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Leverkusen
Chuzpe - charmant, tiefsinnig, gut

Leverkusen: Chuzpe - charmant, tiefsinnig, gut
Joachim Bliese (l.) und Ulrike Folkerts (r.) liefern sich eine wunderbare Vater-Tocher-Beziehung auf der Bühne. FOTO: Bo Lahola
Leverkusen. Der Vater verliebt sich in eine wesentlich jüngere Frau: Die realistisch veranlagte Tochter muss das erstmal verkraften. Das Stück "Chuzpe" brachte das Thema wunderbar leichtfüßig auf die Bühne der Festhalle Opladen. Von Tobias Falke

"Chuzpe" ist ein jiddischer Begriff, der so viel wie Unverschämtheit oder unwiderstehliche Dreistigkeit bedeutet. Unverschämt gut und unwiderstehlich charmant war das gleichnamige Stück, das in Deutschland von den Hamburger Kammerspielen erstaufgeführt wurde und nun in Opladen in der Festhalle von Dieter Berner auf die Bühne gebracht wurde. Ursprünglich stammt das Bühnenstück aus der Feder von Lily Brett, die 1946 im bayerischen Deportationslager Feldafing geboren wurde und deren Eltern Auschwitz-Überlebende sind. Ihr Vater würde im Alter von 100 Jahren immer noch quicklebendig das Leben genießen, wie Claudia Scherb vom Kulturbüro Leverkusen verrät.

Die Familie wanderte 1948 nach Australien aus, und Lily Brett zog dann 1989 mit ihrem Ehemann nach New York. Dort knüpft das Stück an, das mit viel Herz und Leichtigkeit daher kommt, aber auch die Schwierigkeiten zwischen Vätern und Töchtern beschreibt. Der jüdische Humor, beißend scharf, selbstironisch und meist auf eigene Kosten, darf hier sicherlich nicht fehlen. Herrlich dargestellt wird Vater Edek von Joachim Bliese.

Der 82-Jährige ist auf der Bühne immer noch eine Augenweide, spielt gekonnt euphorisch - gleichzeitig auch tiefsinnig. Die Rolle nimmt der Zuschauer ihm sofort ab. Seine Tochter Ruth wird von Ulrike Folkerts, die als langjährige "Tatort Ludwigshafen-Kommissarin" Lena Odental dem TV-Publikum bekannt ist, verkörpert.

Es ist einfach bezaubernd, den beiden Hauptdarstellern auf der Bühne zuzuschauen. Die tiefe Verbindung, die die beiden Figuren füreinander empfinden, lässt so manche Entscheidung nicht wirklich rational erklären. Für eine stattliche und wirtschaftlich erfolgreiche Frau, wie Folkerts sie verkörpert, keine einfache Aufgabe.

Doch sie vertraut ihrem Vater, wenn auch mit Bauchschmerzen, lässt am Ende die Dinge einfach geschehen und wird auch damit fertig, dass ihr Vater im hohen Alter nochmals eine Liebesbeziehung mit einer weitaus jüngeren polnischen Jüdin eingeht, die er schließlich mitsamt deren Mutter nach New York holt.´Diese lässt er nicht nur bei sich einziehen, sondern eröffnet mit ihr gleich auch noch ein jiddisches Restaurant. Für gerade einmal 30.000 Dollar gelingt es den Beiden schlussendlich ihren neuen Laden "You gotta have Balls" zu solch einem großen Erfolg zu führen, dass sogar Hollywood-Regisseur Steven Spielberg zum Essen erscheint, und die großen Zeitungen von dem kleinen Laden in der "E Houston Street" berichten.

Die Nebendarsteller sind hervorragend. Rabea Lübbe schlüpft in diesem Kammerspiel sogar gleich in zwei Rollen und spielt diese originell ausdrucksstark und pointiert. Das schlichte Bühnenbild und die fließenden Abläufe passen dazu gut ins Bild.

Fazit: Ein sehr gelungenes, humorvolles Stück über die Vater-Tochter-Beziehung, die Liebe und das Leben. Zugleich regt es zum Nachdenken an. Schön, dass die Hamburger Kammerspiele den Weg nach Opladen gefunden haben.

Quelle: RP
 
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