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Asfa-Wossem Asserate in Leverkusen
"Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten"

Asfa-Wossem Asserate in Leverkusen: Vortrag über Fluchtursachen
Pier-Luigi Degioris (links) lässt sich im Spiegelsaal von Schloss Morsbroich nach der Lesung ein Buch von Prinz Asfa-Wossen Asserate signieren. FOTO: U S
Leverkusen. Asfa-Wossem Asserate hat im Schloss Morsbroich über Fluchtursachen gesprochen. Der Afrika-Experte hat eine klare Botschaft: Afrika brauche Jobs, dann gebe es auch keine Flüchtlingsströme mehr. Von Ulrich Schütz

Der Äthiopier (68) mit deutschem Pass gilt als der Afrika-Experte. Im Schloss Morsbroich breitete der Prinz auf Einladung des Vereins "Ärzte für Äthiopien" seine Sicht über die Fluchtursachen aus. Beeindruckend, mit hohem Wissen um die komplexen Fragen des lange aufgegebenen Kontinents.

Über 100 Besucher hörten den einstündigen Vortrag und hatten am Ende vor allem eine Frage: "Was kann ich als Normalbürger tun, um zu helfen?" Rat des Unternehmensberaters: "Schreiben Sie Ihrem Bundestagsabgeordneten: Ich möchte nicht, dass mein Geld dazu ausgegeben wird, afrikanische Gewaltherrscher zu finanzieren." Diese Despoten ermöglichten ihrem Volk kein menschenwürdiges Leben.

Von den vielen Milliarden Euro Entwicklungshilfe für die 55 Länder Afrikas sei ein Teil zurück nach Europa geflossen: für Paläste an der Loire, Immobilien in London oder auf Schweizer Bankkonten. Asserate: "Wenn die Gewaltherrscher nicht mehr unterstützt werden, hat Afrika eine Zukunft." Die europäischen Staaten müssten ihre Politik zu dem Nachbarkontinent, der an einer Stelle nur 64 Kilometer entfernt ist, grundlegend ändern. Afrika brauche Hilfe zur Eigeninitiative, eine gemeinsame politische Lösung. Wer das Asserate-Buch "Die neue Völkerwanderung" aufschlägt, erkennt gleich vorne auf der Karte die Größe des Kontinents: Dagegen wirkt Europa klein.

Der Afrika-Experte verschwieg nicht die negativen Entwicklungen. Aber: "Afrika mit seinen 1,2 Milliarden Menschen (85 Prozent unter 25 Jahre alt) ist ein Kontinent der Vielfalt." Es gebe wirtschaftlich aufstrebende Millionenstädte. Genauso finde sich jedoch auf dem Land die seit Jahrhunderten unveränderte traditionelle Lebensweise mit allen erkannten Problemen. 2000 Sprachen, eine hohe Geburtenrate (Kinder als Altersversorgung), Analphabetentum und schlecht regierte Länder mit massiven Rechtsunsicherheiten seien große Hürden.

Afrika leide dazu unter der "skandalösen EU-Agrar- und Handelspolitik". Die europäischen Firmen überfluteten Afrika etwa mit Hähnchenfleisch und Tomatenmark. Folge: Die einheimischen Kleinbauern können mit der billigen Konkurrenz nicht mithalten, geben auf. Das gehöre gestoppt. Die Landwirtschaft sei der Schlüssel zur Entwicklung Afrikas. Die bittere Ironie: Genau solche betroffenen Bauern würden dann beispielsweise in Italien bei der Tomatenernte helfen (müssen), deren Ertrag dann wiederum in ihrer Heimat zu den Existenzvernichtungen führten. "Italiens neue Sklaven" heißen diese Billig-Saisonkräfte, sagte Asserate.

Der "Weltbürger", wie ihn Chefarzt Jürgen Zumbé (Veranstaltervertreter) nannte, vermittelte aber auch Hoffnung für Afrika: Der Kontinent brauche einen Marshallplan, wie ihn die USA nach dem Zweiten Weltkrieg initiierten. (Europas Wiederaufbau wurde durch Rohstoffe, Finanzhilfen, Lebensmittel und Waren unterstützt). Dazu müsse ein Internationaler Rechnungshof kontrollieren, wie Entwicklungshilfe ankommt. Afrikanische Staaten und Europa benötigten Wirtschaftsbeziehungen auf Augenhöhe. Die Bundesregierung könne dies durch mehr Hermes-Bürgschaften untermauern. Denn: Von 420.000 weltweit tätigen deutschen Firmen seien nur gut 800 in Afrika unterwegs.

Zumbé, der die Veranstaltung moderierte, zeigte sich beeindruckt von den intensiven Schilderungen. "Ich habe durchaus das Gefühl von Ratlosigkeit", gab er zu und traf damit wohl das Gefühl vieler Besucher.

In der Diskussion tauchte dann ein Problem auf, das Afrika wie Europa trifft: Auf beiden Erdteilen wächst die Schar der Universitätsabsolventen und der Mangel an Handwerkern steigt. "Wenn ich in Afrika erzähle, dass in der EU ein Elektriker deutlich mehr als ein Uni-Dozent verdienen kann, glauben sie mir das nicht", bestätigte Asserate. Er setzt jetzt seine Hoffnung auf die von den Afrikanern entwickelte "Agenda 2063". In ihr seien die Elemente eines Marshallplans enthalten: Eine gute Basis für die Zusammenarbeit von Afrika und Europa, findet der Experte.

Ärzte für Äthiopien: Der Verein sucht neben Spenden auch aktive Helfer. Mitgliedsbeitrag ab 3,50 Euro. Telefon: 02241 1652831. www.doctorsforethiopia.com

Quelle: RP
 
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