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Interview mit Uwe Augustin
"Holocaust-Gedenken könnte besser sein"

Uwe Augustin: "Holocaust-Gedenken könnte besser sein"
"Die Stadt hat sich die Hoheit über die Verlegung von Stolpersteinen von einigen Privatpersonen wegnehmen lassen", kritisiert Uwe Augustin. FOTO: Matzerath, Ralph
Langenfeld. Heute vor 71 Jahren wurde Auschwitz befreit. Ein Langenfelder Historiker plädiert für mehr Vernetzung in der Erinnerungsarbeit.

In Langenfeld gibt es zehn "Stolpersteine", die an NS-Opfer erinnern. Fünf weitere sollten noch verlegt werden, doch dabei hakt es. Wie erklären Sie sich das?

Augustin Stolpersteine werden im kommunalen Raum verlegt, und da hat die Stadt die Hoheit, welche sie sich aber unverständlicherweise von einigen Privatpersonen wegnehmen lässt. Oft wird dabei vorgebracht, dass die Bewohner/Besitzer benachbarter Häuser durch die Verlegung der Stolpersteine stigmatisiert würden. Mir sind jedoch bundesweit keine Vorfälle bekannt, welche in solch einem Zusammenhang stehen.

Und die Angst vor einem Wertverlust der Immobilie?

Augustin Halte ich für unbegründet. Entscheidend für die Verlegung von Stolpersteinen muss vielmehr die Zustimmung der Angehörigen der Opfer sein.

Ist es denn mit der Verlegung der Stolpersteine getan?

Augustin Nein. In den anderen Städten, in denen ich aktiv an Stolpersteinverlegungen beteiligt war, wurden die "Kritiker" mit ins Boot geholt und informiert. Sie bekamen von mir sowohl historische Informationen als auch positive Beispiele zur Arbeit mit Stolpersteinen in anderen Städten. Es erfolgte dann meist eine positive Mitarbeit der so informierten Menschen. Leider wird die Chance oft nicht gesehen, dass man gerade über die Arbeit mit Stolpersteinen aktive Geschichtsvermittlung über das schwierige Thema Nationalsozialismus vornehmen kann. In Langenfeld fehlt meines Erachtens im Bereich Stolpersteine eine institutionelle Verankerung – wie überhaupt keine eigenständig geprägte Gedenk- und Erinnerungskultur zum Themenbereich Nationalsozialismus vorhanden zu sein scheint.

Aber es gibt doch den VHS-Arbeitskreis Geschichte mit seinen umfangreichen Publikationen? Und die neueren Ausstellungsbestandteile im Stadtmuseum?

Augustin Das ist richtig. Durch die neue Ausstellung wird die Zeit des Nationalsozialismus in Langenfeld nun ja in Teilen aufgezeigt. Als Grundlage für die Arbeit mit Schulklassen und anderen Gruppen ist dies sehr hilfreich. Das gilt auch für die verdienstvolle Arbeit der VHS-Gruppe. Wobei der Ausstellungsbesuch von Schülern immer durch einen Guide begleitet werden sollte.

Was bemängeln Sie dann?

Augustin In Langenfeld fehlt eine Vernetzung der verschiedenen Gedenkorte bzw. der beteiligten Gruppierungen. Meist wird das Gedenken singulär behandelt, und es findet keine oder nur eine unzureichende Behandlung der unterschiedlichen Thematiken statt.

Allerdings hat Langenfeld auch keine Identifikationsfigur, wie etwa die Monheimer eine haben in ihrem widerständigen Pfarrer Boehm.

Augustin Umso mehr frage ich mich, warum diejenigen Langenfelder Bürgerinnen und Bürger so unbekannt sind, die verfolgten Menschen in der Zeit des Dritten Reichs geholfen und manche sogar versteckt haben. Ein Grundproblem scheint mir immer noch die traditionelle Sichtweise auf die NS-Geschichte zu sein, die einen schnell dazu verleitet, alles als schon bekannt erscheinen zu lassen. Auch fehlt oft eine generelle Einbindung von Geschehnissen und Biografien in einen historischen Zusammenhang.

Was schlagen Sie vor?

Augustin Sinnvoll und gesellschaftlich hilfreich wäre es, wenn das Thema Nationalsozialismus innerhalb der Stadt in einem breiteren Zusammenhang von Gedenken, Ritualen und Info- und Schulveranstaltungen stünde. Gedenken kann man nicht verordnen, man muss es leben und erleben. Hierzu gibt es in Langenfeld gute Ansätze, die hoffentlich weiter ausgebaut und zusammengeführt werden.

Welche Orte sollten mit einbezogen werden?

Augustin Neben den Orten des Gedenkens wie der LVR-Klinik, der Wenzelnbergschlucht und dem jüdischen Friedhof müssen auch weitere Orte der Verfolgung und des Widerstands aufgezeigt werden. Hier sind unter anderem die Bereiche der wirtschaftlichen Ausnutzung von Zwangsarbeitern zu erwähnen. Auch müssen nicht nur die Leidensorte der verfolgten Menschen, sondern auch die Lebensorte näher betrachtet werden. Grundsätzlich sollte man sich von der Ritualisierung des "Opfergedenkens" entfernen. Die Menschen können und müssen in ihrem Lebens- und Arbeitsumfeld dargestellt werden. So entsteht Empathie und Verständnis für die Handlungen der Menschen, was wieder die Wege zum Gedenken öffnet.

