| 12.48 Uhr

Leverkusen
Bayers geheimnisvolles Labyrinth unter Tage

Leverkusen: Bayers geheimnisvolles Labyrinth unter Tage
Joachim Borrmann in der Kälteanlage unter dem ehemaligen Konzernhochhaus. FOTO: Ralph Matzerath, Bayer
Leverkusen. Der Chempark liegt nicht nur auf der Oberfläche. Auch unter dem Industrieareal läuft vieles ab. Manchmal hängt das produktive Überleben an einem Raum im Keller. Ein Besuch unter den Konzernzentralen. Von Ludmilla Hauser

Die Tür fällt ins Schloss. Von der anderen Seite wird der Schlüssel rumgedreht. Wenn Joachim Borrmann jetzt keinen Schlüssel mehr in der Tasche hat... und dann das Licht nur noch flackern statt leuchten würde... wie ging nochmal die Handlung im Film "Der dritte Mann"?

Wer zum ersten Mal in die Tiefen des Chemparks - und das im wörtlichen Sinne - hinabsteigt, den beschleicht neben Neugier kurz ein mulmiges Gefühl. Dann lächelt Joachim Borrmann, der zuständige Objektleiter der Bayer Real Estate (BRE: die Immobilienverwaltung), freundlich, holt den Schlüssel für die nächste Tür raus und erzählt: "Zu Zeiten, als das Hochhaus noch stand, durften die Mitarbeiter bei starkem Wind nicht oberirdisch aus dem Haus. Das war zu gefährlich - wegen Verwirbelungen zum Beispiel. Die Mitarbeiter wurden in den Keller geleitet."

Durch etliche Gänge ging es für sie unterirdisch bis zur ersten Bayer-Konzernzentrale, dem historischen Gebäude Q 26 auf der anderen Seite der Kaiser-Wilhelm-Allee, und über dessen marmornen Eingangsbereich nach draußen. "Hier unten waren Pfeile aufgestellt, die die Richtung anzeigten", sagt Borrmann. "Manchmal mussten wir hier Leute suchen, die sich verlaufen hatten."

FOTO: Matzerath, Ralph (rm-)

Joachim Borrmann kennt das Labyrinth unter Tage zwischen den Kellern der drei Konzernzentralen Q 26, W 1 (ehemaliges Hochhaus) und W 11 (halbrunder Glasbau der heutigen Zentrale) bestens. Er hatte Anfang der 90er Jahre die Aufgabe, mal alle Brandmelder aufzulisten - "da bin ich alle Keller abgegangen". So ist Borrmann auch aufgefallen, was viele Besucher der Konzernzentrale auch fragen: "Nein, es gibt keine Verbindung von W 11 zum Bayer Kasino, damit die Vorstände bei schlechtem Wetter trockenen Fußes zum Mittagessen gehen können. Solch ein Tunnel wurde seltsamerweise nie gebaut."

Dabei wären für diesen vermutlich weniger Schlüssel gebraucht worden als für die Verbindung unter der Kaiser-Wilhelm-Allee. Denn: Auch unterirdisch gilt die Werksgrenze. Die Türen zwischen Werksbereich hinter dem Werkszaun und vor dem Werkszaun kann Borrmann nicht selbst aufschließen, er hat dafür auch keinen Schlüssel - hier ist der Werksschutz zuständig.

FOTO: Matzerath, Ralph (rm-)

Vom Abgang in den Keller von Q 26 führt der Weg, den Borrmann durchs Labyrinth unter Tage wählt, zu W 2. In spanplattenbraunen Aufbewahrungsanlagen ruhen zigtausende Akten im eingegrenzten Archiv. Ein grüner Sessel und ein leerer Schreibtisch erinnern an die Zeiten, als hier unten noch jemand saß, der gewünschte Akten herausgesucht hat. Heute gehen Anfragen an Borrmann. "Dies ist aber nicht das historische Archiv von Bayer", weist der BRE-Mitarbeiter hin. Es geht weiter durch Türen und Gänge über zwei Etagen. An vielen Wänden scheinen Rohre bis ins Unendliche zu laufen. Borrmann deutet auf eine Stelle an der Wand: "Hier war früher der Akten-Paternoster. Die Post kam in der alten Poststelle in Gebäude Q 22 an, von dort über Fließbänder hierher und über den Paternoster bis in die 29. Etage des Hochhauses. Dort hat es gebimmelt und die Post wurde abgeholt."

Von den vielen überirdischen Etagen des Hochhauses ist nichts mehr zu sehen, bis auf eine kleine Rotunde auf der Wiese - ein Eingang zum Keller. Unterirdisch hat das Hochhaus noch drei Kelleretagen. Eine ist leer, die beiden anderen beheimaten Technik satt - für die aktuelle Konzernzentrale und das Gebäude W 3, das Baykomm.

FOTO: Matzerath, Ralph (rm-)

Im zweiten Untergeschoss ruht die beeindruckende Kälteanlage für die beiden Gebäude. "Die Zentrale hat keine Klimaanlage", berichtet Borrmann. Es gibt dicke Rohre und Leitungen und Ventile und staubige Kessel und Flaschenzüge für gewaltige Lasten. Joachim Borrmann wirkt fast winzig in dem Saal. "Auf Zuruf werden die Technikräume gereinigt, die Treppenhäuser und Gänge öfters", fügt der Objektleiter an.

Unweit liegt der für die Bayer-Zentrale wohl wichtigste Kellerraum, der Raum mit dem Notstromdiesel, der so industriell hübsch daherkommt, als stünde er in einem Museum. "Das ist wie ein alter Schiffsdiesel", sagt Borrmann. KHD Deutz steht dran. Für mehrere Stunden könne der Notstromdiesel eine Notbeleuchtung und ein gewisses Stromnetz aufrecherhalten, mehrere Tanks fassen tausende Liter Diesel. Auch sonst ist das Keller-Labyrinth für Bayer unverzichtbar: als Lager und als Transportweg für Möbel, Hausmüll, Pakete - und für Müsliriegel, die ein Mitarbeiter auf einem Rollwagen durch die Gänge schiebt. Bis zur Tür, die der Werkschutz von der anderen Seite öffnet.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Leverkusen: Bayers geheimnisvolles Labyrinth unter Tage


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.