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Leverkusen
Die Bayer Philharmoniker und die großen Gefühle

Leverkusen. Es war ein Abend der großen Gefühle. Nach einem wohligen Seelenschmeichler im ersten Teil entwickelten die Bayer Philharmoniker nach der Pause große sinfonische Dramatik, die sich vom verhaltenen Pianissimo in ein ohrenbetäubendes Fortissimo steigerte. Von Monika Klein

Für die akustischen Streicheleinheiten zu Beginn war vor allem der Solist des Abends verantwortlich. Daniel Müller-Schott brachte sein Instrument beim Konzert für Violoncello und Orchester d-Moll von Édouard Lalo zum Singen. Weich und innig spannte er eine endlos erscheinende Melodik über den murmelnden Orchestergrund, der mit peitschenden Akzenten kleine Störfeuer in die melodiöse Seligkeit bringen.

In diesem Solokonzert stand der Cellist durchweg im Mittelpunkt, während sich die Orchestermusiker ihm zuarbeiteten und den behutsam den schmeichelnden Sound trugen. So jedenfalls schien Dirigent Bernhard Steiner sein Ensemble zur Zurückhaltung zu mahnen, ohne dabei an Tempo oder rhythmischer Prägnanz zu verlieren. Der heitere, von volkstümlicher Musik inspirierte dritte Satz lebte von unterschiedlichen markanten Rhythmen, die sich wirkungsvoll ineinander verhakten. Doch selbst in dieser prickelnden Vitalität im Finale des Lalo-Konzertes mit aufblühenden Bläsern und energiegeladenem Spiel verteilte das Soloinstrument als treibende Kraft weitere Streicheleinheiten. Mit heftigem, lang anhaltendem Applaus forderte sich das Publikum noch eine hochemotionale Zugabe vom Cellisten ein, bevor es Daniel Müller-Schott von der Bühne entließ.

Emotional ging es auch im zweiten Teil dieses zweiten Sinfoniekonzertes im Spielplan von Bayer Kultur weiter. Wenn auch in einer ganz anderen Grundstimmung. Nicht zufällig hatten Steiner und die Bayer Philharmoniker als Pendant zu diesem Solokonzert die 4. Sinfonie f-Moll gewählt, die Peter Tschaikowsky in seinem persönlichen Krisenjahr 1877 geschrieben hat. Als tröstlich soll er die Musik des französischen Kollegen und Zeitgenossen Édouard Lalo gerade in jener Zeit empfunden haben, als sich Tschaikowsky am Genfer See erholte.

Aus seiner vierten Sinfonie mag man die angespannte Lebenssituation im Entstehungsjahr heraushören, wie sie die Biografen festgehalten haben. Chronische Geldsorgen, der missglückte Versuch einer Ehe (die nur elf Wochen dauerte) und die Schwierigkeit, mit seiner Homosexualität umzugehen, stürzten ihn in eine tiefe Depression. Diese extremen Gefühle machten die Bayer Philharmoniker mit ihrer Interpretation in den unterschiedlichen Facetten hörbar.

Das Schicksal, das die Hörner zu Beginn in unerbittlichen Motiven anklopfen ließen - ein schwermütiger Walzer vermittelt so gar keine Lebensfreude -, ein Oboensolo in Melancholie versunken sowie eine freudlose Erinnerung an Volksfeste zeigten die Gefühlswelt eines Suizidgefährdeten, an dem das Leben vorüberzieht. Auf diese Emotionen, in denen auch kurze Momente des Glücks aufleuchteten, konzentrierte sich das Orchester. Und zwar mit einer Energie, die auch durch den ganzen intensiven und Kräfte zehrenden vierten Satz trug.

Quelle: RP
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