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Leverkusen
ALS: Wenn der Körper zum Gefängnis wird

Leverkusen: ALS: Wenn der Körper zum Gefängnis wird
Mit Vater Jörg und Mutter Margit (hinten) erlebte Kerstin Wirth das Derby gegen den 1. FC Köln im Büro von Bayer-04-Geschäftsführer Michael Schade (rechts), der Geschenke verteilte. FOTO: Uwe Miserius
Leverkusen. Kerstin Wirth ist eine der jüngsten Menschen mit der Nervenkrankheit ALS. Ein normaler Stadionbesuch ist für den Bayer-04-Fan undenkbar. Das Derby gegen Köln verfolgte die 25-Jährige im Büro von Geschäftsführer Michael Schade. Von Simon Janssen

Nur knapp drei Jahre ist es her, da stand Kerstin Wirth noch in der BayArena und jubelte der Werkself zu. Das Trikot ihres Lieblingsspielers Stefan Kießling durfte nicht fehlen, begleitet wurde die Leverkusenerin meist von ihrem Vater Jörg, der ebenfalls eine Dauerkarte besaß. Heute ist ein Stadionbesuch dieser Art undenkbar, denn Kerstin leidet unter Amyotropher Lateralsklerose (ALS). Die 25-Jährige ist weltweit einer der jüngsten Menschen mit der Nervenkrankheit. Die schwere Lähmung macht ihren Körper zu einem Gefängnis, aus dem es kein Entkommen gibt. Lediglich ihre Lippen kann sie unter großer Anstrengung ein wenig bewegen. Ernährt wird sie über eine Magensonde.

Am vergangenen Samstag, während des Derbys gegen den 1. FC Köln, fühlte sich Kerstin Wirth ein kleines bisschen in frühere Zeiten zurückversetzt. Gespannt blickte sie auf das satte Grün der BayArena und freute sich, ihren Herzensverein live zu sehen. Das Duell gegen die Kölner erlebte sie jedoch nicht auf den Zuschauerrängen, sondern im Büro von Bayer-04-Geschäftsführer Michael Schade. Begleitet wurde sie von ihren Eltern, einer Pflegerin und einer Therapeutin. "Wir möchten Kerstin den Wunsch auch in dieser Situation erfüllen", sagte Schade, der seinem Gast Socken in den Vereinsfarben und ein Poster mit Spieler-Autogrammen schenkte.

Bereits zum vierten Mal stellte der 62-Jährige Kerstin Wirth seine Räumlichkeiten zur Verfügung, um ihr das Vergnügen eines Stadionbesuchs zu ermöglichen. "Wir können in der Tiefgarage parken und mit dem Aufzug ins Büro", berichtete Mutter Margit Wirth, während sie auf das Beatmungsgerät blickte, das für ihre Tochter lebensnotwendig ist. Einen Moment später drehte sie die Zeit in Gedanken rund drei Jahre zurück und erinnerte sich an den Moment, als die ersten Symptome bei Kerstin auftraten. "Das war im September 2012." Ihre damals 21-jährige Tochter machte gerade eine Ausbildung zur Bürokauffrau, als sie merkte, dass etwas nicht stimmt. Ihre Arme wurden immer schwerer, schon das Anheben einer Kaffeetasse glich einem Kraftakt. Es folgte eine zehnmonatige Odyssee durch Krankenhäuser und schließlich die Lähmung des gesamten Körpers. Im März 2013 erhielt sie die niederschmetternde Diagnose: ALS.

Doch die Wirths taten alles, um ihrer Tochter das Leben zu erleichtern. Die Familie rüstete ihr Haus um und installierten einen Rollstuhllift. Trotz der schweren Gerätschaften, die wie Kletten an Kerstin hängen, unternehmen die Wirths Ausflüge, und auch Urlaube sind möglich - "immer in Begleitung von zwei Pflegern. Schließlich muss sie 24 Stunden betreut werden", betont Vater Jörg Wirth.

So schwer diese ausweglose Krankheit die Familie Wirth auch getroffen hat - Resignation sei nie eine Option gewesen, betonen die Eltern.

Quelle: RP
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