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Leichlingen
Demente und Sexualität - ein Tabu

Leichlingen. Zum Vortrag über Sexualität und Demenz kamen kaum Zuhörer. Das Netzwerk Demenz will das Thema weiter aufgreifen, um es aus der Tabuzone zu holen. Von Ina Bodenröder

Der Titel der Veranstaltung hätte treffender nicht gewählt sein können: "Sexualität bei demenziell erkrankten Menschen - immer noch ein Tabuthema". Denn der Vortrag beim Leichlinger Netzwerk Demenz ging vielen pflegenden Angehörigen offenbar einen Schritt zu weit: Außer Mitarbeiterinnen der Diakonie-Station Leichlingen hatte kein Angehöriger den Weg an die Brückenstraße gefunden.

"Das Thema müssen wir wohl noch drei bis fünf Mal aufgreifen, bevor es aus der Tabuzone herauskommt", stellte Diakonie-Pflegedienstleiterin Edith Schmitz beim Blick in die Runde fest. Dabei gehöre die Frage, wie man mit den sexuellen Bedürfnissen demenziell erkrankter Menschen umgeht, nicht in die "Schmuddelecke": Immerhin 18 Prozent der Betroffenen zeigen ein auffälliges Verhalten. Angehörige und Pflegekräfte müssen sich damit auseinandersetzen, wie sie angemessen reagieren. Zum "unangebrachten" Verhalten gehören - auch in Abhängigkeit von der Wahrnehmung der betreuenden Menschen - beispielsweise zwanghaftes Onanieren, öffentliches Entblößen, anzügliche Bemerkungen oder das Berühren intimer Körperbereiche der Pflegenden, Angehörigen oder Mitpatienten.

"Sexuelle Störungen sind keine Charakterschwäche", betonte Referentin Regine Hofmeister. "Die Patienten besinnen sich auf ihre grundlegenden Elementarbedürfnisse als körperliches Lustempfinden", sagte die Sozialpädagogin und Gerontologin. Wichtig sei aber, dass auch Pflegende und Betreuende nicht alles aushalten müssten. "Ein "Nein, ich will das nicht" ist bei aller Empathie wichtig", machte Hofmeister deutlich. Um Klarheit für den Erkrankten zu schaffen, sollten sich Angehörige und Pflegepersonal über klare Grenzen abstimmen. Werde der Sexualtrieb zu stark, sei die Gabe von Medikamenten - sogenannten "selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern" (SSR1) - eine Option.

Während Regine Hofmeister auch die stationäre Behandlung als Möglichkeit zur Regulierung sexueller Störungen einbrachte, wollte Edith Schmitz derartige Maßnahmen nicht ergreifen. Die Pflegedienstleiterin sprach sich gegen räumliche Veränderungen der Patienten aus: "Nach einem Ortswechsel kommen die Demenzerkrankten oft desolater nach Hause zurück als sie es vorher waren. Damit wird das Problem für die Angehörigen noch größer."

Das Leichlinger Netzwerk Demenz gibt es seit 2010. Darin haben sich die örtlichen Pflegedienste, das Hospiz, Pflegeheime, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, die städtische Senioren- und Pflegeberaterin und Ärzte zusammengeschlossen, um Betroffenen Hilfe zu bieten.

Quelle: RP
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