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Analyse
Vertriebene bauen Brücken zu alter Heimat

Langenfeld. Mit ihren Familien wurden Erna und Waldemar Funk nach dem Krieg aus Gostynin vertrieben. Fast 70 Jahre danach stiften sie Begegnungen zwischen Langenfeldern und Polen aus der Partnerstadt. Von Thomas Gutmann

Weltflüchtlingstag Heute wird international der Weltflüchtlingstag begangen. In Deutschland wird zugleich der "Opfer von Flucht und Vertreibung" gedacht. Wir haben zwei persönliche Schicksale aus Langenfeld und Monheim nebeneinander gestellt.

Erna Funk war vier, als sie mit ihren Eltern und Geschwistern aus Polen vertrieben wurde. Entsprechend blass sind ihre Erinnerungen an jenen Sommer 1946, gut ein Jahr nach dem von Deutschland vom Zaun gebrochenen und verlorenen Weltkrieg. Aber eines ist der heute 73-Jährigen im Gedächtnis haften geblieben: "Wir mussten in einen Viehwaggon steigen", erzählt die Immigratherin.

In Gostynin war das, einem Städtchen 120 Kilometer nordwestlich von Warschau. Kein ehemaliges Reichsgebiet "unter polnischer Verwaltung", wie die Annexion der deutschen Ostgebiete zunächst bezeichnet wurde, sondern Zentralpolen. Aber ein Ort mit einer großen deutschen Minderheit (und - bis zum Holocaust - vielen Juden): Mehrere hundert der damals etwa 10 000 Gostyniner waren nicht polnisch/katholisch, sondern deutsch/ evangelisch. "Nach dem Krieg wurde mein Vater, ein Landwirt, wie die meisten Deutschen enteignet und musste Zwangsarbeit leisten, ehe man uns in den Zug in Richtung Westen setzte", erzählt Erna Funk, die unter insgesamt sieben Geschwistern die Jüngste war.

Etwa 75 der vertriebenen Gostyniner landeten in Richrath. "Viele wurden in der Gaststätte ,Herbertz' (Kaiserstraße) untergebracht und mussten auf der Kegelbahn schlafen", schildert Erna Funk die damalige Notlage. "Aus dem nahen Krankenhaus brachte man uns in großen Kesseln etwas zu essen." Aus der alteingesessenen Bevölkerung schlug den Vertriebenen nicht nur Zuneigung entgegen. "In der Schule wurden wir manchmal gehänselt, weil unsere Eltern kein Hochdeutsch sprachen", erinnert sich Funk.

Doch nach und nach ging es aufwärts. Ihr Vater bekam sein Auskommen am Bau, Erna machte nach der Schule zunächst eine Lehre als Seidenweberin bei Neumann & Büren in Immigrath, später als Bürogehilfin in Opladen.1963 heiratete sie ihren Waldemar, der es vom Bundesbahn-Polsterer zum Pharmameister bei Bayer bringen sollte. Auch er war mit seiner Familie aus Gostynin vertrieben worden. "Dass es in Langenfeld etliche Familien gab, die sich in ihrer alten Heimat schon gekannt hatten und dasselbe Schicksal teilten, hat uns das Zurechtfinden sicher erleichtert", sagt der heute 79-Jährige.

Das aus Gostynin stammende Paar wuchs zu einer Langenfelder Familie heran: Erna Funk gebar drei Kinder (1964, 1968 und 1978). Inzwischen bereichern noch vier Enkel das Familienleben. "Leider wohnen sie nicht in Langenfeld", seufzt die Großmutter. Köln, Wiesbaden und Neustrelitz heißen statt dessen die Wohnorte des Nachwuchses.

"Mein Vater hat sich schwergetan, die Vertreibung und das Leid, das ihm angetan wurde, zu verwinden", erzählt Erna Funk, deren Vorfahren "mindestens 200 Jahre" in Gostynin verwurzelt waren. Sie selbst aber ist schon lange dabei, auf dem Schutt der Geschichte ("Nicht Polen, sondern Deutschland hat den Krieg angefangen") und dem Schicksal ihrer eigenen Familie Brücken zu bauen für gute Beziehungen zwischen Deutschen und Polen.

Die in Gostynin Geborene hat daran mitgewirkt, dass das 20 000-Einwohner-Städtchen 1998 Partnerstadt von Langenfeld wurde. Als Vorsitzende des Fördervereins Langenfeld-Gostynin organisiert sie regelmäßig Fahrten nach Polen, aber auch Besuche von Gostyninern im Rheinland, so wie den heute zu Ende gehenden Aufenthalt von acht Schülern in Langenfeld. "Die Begegnung zwischen den Menschen, besonders zwischen jungen Menschen", sagt Erna Funk, "das liegt mir am Herzen."

Quelle: RP
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