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Leichlingen
Die Nutria-Vorfahren aus dem Weltersbachtal

Leichlingen. In den 1940ern betrieb die Familie von Ilse Korfmacher eine Nutria-Zucht. Womöglich sind die kürzlich an der Henley-Brücke entdeckten Tiere Nachkommen von Nurias, die einst aus der Farm im Weltersbachtal ausgebüchst sind. Von Roman Zilles

Die typische Handbewegung beherrscht Ilse Korfmacher noch immer. Auch nach mehr als einem halben Jahrhundert. "Wenn die Tiere im Wasser sind, muss man es erst gar nicht versuchen. Aber wenn sie an Land sitzen, packt man sie am Schwanz", erzählt die 86-Jährige und zieht blitzschnell ihren Arm nach oben. Und mit etwas Vorstellungskraft sieht man, wie an ihrer Hand eine Nutria baumelt, sich wehren will, aber mit seinen gefährlichen Vorderzähnen nichts und niemanden zu fassen bekommt.

Früher hatte Korfmacher viel mit Nutrias zu tun: "Unsere Familie hatte eine Nutria-Zucht." Und daran musste sie nun zurückdenken, als sie in der Rheinischen Post las, dass in Leichlingen kürzlich solche Tiere unter der Henley-Brücke gesichtet wurden. "Ich halte es für gut möglich, dass die Tiere auf unsere Zucht zurückgehen", erzählt Korfmacher, die quasi ihr gesamtes Leben in Stöcken verbracht hat.

Alles begann in den Wirren des Zweiten Weltkrieges. Wie so viele Menschen in Deutschland war auch ihre Familie auf der Suche nach etwas, mit dem sich das Überleben sichern ließ. Also versuchte es der Vater mit Nutrias. Begonnen worden sei im Jahr 1941 in einem Siefen zwischen Stöcken und Junkersholz. Der Bereich dort sei allerdings recht bald zu klein für diesen Zweck geworden. Daher wurde die Zucht ins Weltersbachtal verlegt. "Zeitweise hat die Nutria-Farm recht große Ausmaße erreicht. Wir hatten dort manchmal sogar bis zu 60 Tiere", erzählt Korfmacher.

Bis heute haben die Nutrias bei ihr einen festen Platz: in der Erinnerung, aber ganz offensichtlich auch im Herzen. "Es soll sie mir bloß keiner Ratte nennen", mahnt sie. Offensichtliche Unterscheidungsmerkmale - etwa zu Bisamratte oder Biber - seien der runde Schwanz sowie die eindrucksvollen, orangefarbenen Hauer. Von denen sei sie nie verletzt worden. Vermutlich weil sie den Tieren stets mit dem nötigen Geschick, aber auch dem nötigen Respekt begegnet ist.

Ilse Korfmacher und ihre beiden Schwestern hätten früh mitanpacken gelernt. Ihnen wurde nicht nur beigebracht, wie man die Tiere sicher zu fassen bekommt. Sondern die Mädchen mussten auch für das Futter der Nutrias sorgen. Korfmacher: "Wir haben eigenhändig gesenst und sind mit Säcken voller Gras und Möhren hinterunter ins Weltersbachtal" - alles vor der Schule. Und den Mädchen wurde auch beigebracht, wie man die Tiere schlachtet. "Die Zeiten waren damals eben so", sagt Korfmacher. Besondere Vorsicht sei beim Abziehen der Felle gefragt gewesen. Schon kleinste Beschädigungen hätten große Auswirkungen beim Verkauf gehabt. Abnehmer war seinerzeit etwa ein Pelzhaus in Solingen.

Das Fleisch dagegen landete sehr regelmäßig im eigenen Kopftopf. "Es schmeckte ungefähr wie Kaninchen - sehr lecker", berichtet Korfmacher. Einmal, "bei einem meiner Geburtstage in der schweren Zeit", sei Nutria auf den Tisch gekommen: "Jeder bekam von dem Braten und dazu genau eine Kartoffel, und alle Kinder waren begeistert von dem Fleisch."

Die Farm im Weltersbachtal sei im Übrigen ein großer Hingucker für Spaziergänger gewesen. Bis die Familie sie Ende der 40er-Jahre weiterverpachtete, sei es längst nicht nur einmal vorgekommen, dass Tieren der Sprung in die Freiheit gelang. "Vielleicht haben meine Schwestern und ich nicht jedes Mal die Gehege richtig zugemacht", sagt die 86-Jährige mit einem Schmunzeln. Einige Tiere habe man wieder einfangen können, andere dagegen blieben dauerhaft auf freiem Fuß.

Sie werde sicherlich bald mal am Leichlinger Wupperufer Ausschau halten nach den Nutrias, die sich dort angesiedelt haben. "Ich würde mir sogar noch zutrauen, eines zu packen und festzuhalten", sagt die 86-Jährige - reißt dabei den Arm nach oben.

Quelle: RP
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