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Leverkusen
Die Kreuzkröte: süße Träume im Baulärm

Leverkusen. Während in der Bahnstadt Opladen die Bauarbeiter auf der Westseite der Bahnstadt (nahe ehemaliger Bahnhof) ackern und dabei ordentlich lärmen, ruht die geschützte Kreuzkröte in aller Seelenruhe in ihrem "Testareal". Von Peter Korn

Noch schlafen sie den Schlaf der Gerechten, die Kreuzkröten auf dem Gelände der Neuen Bahnstadt Opladen, nahe des ehemaligen Bahnhofgebäudes Opladen. Einige Wochen soll ihr Winterschlaf noch dauern - nur von Ruhe kann in ihrem derzeitigen Wohnumfeld eigentlich keine Rede sein.

Ein mit Bauzäunen abgestecktes Rechteck neben Schutthaufen, Erdhügeln und der Baustraße zwischen Bahnhof und Recycling Bender - in diesem Brennpunkt mitten im von Baumaschinen zurzeit auf links gedrehten Westteil der Bahnstadt müssen die Familienmitglieder der so genannten Bufo calamita darauf hoffen, dass das Sandmännchen ihnen trotz allem auch ausreichend süße Träume beschert.

Zugegeben: Sand gibt es auch genug, nur buddeln eben Bagger lautstark drin herum. Kipplaster transportieren ihn tonnenweise von einer Ecke in die andere. Und auch sonst herrscht rund um das Kröten-Wohnviertel ein Radau, der an Schlaf eigentlich nicht mal denken lässt, aber zumindest das Rattern der Güterzüge kennen sie ja schon lange.

Dass Herr und Frau Kreuzkröte dennoch fest vor sich hin dösen, davon sind die Verantwortlichen in der städtischen Bahnstadt-Gesellschaft überzeugt. Die Tiere seien eine "Pionierart", die vegetationsarme Lebensräume seit vielen Jahren gewohnt sei. Tierschützer betonen zudem, insbesondere die Kreuzkröten-Männchen seien ziemliche Radaubrüder. Ihre metallisch rätschenden Paarungsrufe, die sie im April und Mai hören lassen, sollen bis zu zweieinhalb Kilometer weit vernehmbar sein. Das kennt man bei den Menschen sonst allenfalls von holländischen Campingplätzen. Vielleicht träumen die Kröten aber auch so lange, weil sie im Schlaf etwas besonders Schönes sehen:

- sonnenexponierte Tümpel verschiedener Größe und Tiefe beispielsweise

- Teiche, größer als 300 Quadratmeter und mindestens sechs bis acht Wochen im Jahr mit genug Wasser

- Tagesverstecke und Winterquartiere in Hülle und Fülle, etwa grabbares Substrat, Böschungen oder üppige Natursteinhaufen

- und dazu kommen natürlich Gärtner, die ungeliebte Vegetationsformen in regelmäßigen Abständen zwischen einem und drei Jahren entfernen. Für die Kreuzkröte werden diese Träume übrigens tatsächlich Wirklichkeit. Sie sind nämlich keine Hirngespinste, sondern beschlossene Sache. Nachzulesen ist das im Bebauungsplan 208. Der Projektplan regelt den Umzug von Familie Kreuzkröte aus dem Gütergleisgebiet in die Gärtnerkolonie Schlebuschrath. Im Plan heißt es unter anderem, der Kreuzkröte müsse westlich von Schlebuschrath (neben Alkenrath an der Dhünn) "eine Lebensraumfunktion für die streng geschützte Art" zur Verfügung gestellt werden.

Dort kann sie sich dann nach Herzenslust vermehren, denn die Probleme in freier Natur werden ihr in ihrem neuen Zuhause weitestgehend abgenommen: Die Gefahr, dass das Wasser austrocknet, bevor die Kaulquappen die Entwicklung zur landlebenden Kröte vollzogen haben, wird ihr in dem neuen Gebiet östlich der Kleingartenanlage vermutlich nicht blühen. Auch bei der Nahrung ist Familie Kröte genügsam: Laut Naturschutzbund Nabu erbeuten die Tiere vor allem kleine Schnecken, Würmer, Spinnen und Insekten. Und da die Laichschnur eines Weibchens bis zu 4000 Eier enthält, sind der unbeschwerten Fortpflanzung im neuen Schöner-Wohnen-Bereich nahezu keine Grenzen gesetzt.

Bis es soweit ist, können Herr und Frau Kröte in der Bahnstadt diesen paradiesischen Zuständen weiter entgegendämmern. Die Bewohner in Schlebuschrath und Alkenrath sollten sich indes vielleicht vorsorglich Ohr-stöpsel zulegen. Denn wenn die Kröte erst einmal so richtig Radau machen darf und dann auch noch zahlenmäßig in die Vollen geht, könnte sich manch einer bald mit einem Lärmszenario konfrontiert sehen, gegen das der Bau-Krach im Bahnstadt-Westteil eher an ein Schlummer-Konzert erinnert.

Quelle: RP
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