Apropos Wenzelnberg: Das Massaker kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner im April 1945 demonstriert zwar die "enthegte Bestialität" des Regimes in dessen Zusammenbruch. Das Gedenken an die Opfer gestaltet sich in meinen Augen aber insofern als schwierig, als dass es sich zum Teil um Straftäter auch nach heutigem Recht handelte. Ist dieser im doppelten Sinne "abseitige" Gedenkort daher nicht etwas sperrig, um die breite Bevölkerung zu erreichen?

Augustin Das Problem im Umgang mit den Wenzelnberg-Ermordeten liegt vor allem in einer falschen Wahrnehmung der Opfer. Bei der Zuschreibung als Häftlinge handelt es sich meist um eine Fremdzuschreibung. Sie erfolgt aus dem Blickwinkel des Nationalsozialismus und verstellt den Blick auf die Schicksale der Menschen. Es geht also darum, die Häftlinge nicht nur als Opfer zu sehen, sondern als handelnde Menschen zu betrachten. Zielführend wäre es in der Tat, das Wenzelnberg-Massaker in dem Zusammenhang der sogenannten "Endphaseverbrechen" zu stellen. Dadurch wird zum einen deutlich, wie lange sich das Regime trotz bevorstehender Niederlage – oder Befreiung – brutalst halten konnte, und zum anderen werden der Willkürcharakter des Regimes und die persönliche Verstrickung der Handelnden deutlich.

Meiner Meinung nach gibt es in Langenfeld ein Defizit im "ritualisierten Gedenken", eine Art "Unfähigkeit zu trauern". Ein Einwand, der mir hierzu einmal aus dem Rathaus begegnete, lautete: "Man muss ja nicht immer gleich die Hände falten." Ich habe diesen flott dahergesagten Satz als Bestätigung meiner These verstanden. Wie sehen Sie das?

Augustin Die verschiedenen Themenbereiche zum Nationalsozialismus müssen sowohl in der Vermittlung als auch im Gedenken sichtbar und miteinander verbunden werden. Ritualisierten Gedenkfeiern müssen von allen gesellschaftlichen Gruppen gestaltet und getragen werden. Dabei darf keine weitere Instrumentalisierung der Gedenkfeiern für eigene Gruppen-Belange stattfinden. Das ritualisierte Gedenken wird dann zum Problem, wenn es nur noch zu den betreffenden Gedenktagen stattfindet und isoliert dasteht.

Sie haben kürzlich darauf hingewiesen, dass von den zehn Menschen, derer durch Stolpersteine in Langenfeld gedacht wird, acht nicht in einem Vernichtungslager (hier: Auschwitz) ermordet wurden, sondern in einem Ghetto oder KZ umkamen. Warum ist Ihnen diese Differenzierung nicht nur wegen der historisch korrekten Darstellung wichtig?

Augustin Leider wird oft in den Medien und in der Öffentlichkeit nicht zwischen Vernichtungslager und Konzentrationslager unterschieden. Ein KL (Konzentrationslager) steht für die Kontrollierung, Unterdrückung, Entrechtung, Ausbeutung und dem Tod vieler Menschen aus verschiedensten Gruppen. Die Einlieferung in ein Vernichtungslager jedoch hatte meist das direkte Ermorden der deportierten Personen als Ziel und betraf vor allem die Gruppe der Menschen jüdischen Glaubens sowie Sinti und Roma. Oder, mit anderen Worten: In einem KL bestand oft die Möglichkeit zu überleben, in einem Vernichtungslager aber war die systematische Ermordung durch den Staat das Hauptziel der Deportation. Die Überlebensmöglichkeiten in einem Ghetto waren von dem jeweiligen Ghetto und oft vom Zufall geprägt. Viele Ghettos hatten unmenschliche Lebensbedingungen und bedeuteten oft einen "Tod auf Raten".

Zurück zu den Stolpersteinen: Fällt Langenfeld mit seinen Schwierigkeiten bei der Verlegung aus dem Rahmen?

Augustin Ja und nein. In München ist es sogar die Stadt, die sich vehement weigert, Stolpersteine zu verlegen. Oft wird dort auch immer wieder die ablehnende Haltung der Jüdischen Gemeinde in München als Argument der Stadt angeführt. Jedoch wird dabei außer Acht gelassen, das Stolpersteine für alle Opfer des Nationalsozialismus verlegt werden können und nicht nur für Menschen jüdischen Glaubens. In den Städten Augsburg und Rheinbach sind meines Wissens nach auch keine Verlegungen erlaubt. Einige Städte suchen einen Kompromiss, indem sie nur Verlegungen ablehnen, wenn die Hausbesitzer in der Nähe der Verlegung nicht zustimmen. Insgesamt gesehen, wird das Stolperstein-Projekt jedoch europaweit positiv angenommen.

Thomas Gutmann stellte die Fragen.

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