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Leverkusen
Adolphe - ein Name entzweit die Familie

Leverkusen: Adolphe - ein Name entzweit die Familie
Ausgeprägte Individuen, die hervorragend als Gruppe funktionieren: Benjamin Kernen, Anne Weinknecht, Julia Hansen, Martin Lindow, Christian Kaiser (v.l.). FOTO: Johanna Zentgraf
Leverkusen. Im Erholungshaus war die Komödie "Der Vorname" nun zweimal zu sehen - eine wundervolle und spritzige Produktion. Von Monika Klein

Es wird ein Junge, und er soll Adolphe heißen, sagt der angehende Vater Vincent. Es ist, als hätte eine Bombe eingeschlagen, für einige Sekunden herrscht totale Stille im Pariser Wohnzimmer seiner Schwester Elisabeth, wo man gerade damit begonnen hat, sich über das marokkanische Büffet herzumachen. Es ist, als habe jemand plötzlich den Ton abgeschaltet, denn vorher fiel man sich gegenseitig ins Wort und spielte sich im geistreich-witzigen Gespräch gegenseitig die Bälle zu. Und mit dem vergnüglichen Namen-Raten war nun ohnehin Schluss.

Man kann seinen Sohn nicht wie Hitler nennen, darin waren sich Schwester "Babou", deren Ehemann und Literaturprofessor Pierre sowie der alte Freund Claude einig, und so fiel man von allen Seiten mit guten Argumenten über Vincent her, der sich stillvergnügt verteidigte, etwa: "Du hast uns Elsass-Lothringen genommen, du wirst uns nicht auch noch unsere Vornamen nehmen." Dass er die Freunde nur zum Narren gehalten hatte, stellte sich erst heraus, als die schwangere Anna verspätet hinzukam.

Tatsächlich hatten sie sich für eine klassische Variante entschieden: Henri, so wie der verstorbene Vater von Vincent und Babou. Aber da war die Luft längst raus aus dem Abend, eine magische Grenze im Miteinander überschritten, so dass nun alle übereinander herfielen und jeder dem anderen an den Kopf warf, was ihn schon immer gestört hat, bisher aber wohlweislich für sich behalten hat.

Nach dem Muster der bekannten Stücke von Yasmina Reza funktioniert die Komödie "Der Vorname" (Le Prénom) von Matthieu Delaporte und Alexandre De La Patellière, die auch unter demselben Titel verfilmt wurde. Die Theaterfassung war am Wochenende zweimal im Erholungshaus bei Bayer Kultur zu sehen. Und zwar in einer wundervollen und spritzigen Produktion der Konzertdirektion Landgraf.

Hervorragend besetzt waren die Charaktere dieser Gruppe, die sich seit Jahren nahesteht, in der aber jeder ein ausgeprägtes Individuum ist. Anne Weinknecht wechselte als Gastgeberin Elisabeth an diesem Abend vom umsichtigen Hausmütterchen, das bei allen interessanten Gesprächswendungen immer gerade in der Küche ist, zur selbstbewussten aber kratzbürstigen Frau, die mit ihrem Mann abrechnet und ihn zuletzt aus dem Schlafzimmer verbannt. Den zeichnet Christian Kaiser, in Karohemd und Cordjacke, als wortgewandten Literaturspezialisten, aber weichgespülten, unaufmerksamen Vertreter seiner Zunft. Sein Jugendfreund und Schwager Vincent ist das genaue Gegenteil: erfolgreicher Immobilienmakler im gut sitzenden Anzug, immer mit einem flotten Spruch auf den Lippen. Martin Lindow war diese Rolle geradezu auf den Leib geschnitten. Julia Hansen spielte seine eher kühle, sachliche aber nicht weniger schlagfertige Lebensgefährtin Anna. Junggeselle Benjamin Kernen schien als Claude der einzig Unkomplizierte in dieser Runde.

Der musisch-sensible Orchesterposaunist, der offenbar direkt aus dem Konzertsaal im Businessdress Frack auftaucht, scheint mit jedem gut auszukommen. Bis sich die anderen, nachdem sie sich gegenseitig als Egoist und Geizhals beschimpft haben, ihn vornehmen und unterstellen, schwul zu sein. Er könne sich ruhig outen, alle seien doch so verständnisvoll und tolerant. Dass die Toleranz der Geschwister Grenzen hat, wird deutlich, als Claude tatsächlich seine bereits mehrjährige Beziehung offenbart. Es ist Françoise, die Mutter von Elisabeth und Vincent!

Ein kurzweiliger und intelligent unterhaltsamer Abend.

Quelle: RP
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