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Leichlingen
Befremdliches Puppentheater im Schloss

Leichlingen. Wenn Detlef Heinichen auf der Bühne seine Figuren auspackt und mit dem Schauspiel beginnt, beobachtet man einen 61-jährigen Mann, der auf eine gewisse Art und Weise Kind geblieben ist. So fasziniert ist er von seinen ausdrucksstarken Charakterpuppen, die in ihrer Hässlichkeit eine unglaubliche Wirkung versprühen. Von Tobias Falke

"Immer, wenn ich die Puppen aus dem Koffer hole, ist das ein spannendes Gefühl für mich", erzählt der gebürtige Magdeburger, der seit seinem achten Lebensjahr seinen Traum als Puppenspieler lebt. Dabei ist er nicht nur Puppenspieler, sondern auch Schauspieler, der mit den Puppen in den Dialog tritt. Und damit überzeugte er nun das Publikum im Schloss Eicherhof. "Nach Leichlingen komme ich unheimlich gerne. Es ist die passende Bühne mit der passenden Atmosphäre", lobt er die Reihe "Kultur im Schloss" in der Blütenstadt, die er bereits zum dritten Mal besucht. "Adams Äpfel" heißt sein aktuelles Stück, das ohne literarische Vorlage daherkommt.

Und so stellt er zu Beginn die Figuren vor. Etwa Gunnar, alkoholkranker Sexualstraftäter und Kleptomane, der früher ein bekannter Tennisspieler war. Und Khalid, ein arabischer Tankstellenräuber, der lautstark flucht und Gebrauch von Schusswaffen macht. Sie sind bei Pfarrer Ivan untergekommen, der mit Güte und grenzenlosem Optimismus versucht, Straftäter auf Bewährung zu resozialisieren. Als sich Adam, ein aggressiver Neonazi, dazugesellt, verändert sich die Stimmung in der Gruppe. Der Pfarrer glaubt, der Teufel prüfe ihn, und bemüht sich, besonnen und zuversichtlich zu bleiben - bei seiner Vita unvorstellbar: Er wurde vom Vater missbraucht, seine Schwester starb bei einem Autounfall, sein Sohn ist querschnitzgelähmt, seine Frau brachte sich nach der Geburt des Kindes um. Für Adam ist die Sache klar: Nicht der Teufel stellt Ivan auf die Probe, sondern Gott. Hiob sei das beste Beispiel.

Manchmal gelingt Heinichen nicht alles perfekt. Aber das macht den Künstler, der 1981 in Ostdeutschland ein Berufsverbot bekam und einige Zeit in Haft saß, weil er in einem Stück über "Freie Gewerkschaften" sprach, sympathisch und authentisch. "Ich hätte gerne zwei, drei Helfer an meiner Seite, die sich um Licht oder Ton kümmern. Dann hätte ich jemanden, dem ich die Meinung sagen kann, wenn was schief läuft", sagt er. Doch auf seiner Bühne sei er für alles verantwortlich. Einzig das Bühnenbild und die Puppen seien nicht von ihm.

Auf Zuschauer wirkt das Stück befremdlich. Das ist gewollt. Nicht umsonst benutzt Heinichen den Verfremdungseffekt von Bertolt Brecht oder entlässt sein Publikum mit halboffenem Schluss in die Nacht. Eine bemerkenswerte Inszenierung.

Quelle: RP
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