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Bergisch Neukirchen
Auf diesen Stundenschlag ist Verlass

Bergisch Neukirchen: Auf diesen Stundenschlag ist Verlass
Retter und Hüter der alten Kirchturmuhr von Bergisch Neukirchen ist der frühere Küster, Hartmut Hillmann. Das alte Ziffernblatt ist offenbar älter als die Uhr. Es zeigt die Jahreszahl 1784. Die Seilwinde der Uhr erfüllt weiterhin verlässlich ihre Funktion. FOTO: Ralph Matzerath
Bergisch Neukirchen. Die Turmuhr der evangelischen Kirche in Bergisch Neukirchen wird 150 Jahre alt. Hartmut Hillmann hat sie repariert. Von Monika Klein

Vier Uhrmacher hatte Hartmut Hillmann 1981 bestellt, um die stehengebliebene Kirchturmuhr wieder in Gang zu bringen. Alle zuckten nur mit den Schultern, nachdem sie sich das Innenleben der historischen Uhr in der evangelischen Kirche angesehen hatten. In ihren Augen war dieses Uhrwerk aus dem Jahr 1868 ganz einfach Schrott. "Damit wollte ich mich aber nicht abfinden", sagt Hartmut Hillmann, der damals Küster in Bergisch Neukirchen war. Der gelernte Werkzeugmacher nahm das Werk auseinander und reinigte alles. Ein paar Zähne fehlten, die habe er hartlöten lassen. Und er schaffte tatsächlich, was die Fachleute nicht mal versuchen wollten. Die Rheinische Post berichtete damals über die gelungne Reparatur, die bis heute gehalten hat. In den vergangenen 37 Jahren ist sie nicht ein Mal stehengeblieben. Jetzt kann die Gemeinde ein seltenes Jubiläum feiern: Die Turmuhr wird 150 Jahre.

Am 18. November 1867 beschloss das damalige Neukirchener Presbyterium, eine neue Turmuhr anzuschaffen. Die Königliche Regierung in Düsseldorf wurde um entsprechende Genehmigung gebeten. Am 4. Dezember wurde die Bestellung besiegelt im "Kontrakt über die Lieferung einer neuen Kirchenuhre für Neukirchen von Carl Wilhelm Heuser zu Elberfeld". Geliefert werden sollte zwischen Ostern und Pfingsten 1868. In den ersten Jahren musste wiederholt die Pendelfeder erneuert werden. Laut Uhrmacher wegen fehlerhafter Bedienung durch Verdrehen des Pendels.

Weil Hillmann im Kirchenarchiv keine weitere Aufzeichnung über Störungen und Reparaturen fand, geht er davon aus, dass erst 1938 wieder die Pendelfeder brach. Die wurde von der Mechanischen Werkstatt Ernst Drücker in Bergisch Neukirchen erneuert, deren Rechnung noch existiert. Für die 2,5 Stunden Arbeitszeit wurden zwei Reichsmark berechnet. 1965 und 1968 wurden Kostenvoranschläge für den Einbau einer neuen Kirchturmuhr eingeholt, aber vermutlich aus finanziellen Gründen nie realisiert. 1980 blieb die Uhr ganz stehen, die regelmäßigen Schläge blieben aus - bis Hillmann die Reparatur gelang. Dabei gehörte der Stundenschlag doch zur Geschichte des Ortes. Im 18. und 19. Jahrhundert diente die Turmuhr auch als Schuluhr. Damals befand sich die kleine Schule im schieferverkleideten Haus gegenüber an der Burscheider Straße 72. Das Ziffernblatt ist von dort gut abzulesen, und so haben die Lehrer danach ihre Unterrichtsstunden und Pausen gerichtet. In alten Protokollen des Presbyteriums werden wiederholt Beschwerden der Schule vermerkt, dass die Uhr nicht ordnungsgemäß bedient werde und die Unterrichtszeiten deswegen nicht ordnungsgemäß eingehalten werden konnten. Bis dahin musste die Uhr zwei Mal pro Woche aufgezogen werden.

FOTO: Matzerath Ralph

Als der Turm im Jahr 1911 erhöht wurde, konnten die Seile der Gewichte verlängert werden. Seitdem reicht ein Mal aufziehen pro Woche. Das ist ein echter Kraftakt, weiß Hillmann, dessen Aufgabe es als Küster über 30 Jahre war. Seinen Nachfolgern, die das nach wie vor von Hand tun müssen, hat er immerhin eine technische Erleichterung hinterlassen. Das Hinterachsgetriebe eines alten DAF hat er umgebaut und vor die riesige Seilkurbel gesteckt, um eine bessere Übersetzung zu schaffen. Immerhin wiegen die Stahlgewichte mindestens zwei Zentner. Die Ganggenauigkeit der 150 Jahre alten Uhr ist erstaunlich. Nur bei extremen Temperaturschwankungen geht sie zwei Minuten vor oder nach. Bei Kälte zieht sich der riesige Perpendikel zusammen und die Uhr geht schneller, bei Hitze ist es umgekehrt, erklärt Hillmann. Er ist nach der Pensionierung nach Kürten gezogen, blieb aber dem Presbyterium als Baukirchmeister erhalten.

Quelle: RP
 
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