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Leverkusen
Das Katastrophenhaus Kölner Straße

Leverkusen: Das Katastrophenhaus Kölner Straße
FOTO: Miserius Uwe
Leverkusen. Spätestens im August will der Bauverein Opladen (GBO) mit dem Abriss des Hauses Kölner Straße 99 beginnen. Der RP gewährte der GBO zuvor einen Blick in die Brandruine. Von Ludmilla Hauser (Text) und Uwe Miserius (Fotos)

Der Brandgeruch klebt in der Luft wie eine Klette. Bis ins oberste Stockwerk ist das Haupttreppenhaus schwarz von Ruß. Der Boden ist mit einem Ruß-Asche-Staub-Gemisch bedeckt. Die hellen Fliesen des ehemaligen Brautmodegeschäfts unter dieser Schicht könnte man noch als das Intakteste bezeichnen, was das Brandhaus an der Kölner Straße 99 zu bieten hat.

"Das Umweltamt war gerade hier, ein Abriss- und Entsorgungskonzept haben wir beauftragt. Der Gutachter hat sich ebenfalls das Gebäude schon angesehen. Wir rechnen damit, dass das Konzept Ende Juli vorliegen wird", sagt Alexander Dederichs, Vorstandsmitglied des Gemeinnützigen Bauvereins Opladen (GBO).

FOTO: Miserius Uwe

Dederichs steht im leeren Erdgeschoss zwischen einigen Stahlstützen und unter einer zweigeteilten Decke. Im Anbau aus den 1970er Jahren ist sie aus Beton, im alten Haus noch aus dicken, nun rabenschwarzen Holzbalken. Vom einstigen Brautmodegeschäft ist nichts mehr übrig. Von draußen weht durch die mit Brettern nur zu Dreiviertel verbarrikadierte Fassade ein frisches Lüftchen herein. Der beißende Brandgeruch bleibt, als wäre das Feuer erst vor ein paar Tagen ausgebrochen und gelöscht worden. Tatsächlich ist die verheerende Brandnacht mehr als eineinhalb Jahre her. Neun Feuerwehrleute sind bei dem harten Einsatz teils schwer verletzt worden, weil sie im Treppenhaus von einer "Rauchdurchzündung" überrascht wurden (wir berichteten).

In der Zwischenzeit hat das Haus hinter dem mittlerweile abgebauten Gerüst seine ganz eigene Geschichte geschrieben. Dederichs geht ein paar Stufen hoch auf eine Zwischenetage. "Hier war mal ein Tanzlokal", sagt er. Der große sich zur Humboldtstraße ausdehnende Raum setzt der Fantasie, sich heiter bewegende Menschen darin vorzustellen, Grenzen, Eine weiß-fleckige Couch mit wild zusammengewürfelten, etwas abgeranzt aussehenden Decken und Kissen, ein Sortiment an leeren Flaschen, einst mit Alkoholika gefüllt, vermitteln eher den Eindruck, dass sich Obdachlose in dem leeren Haus einen zumindest trockenen Platz für den Winter gesucht haben könnten. Auf jeden Fall breitgemacht haben sich Katzen, deren Kot jeden Schritt in dem einstigen Geschäfts- und Wohnhaus begleitet. Eine Etage höher - vielleicht auch nur eine Zwischenetage, denn mehrere Treppen und Treppenaufgänge führen durch die Geschosse des verwinkelten Gebäudes mit großem Anbau - stehen vier, fünf Dessertteller üppig angehäuft mit Katzentrockenfutter, das noch recht frisch aussieht. "Seit wir hier übernommen haben, haben wir das Gebäude gut abgesichert. Hier kommt niemand mehr rein. Aber was hier vorher los war... ": Dederichs zuckt mit den Schultern.

