| 00.00 Uhr

Langenfeld/Monheim
Was es fast nur auf Wochenmärkten gibt

Langenfeld/Monheim. Das Internet wird total überschätzt. Zumindest für einige bestimmte besondere Waren reicht der Wochenmarkt völlig aus. Von Thomas Gutmann und Sabine Schmitt

Neulich musste Resi Weidner (79) mal wieder ran. An der Jacke von einem der sechs Kinder, um die sich die Oma und Leihoma kümmert, war der Reißverschluss oll. Also rein in ihren alten Opel Corsa und raus nach Langenfeld. "Am Kurzwarenstand auf dem Wochenmarkt bekomme ich das, was ich woanders nicht bekomme, zum Beispiel Reißverschlüsse", sagt die Benratherin. So verhält es sich mit manch einem Produkt, seit nach vielen kleinen Fachgeschäften auch die meisten Kaufhäuser gestorben sind. Und anders als im Internet kann die Kundschaft auf dem Markt das Gewünschte auch anfassen - Fachsimpeln mit dem Händler inklusive. Hier einige weitere Beispiele für Raritäten, die oft fast nur noch auf dem Wochenmarkt erhältlich sind.

Bertramwurzelpulver "Einen Kranken, der körperlich fast ganz heruntergekommen ist, bringt er wieder zu Kräften", schreibt die heilige Hildegard von Bingen. "Ein Allrounder gegen alles", sagt Michael Karp-Decker. Der 53-Jährige und sein Lebensgefährte Frank Decker haben auf dem Langenfelder Marktplatz 55 verschiedene Kräuter im Sortiment, dazu Gewürze, von Augentrost bis Zinnkraut. "Seit die Kochshows populär sind, kaufen vermehrt auch Jüngere bei uns ein", sagt der Kräuterverkäufer.

Plauener Spitze "Zu mir kommen Damen, die noch selber nähen", sagt Mehmet Wyilmaz (62). Der Türke mit den blauen Augen verkauft neben dem Kräuterstand Spitzenbänder aus dem Vogtland, aber auch aus Wuppertal und Brüssel. Dazu hat er Stoffe und Saumbänder im Angebot, von Baumwolle bis Satin - für "Tischdecken, Blusen Kleider . . ." Strickerinnen und Häklerinnen werden auf der anderen Seite der Markthalle fündig: im Wollfundus Michael Hoedemakers (56). Für die Handstrickgarne aus Kaschmirseide, Baumwolle der Mikrofasern kommen die Kundinnen auch aus Leverkusen, Monheim oder Hellerhof. "Männer sind eher selten, meistens mit Zettel von der Ehefrau."

Pferdewurst "Schmeckt herber, ist fester und fettärmer als Wurst aus Schweinefleisch", preist Silke Wüsthoff die im Vergleich zur klassischen Bockwurst etwas dunklere Dicke an. Eigentlich müsste die Pferdewurst am Stand der Reusrather Metzgerei Gladbach der Renner sein: Ist nahrhafter, aber günstiger als Schwein. Aber: "Junge Frauen stehen gar nicht darauf. Ist eher etwas für Männer", sagt die 47-Jährige.

Teigausstecher in Schnurbartform Gleich neben Gladbach vor St. Josef steht die "Keksschmiede" von Familie Grommes aus Solingen. Ob q-tip-dünne Bürsten für Kaffeeautomatenmilchschaumschläuchlein, Nudelspiralschneider oder hölzerne Stopfpilze - wer kleinformatige Haushaltswaren sucht, geht bei dem Händler selten leer aus. "In fast jedem Fall können wir die Ware zumindest besorgen", sagt Juniorchefin Silvia Grommes (44). So wie das kleine Necessaire, das eine Richratherin ihrem 13-jährigen Enkel schenken will: "Er soll sich das Nägelkauen abgewöhnen", sagt die 76-Jährige. Ein Renner in der Keksschmiede sind die Ausstechformen, darunter Wohnmobil, Brille oder Knopf. Vater Paul Gerd Grommes (72) schleift regelmäßig auch Scheren und Messer der Kundschaft.

Reibekuchen Oder auch Backfisch, Erbsensuppe, Möhreneintopf oder Grünkohl - kulinarisch bietet der Wochenmarkt Hausmannskost - beliebt, aber so auf die Schnelle und mit derart kommunikativer Begleitung anderswo selten zu finden.

Langenfeldgrüne Markttasche Wird in Langenfeld etwa zweimal im Jahr unters Volk gebracht. Geht weg wie warme Semmeln und wird von vielen Wochenmarktkunden voll Heimatstolz durchs Städtchen getragen.

Riesengarnelen aus den USA Zumindest in Monheim, wo es ja keinen Fischladen gibt, sind diese Dinger etwas Besonders. Diese Krustentiere am Stand von Ralf Tillmanns sind nämlich gut und gerne 30 Zentimeter lang und haben auch eine harte Schale. Aber wie das mit einer harten Schale so ist: Darunter versteckt sich etwas "sehr, zartes Feines, eine Delikatesse", sagt Tillmanns-Mitarbeiterin Anita Visé. Sie muss es wissen: Die 70-Jährige verkauft seit 43 Jahren Fisch - und zwar ganz viele verschiedene. Links und rechts von den Riesengarnelen liegen andere auf Eis: Scholle, Kabeljau, Seelachs, Steinbeißer, Seeteufel, Lachsforelle . . .

L'Affiné au Chablis Das ist einer der vielen feinen, ausgefallenen Käsesorten, die Angelika Geier vom "Eier-Geier" auf dem Monheimer Markt verkauft. L'Affiné au Chablis kommt aus Burgund in Frankreich und schmeckt herzhaft, sagt die Käseverkäuferin. Weitere Merkmale: "sehr cremig". Käsekenner schwärmen: Ist nicht scharf, beißt nicht auf der Zunge. Wozu isst man den? "Zu Baguette oder warm machen und auf neuen Kartoffeln zerlaufen lassen."

Bikiniverschlüsse Familie Romagno aus Mettmann ist mit ihrem "Kurzwarenkorb" auf beiden Wochenmärkten vertreten. Sie hat alles im Sortiment, was man zur Ausbesserung von Textilien und Taschen braucht - von Haken und Ösen über Knöpfe aller Art bis hin zum Smiley-Aufnäher für durchgescheuerte Kinderhosen.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Langenfeld/Monheim: Was es fast nur auf Wochenmärkten gibt


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.