recherchieren.

Diese Liste liegt nun vor. Schmitz und das Stadtarchivteam um Leiterin Dr. Hella-Sabrina Lange haben sie aus der erwähnten Zwangsarbeiter-Dokumentation ermittelt sowie über den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK Online), die Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht (Berlin) sowie die Dokumentationsstätte Stalag 326 Senne (Schloss Holte-Stukenbrock), ein Archiv zu einem der ehemaligen Durchgangslager für Kriegsgefangene.

"Bei zwei der vier Unbekannten hat sich die Identität geklärt, bei zweien besteht noch Hoffnung, dass unsere Anfragen in Schloss Holte-Stukenbrock zu einem Ergebnis führen", berichtet Schmitz. Die große Mehrheit der in dem Sammelgrab bestatteten "Kriegstoten" aber tritt nun dank seiner und der Recherchen des Stadtarchivs ein wenig aus der Anonymität heraus.

Einzige Frau unter den namentlich Bekannten war Irene Adamczyk aus Polen, die am Mühlenweg in Berghausen arbeiten musste und sich – erst 18-jährig – am 16. Juni 1943 auf den Bahngleisen das Leben nahm. Für die beiden Säuglinge, deren sterbliche Überreste in dem Sammelgrab bestattet sind, verzeichnen die Sterbeurkunden Krankheiten als Todesursache: Der drei Monate alte Michael, Sohn einer in Berghausen gemeldeten russischen Landarbeiterin, starb im Februar 1944 an einer Lungenentzündung, Nelly, erst zwei Monate alt, im September 1944 an einer Angina. Ihre Mutter, Zwangsarbeiterin bei den Deutschen Röhrenwerken, kehrte im März 1945 "mit Sammeltransport" nach Russland zurück.

Die Männer stammten bis auf eine Ausnahme (Ukraine) alle aus Russland. Mehrere musten für die Wehrmachtsrüstung bei Kronprinz arbeiten. Vier erlagen einer Methyl-Alkoholvergiftung. Bei anderen heißt es "Herzschlag" oder "Todesursache unbekannt". Wiederum andere kamen durch Kriegseinwirkungen um. So etwa der kaum 20-jährige Michael Afanasenko, den am 22. März 1945 in Berghausen Granatsplitter an Hals und Bauch trafen. Der etwa 23-jährige Ukrainer Flamath Opatry starb wie drei weitere aus dem Sammelgrab während der Kämpfe beim Einmarsch der US-Truppen im April 1945. "Todesursache: Kopfschuss" heißt es über den Zwangsarbeiter bei Kronprinz.

Laut Archivchefin Lange, die auch das Stadtmuseum leitet, soll das tragische Schicksal der in dem Sammelgrab Bestatteten auch in der neuen Ausstellung zur Stadtgeschichte im Freiherr-vom-Stein-Haus Berücksichtigung finden. Die Besucher sollen die neuen Informationen an einem der Computerterminals abrufen können.

Quelle: RP
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