FOTO: Miserius Uwe

Weiter hinten öffnet sich der Raum in die Breite: "Hier war ein Billard-Café untergebracht." Eine Reihe Billard-Tische stehen im teils rot verkleideten Raum. Die typischen grünen Lampen hängen im Trio an einer Metallstange darüber, ein wenig verstaubt zwar, aber scheinbar noch intakt. "Das Feuer hat hier hinten nicht so stark gewütet, dennoch ist fast alles nicht mehr brauchbar", sagt das GBO-Vorstandsmitglied und geht dahin, wo die Feuerwehrleute Anfang Januar 2015 von einer plötzlichen Hitzeentwicklung von weit mehr als 800 Grad überrascht wurden - ins Haupttreppenhaus. An den massiven Türen sind die Spuren des Aufbruchs durch die Feuerwehrkräfte zu erkennen, ansonsten beherrschen Ruß und von der Hitze zerfressene Bauteile das Bild. Dederichs steigt noch eine Treppe hoch. Es geht in eine der Eigentumswohnungen. Hinein in das Leben eines Opladeners, einer Opladenerin, einer Familie, die von ihren Habseligkeiten nicht mehr viel mitnehmen konnten. In der Diele ein noch verschlossener Sack Kaninchenfutter auf der Kommode, daneben ein Stall. Weihnachtsdekoration vom Fest 2014 hängt noch an Decken und Wänden. In einem Raum steht ein Christbaum. Die Nadeln sind braun. Die blauen Kugeln und die Lichterkette hängen noch. Ein Karton liegt wie gerade heruntergefallen da, Kontoauszüge der Sparkasse sind noch zu erkennen, ein Handy, persönliche Papiere, eine Laptop-Tasche, ein blaues Kinderhandtuch, eine Edeka-Quittung. Ein ganz normales Leben, das jäh in der Nacht zum 5. Januar 2015 zumindest in diesen Wohnungen ein Ende gefunden hat. "Von den Bewohnern war damals niemand mehr im Haus", hatte Jörg Gansäuer von der Feuerwehr jüngst noch einmal berichtet.

In der Küche einer der Wohnungen ist die Gefriertruhe erstaunlicherweise absolut leer. Auf der Anrichte liegt ein beiger Einweghandschuh, auf dem Küchentisch stehen ein Dutzend Pfandflaschen und eine recht neu aussehende, noch verschlossene Riesentafel Milka-Schokolade. Auf dem angrenzenden Balkon wieder Pfandflaschen. Der Eindruck, dass hier noch jemand nach dem Brand gehaust haben könnte, lässt ebenso nicht mehr los, wie der Brandgeruch penetrant in der Nase beißt.

FOTO: Miserius Uwe

Alexander Dederichs rechnet damit, dass der Abriss des Hauses, in dem einst neben Brautmode-Schneiderei, Tanzlokal und Billard-Café auch ein Speiselokal untergebracht war, spätestens Anfang August losgehen und dann gut zwei Monate dauern wird. Es werde eine Abrissstatik geben, "damit das hier vernünftig abläuft", sagt der GBO-Vorstand. "Wir rechnen hier beim Abriss eigentlich nicht mit großen Überraschungen."

Das Haus nebenan hat der Opladener Bauverein ebenfalls gekauft, auch das wird wahrscheinlich noch in diesem Jahr abgerissen. Der GBO will dann auf beiden Flächen einen Neubau errichten - "der Bebauungsplan schreibt Gewerbe und Wohnungen vor. Wir sind am Anfang unserer Planungen und gehen neben Gewerbe erstmal von insgesamt 15 neuen Wohnungen auf dem Areal aus", verrät Alexander Dederichs. Um Parkraum zu schaffen, soll eine Tiefgarage mit Zufahrt von der Karlstraße entstehen. Die Baugenehmigung für die von der Kölner Straße aus gesehen linke Fläche neben dem Brandhaus, auf der ehemals eine Shell-Tankstelle beheimatet war, erwartet der GBO in Kürze. Zunächst soll aber der Abriss der Häuser erfolgen. "Danach wird der Rohbauer am Stück arbeiten können", sagt Dederichs. Spätestens dann beginnen die Erinnerungen an das Katastrophenhaus an der Kölner Straße zu verblassen.

Quelle: RP
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