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Leichlingen
Meisterliches Programm mit hohem Tempo

Leichlingen. Beide waren Schüler von Dietrich Buxtehude, sind sich aber nie begegnet. Im fünften Konzert des diesjährigen Leichlinger Orgelsommers stellte Gastorganist Florian Wilkes Werke von Johann Sebastian Bach und dem 20 Jahre älteren Nicolaus Bruhns einander gegenüber. Von Monika Klein

Beide Komponisten verbindet noch mehr. Sie waren nicht nur ausgezeichnete Organisten, sondern beherrschten auch andere Instrumente. Bach spielte perfekt Bratsche und Bruhns war als Geigenvirtuose der Paganini seiner Zeit. Das beeinflusste ihr Verständnis von Orgelmusik, die deutlich virtuoser war als die ihrer Vorgänger und damit einen Wendepunkt in der Musikgeschichte darstellt. Wilkes, der nicht nur Titularorganist an der Berliner St. Hedwigs-Kathedrale, sondern außerdem Jurist mit Rechtsanwaltskanzlei in Marienfelde ist, hat sich mit seinem ungewöhnlichen Programm Bruhns/Bach auf die virtuosen Präludien und Fugen der beiden Barockmeister konzentriert.

Ein anspruchsvolles Vorhaben, das Kondition und Konzentration verlangt, das der Gastorganist aber ausgesprochen souverän meisterte. Und zwar mit Tempi, die man an einigen Stellen als grenzwertig empfinden mochte. Etwa in der berühmten Bachschen d-Moll-Toccata mit Fuge, wo er Läufe so schnell über die Tasten jagte, dass sie aus den Pfeifen wie ein einziger Wisch, ein stufenloses Glissando ertönte. Allerdings machte der Organist sein Spiel keineswegs zum reinen mechanischen und sportlichen Ereignis. Im Gegenteil nahm er sich die Freiheit, dem Duktus der Musik folgend, das Tempo organisch anzuziehen, abzubremsen oder zu wechseln, um einzelne Passagen voneinander abzusetzen.

Eine lebendige Spielweise, die immer wieder aufhorchen ließ, auch oder gerade bei den wohl bekannten Bach-Werken. "Viel Freude mit ihrer schönen Berliner Orgel" hatte Wilkes den Zuhörern nach seiner kurzen Programmeinführung gewünscht. Für die Erfüllung sorgte er dann selbst durch eine reizvolle und facettenreiche Registrierung, die in einem einzigen Konzert so viele schöne Seiten der Leichlinger Schuke-Orgel zum Klingen brachte.

Zauberhaft vor allem beim "Großen" e-Moll-Präludium von Nicolaus Bruhns, das sich (wie viele seiner Werke) als wahre Wundertüte voller musikalischer Ideen erweist, die hier alle ihre eigene Klangnuance bekamen. Aus diesem Füllhorn hat sich der jüngere Thomaskantor und Bruhns-Verehrer übrigens freimütig bedient. Für Bach-Freunde offenbarte Wilkes Stückauswahl etliche alte Bekannte. Denn einige Ideen hat Bach als Themen genutzt, um sie kunstvoll in seinen Werken zu verarbeiten. "Gut, dass es damals noch kein Urheberrecht gab", kommentierte Anwalt Wilkes. Nach so viel atemberaubender Virtuosität wählte der Gast als Zugabe etwas Hymnisches: "Jerusalem", eine Art "dritte Nationalhymne der Briten".

Quelle: RP
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