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Leverkusen
Afghane Arif kämpft um sein neues Leben

Leverkusen: Afghane Arif kämpft um sein neues Leben
Arif spielt gerne Gitarre. Über die Musik hat die anfangs schwierige Verständigung doch geklappt. "Wir haben gedacht, dass wir in Deutschland ein neues Leben anfangen können. Aber es war alles viel schwieriger", sagt er. FOTO: Annette Dicke
Leverkusen. Der 17-jährige Arif ist nach einer abenteuerlichen Flucht aus dem Iran vor zwei Jahren in Leverkusen angekommen. Allein. In Sicherheit. Sein Gitarrenlehrer will ihn nun adoptieren. "Wer, wenn nicht wir", sagt Matthias Fromageot. Von Monika Klein

Wahrscheinlich wäre der 17-Jährige längst als Soldat nach Syrien geschickt worden, wenn ihn seine Familie nicht vor zwei Jahren auf eine abenteuerliche Flucht geschickt hätte. Jetzt wissen sie Arif (richtiger Name der Redaktion bekannt) in Sicherheit. Er hat in Deutschland ein "Abschiebeverbot" erwirken können - im Gegensatz zu einer Reihe von Landsleuten, denen die Abschiebung droht. Obwohl deren Situation noch bedrohlicher ist als die von Arif, der außerdem noch das Glück hatte, in einer deutschen Pflegefamilie aufgenommen zu werden. Sein Gitarrenlehrer Matthias Fromageot und dessen Ehefrau wollen den jungen Afghanen sogar adoptieren.

Nächtelang haben sie gesprochen und sich von Arif dessen komplizierte Lebensgeschichte erzählen lassen. Mittlerweile hat er auch so gut Deutsch gelernt, dass er sich gut mitteilen kann. Er ist still und besonnen, überlegt lange, bevor er die Lage erklärt, von der die meisten Menschen hier keine Ahnung haben. Arif ist der Abstammung nach Afghane, aber im Iran geboren und aufgewachsen. Seine Eltern sind in den 1970er Jahren vor den Russen ins Nachbarland geflohen, so wie viele andere schiitische Hazaren. Papiere haben sie im Iran nie bekommen, deswegen durften Arif und seine drei älteren Geschwister auch keine normale Schule besuchen. Unterrichtet wurden sie in illegalen Schulen der Comunity, die aber regelmäßig von der Polizei geschlossen wurden, um an anderer Stelle neu zu entstehen.

Heranwachsenden Jungen droht die Zwangsrekrutierung des iranischen Staates, der sie in den Kampf nach Syrien schickt. Einfach so, von der Straße weg. Dem wollten Arifs Eltern zuvorkommen. Sie regelten im Hintergrund seine Flucht, bezahlten eine Schlepperorganisation und informierten Arif erst kurz vor der Abreise. Über Teheran ging es in die Türkei, im Schlauchboot nach Griechenland und weiter nach Ungarn. 35 Tage später kam er während des Zuckerfests 2015 in Deutschland an. "Das war kein Spaß", sagt Arif vorsichtig. Er kannte weder die Route noch Namen, bekam seine Instruktionen per Handy und musste auch mal drei Tage auf der Straße schlafen, bevor es weiterging. "Wir haben gedacht, dass wir in Deutschland ein neues Leben anfangen können", erzählt Arif. Aber es war alles viel schwieriger. Er konnte weder Englisch noch Deutsch, als er im Jugendwohnheim St. Engelbert untergebracht wurde, Sprachunterricht gab es noch nicht. Aber der 17-Jährige konnte Gitarre spielen und wollte unbedingt Musik machen. So wurde er an den stellvertretenden Musikschulleiter vermittelt.

"Wir Musiker sind es gewöhnt, in internationalen Besetzungen zu spielen, wir können uns auch ohne Worte verständigen", betont Matthias Fromageot. Dennoch: Er übte täglich einige Worte Deutsch mit Arif, bis die Schule in einer Internationalen Klasse begann. Als der zweite ihrer vier Söhne zu Hause ausgezogen war, hatten die Kinder den Fromageots empfohlen, im freien Zimmer einen Flüchtling aufzunehmen. Das war Weihnachten 2015, aber er und seine Frau waren noch nicht so weit, sagt Matthias Fromageot. Erst als sie Arif besser kennengelernt hatten, reifte die Idee, ihn aufzunehmen. "Wer, wenn nicht wir", sagt er in Anlehnung an Merkels "Wir schaffen das!".

"Wir sind in Deutschland unermesslich reich an materiellen Gütern und freier Zeit." Jetzt skypen sie oft mit seiner Familie, und Arif ist der Übersetzer. Fromageot hat Arif auf die Anhörung beim Bundesamt für Migration vorbereitet und ihn begleitet. Er war entsetzt über das später zugesandte Protokoll, das laut seiner Angaben etliche Fehler aufweist und in dem einige Aussagen gar nicht auftauchen.

Die Geschichte von Arif und seinen Freunden, von denen er einen zur Anhörung begleitet hat, sei nicht ernst genommen worden, so der Eindruck. Obwohl Arif nie in Afghanistan war, wurde er über eine Abschiebung dorthin befragt. Das Schlimmste aber sei für alle die lange Ungewissheit, gesteht der 17-Jährige ernst.

Viele seiner Landsleute haben deswegen resigniert. "Es ist schwer, sie wieder aufzubauen und ihnen zu erklären, dass es in Deutschland eine Gewaltenteilung gibt, und dass Gerichte die Behördenbescheide prüfen und dann entscheiden", sagt Matthias Fromageot. Allerdings sind die überlastet, so dass alles dauert. Und zu seinem Schützling und dessen Freunden: "Das sind lauter intelligente junge Leute", versichert er. Aber sie brauchten eine Perspektive, um nicht in Apathie zu verfallen.

Quelle: RP
 
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